Kurz: Landschaftsverband Stade

Projektbericht: Der Untergang der „Cimbria“

von Hans-Georg Ehlers

Das tragische Unglück, dem am 19. Januar 1883 mehr Menschen zum Opfer fielen, als jeder anderen zivilen Katastrophe in der deutschen Schifffahrtsgeschichte, ist im Museum „Windstärke 10“ sehr gut dokumentiert. Wrackfunde, Passagierlisten und Zeugenaussagen vor dem Seeamt illustrieren eindringlich die Schrecken der Unglücksnacht.

Die Bedeutung und die Dramatik der Ereignisse finden naturgemäß das Interesse aller Museumsbesucher, vor allem auch der Schülerinnen und Schüler. Davon ausgehend kann der Untergang der „Cimbria“ im museumspädagogischen Angebot des Hauses einen attraktiven und relevanten Platz einnehmen.

Schwimmwestenprobe Windstärke 10Unser Projekt sollte praktisch erkunden, wie ein solches Angebot sich in seinem didaktisch-methodischen Ablauf ausgestalten ließe. Dazu waren ideale Voraussetzungen gegeben. Vier kleine, intrinsisch gut motivierte und arbeitsbereite Schülergruppen stellten sich parallel einer identischen Aufgabe. So konnten Arbeitsverhalten, Zeitbedarfe, Interessenschwerpunkte, An- bzw. Überforderungen und die Qualität der Ergebnisse miteinander verglichen und auch die Tauglichkeit der Lernkonzeption überprüft werden.

Bei dieser Konzeption ging es nicht so sehr um die Kenntnis der Bedingungen und des technischen Ablaufs der Katastrophe, die auf einer tragischen Verkettung von meterologischen Besonderheiten, navigatorischen Fehlern und unzureichenden Rettungsmitteln beruhte, sondern es sollte das Verständnis für Auswanderer geweckt werden, deren Leben und Zukunftsvorstellungen auf so dramatische Weise zerstört wurden,. Dazu war es nötig, die Lebensbedingungen der Auswanderer, die Voraussetzungen ihrer Ausreise, ihre Unterbringung an Bord und ihre Erwartungen an ein Leben in Amerika kennen zu lernen.

Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler sollten sich in die überlebenden Auswanderer der Katastrophe hineinversetzen, sich mit ihren Hoffnungen und Erwartungen befassen und das Erlittene anschaulich und empathisch schildern.

Dazu benötigten sie zunächst Informationen über das Schiff, die Passagiere und den Verlauf des Unglücks.

So haben die Schülerinnen und Schüler zunächst die Fragen entwickelt, die sich im Zusammenhang mit einem Schiffsunglück stellen. Fragen vor allem nach dem Ablauf der Katastrophe, der Schuldfrage und den Opfern. Dazu mussten sie von sich aus Vorschläge machen, welche Quellen ihnen auf ihre Fragen Antwort geben könnten. Diese Quellen, vor allem Zeugenaussagen, Schiffsbilder, Karten und Passagierlisten standen ihnen dann auch zur Auswertung zur Verfügung.

Die ersten Frage nach dem Ort der Katastrophe konnte in der Ausstellung beantwortet werden. Dort wurde auch deutlich, dass die „Cimbria“ zwar die erste und bedeutendste, bei weitem aber nicht die einzige Havarie des Jahres 1883 war. Ein Blick auf die Küstenkarte mit den vielen Sanden und schmalen Fahrrinnen machte die Gefährdung des Schiffsverkehrs in der Deutschen Bucht anschaulich.

Danach nahmen wir Rißzeichnungen der „Cimbria“ zur Hand, wobei uns besonders das Zwischendeck interessierte, wo bis zu 500 Personen in dichtgestellten Etagenbetten unterkommen konnten. Hier ging es darum, sich in eine Situation hinein zu versetzen, in der die Passagiere zwei Wochen in relativer Dunkelheit, Feuchtigkeit, Enge und Gestank leben mussten.

Zwar ist über die Passagiere des „Cimbria“ wenig bekannt, so dass wir nur an einem – immerhin typischen – Beispiel die Beweggründe der Auswanderung deutlich machen konnten, aber dennoch brachte die Auswertung der Passagierliste wichtige Erkenntnisse: Ein großer Teil kam aus den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, neben einigen Familien mit sehr kleinen Kindern waren es vor allem junge Männer, die die Überfahrt wagten, unter den Opfern war ein übergroßer Anteil im Zwischendeck untergebracht.

Bevor nun der Ablauf der Katastrophe nach dem Zusammenstoß mit dem englischen Kohlendampfer „Sultan“ recherchiert wurde, sollten die Schülerinnen und Schüler vorab überlegen, wie sie selbst sich, durch Lärm und Erschütterungen geweckt, spontan verhalten würden. So sollte ein eindringliches Bild verzweifelter, rücksichtloser Selbstrettungsversuche, vergeblicher Suche nach Frauen und Kindern, nach Fluchtwegen und Rettungsmitteln entstehen.

Die Zeugenaussagen von dem Hamburger Seeamt ergänzten die Vorstellungen, die sich die Schülerinnen und Schüler selbst von der Katastrophe gemacht hatten. Hier ging es hauptsächlich um die Geschehnisse auf dem Deck des schnell sinkenden Schiffes, wie auch um die Nachtfahrt in den Rettungsbooten und die Bergung durch den englischen Schoner „Theta“.

Als Zeitzeugen verkleidete Teilnehmer der museumspädagogischen Woche 2015

Aus all diesen Kenntnissen und Imaginationen sollte dann ein „Augenzeugenbericht“ der Überlebenden entstehen. Vor der Kamera und einer bewegten Seekulisse schilderten die mit passenden Kostümteilen angekleideten Schülerinnen und Schüler, wie der Untergang der „Cimbria“ ihre Hoffnungen und Erwartungen auf ein neues Leben in Amerika auf schreckliche Weise zunichte gemacht hatte.

Das Projekt ist erfolgreich verlaufen, weil alle Teilnehmer sich bereitwillig auf eine intensive Recherche der Katastrophe eingelassen hatten, obwohl viel Textarbeit nötig war. Methodische Abwechslung brachten Anlegeversuche von modernen Schwimmwesten, ein kurzer Ausstellungsrundgang mit relevanten Info-Karten und Wrackfunden, die Kostümierung im Stile der Zeit, vor allem aber die abschließende Videoaufnahme in der Ausstellung, die den beteiligten Kindern viel Spaß gemacht hat. Zwar ist es nicht allen Schülerinnen und Schülern gelungen, sich eindrucksvoll in das dramatische Erlebnis hineinzuversetzen und entsprechend schauspielerisch wiederzugeben, aber es ist dennoch wahrscheinlich, dass die Kinder die schrecklichen Ereignisse der Nacht des 19. Januar 1883 in lebendiger Erinnerung behalten.

Hans-Georg Ehlers