Kurz: Landschaftsverband Stade

Die Arbeit und das Leben auf einem Fischereidampfer am Beispiel der Otto Flohr

Was es bedeutete, 23 Tage mit einer Mannschaft auf engsten Raum zu leben, meistens 20 Stunden unter schwersten Bedingungen zu arbeiten, und welchen Naturgewalten das Schiff und die Besatzung ausgesetzt waren, aber auch, welche Fischarten gefangen wurden und wozu, das wollten wir den Schülern/Schülerinnen auf einem 45-minütigen Rundgang näher bringen.

Unsere Station begann jeweils mit einer Vorstellungsrunde, in der die Schüler/innen auch nach Berufswünschen gefragt wurden. Einige wenige hatten noch keine Idee, andere dagegen wollen Lehrer, Arzt, Manager, Biologe u.a. werden.
Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, auf einem Fischereidampfer zu arbeiten, bekamen wir unterschiedliche Antworten. Einige wären bereit, wenn sie keine Arbeit hätten oder hungern müssten, wenige konnten es sich gar nicht vorstellen. Ein Schüler könnte es sich nur unter romantischen Bedingungen vorstellen, d.h. er wolle die Kollegen arbeiten lassen und sich selbst der Seefahrt erfreuen.
Hätte die Mannschaft das zugelassen?
Das Leben eines Seemannes auf einem Fischereidampfer ist alles andere als romantisch.

Begrüßungsrunde im Museum Windstärke 10
Die Begrüßungsrunde

Der Rundgang

Anheuern
Wir sind im Seefahrtsamt und heuern an. Ein Seefahrtsbuch ist dafür die Voraussetzung. Hier steht der Name, die Funktion und das Schiff, auf dem man fährt, drin. Unser Schiff ist die Otto Flohr. 1939 war die Otto Flohr das modernste und größte Schiff auf der Nordsee. Sie war ein Seitenfänger und der Kapitän hatte eine gute Nase für großes Fischvorkommen. Eine gute Nase war besonders wichtig, denn die Seemänner – bis zum Schiffsjungen – wurden auch am Fang beteiligt.
Was waren ihre Beweggründe dafür, anzuheuern?
In der Ausstellung sind Bilder von vier Männern zu sehen und Texte geben Auskunft über ihre Entscheidung anzuheuern. Die Schüler lasen laut vor: „Einer las eine Anzeige, war also arbeitslos, einer wollte sich mal richtig satt essen, ein anderer wollte Geld für sein Studium verdienen und einer wollte zur See fahren.“

Auslaufen
Im Hintergrund hörten wir: „Komm mach schon, komm endlich an Bord – wir wollen auslaufen.“: Die nachgestellte Hafenszene im alten Cuxhavener Hafen konnten die Schüler/innen mit etwas Hilfe erkennen. Alle staunten aber nicht schlecht, dass man nur zwei Tage im Hafen lag, bevor das Schiff wieder auf Fahrt ging. Die zwei Tage wurden für das Löschen des Schiffes und für das Beladen von Waren wie Proviant, Kohlen, Frischwasser und Eis für die Kühlung der Fische benötigt. Die Seemänner gingen während dessen zu ihren Familien, und wenn sie keine hatten, vergnügten sie sich anderweitig.
Wir aber waren aber in unserem Spiel ja gerade erst an Bord gekommen und wer sind überhaupt “wir”?

Mannschaft
Wer ist die Mannschaft an Bord? Die Schüler/innen kommen sofort darauf, dass es einen Kapitän, einen Koch und Fischer oder Matrosen geben muss. Am Ende unserer Beraterrunde haben wir die Mannschaft zusammen: Kapitän, 1. Steuermann, 2. Steuermann, Funker, 2 Maschinisten, Koch, Smutje, 3 Heizer, 8 Matrosen, 2 Leichtmatrosen, ein Schiffsjunge.
Dann kam noch ein zörgerliches: Und ein Arzt? Es klang eher wie eine zaghafte Bitte

Ja, wie war es damit? Gab es einen Arzt an Bord?
Bevor wir diese Frage klären konnten, waren wir aber auf unsere Unterbringung neugierig.

Kajüte
Ein kurzer Blick in die Kajüte und dann kam fast immer die Äußerung: „Hier soll ich drin schlafen, das ist ja viel zu eng.“ Im Raum ist eine akustische Wiedergabe der Verhältnisse zu hören. Manchmal wurde an dieser Stelle gesagt: „ Was: das ist dir zu eng? Viel Zeit zum Schlafen bleibt dir sowieso nicht und bei Seegang wirst du noch froh sein, dass die Kajüte so schmal ist und du dir nicht den Kopf anschlägst.“
Die Kajüte war der einzige Platz, wo man seine Habseligkeiten unterbringen konnte. Die meisten hatten ja sowieso nicht viele Habseligkeiten, und innerhalb von drei bis vier Tagen war man schon in Norwegen und dann ging es los mit der Arbeit.

Die Heizer
Niemand von uns hatte eine Vorstellung von der anstrengenden Arbeit der Heizer. Es gab Lagerräume für die Kohle. Die reichten aber nicht für die Hin- und Rückreise. So lagerte man beim Auslaufen des Schiffes vor dem Fangen die benötigte Kohle auch in einem Fischlagerraum. Der Raum wurde natürlich gebraucht und deshalb wurde diese Kohle zuerst verbraucht. Sie musste mit der Schubkarre zur Maschine gebracht werden. Das war eine zusätzliche Arbeit und es kostete Kraft und Zeit.
Die drei Heizer bewegten am Tag 12 Tonnen Kohle. Die grobe Bunkerkohle musste zudem etwas zerkleinert werden, bevor man sie verfeuern konnte. Die Heizer waren dem Kohlenstaub ausgesetzt und hatten Temperaturen von an die 40 Grad auszuhalten.
War die Arbeit an Deck leichter?

Fischfang
Eine gute Zeit für den Fischfang oben im Norden, u.a. Island war im Winter. Die Wassertemperaturen lagen knapp über Null und die Lufttemperaturen nicht selten darunter. Drei bis vier Tage dauerte die Anreise und dann begann die richtig harte Arbeit der Matrosen.
Das Netz wurde etwa zwei bis drei Stunden geschleppt und dann hieß es „Hiev up“. Das Netz zog man beim Seitenfänger mit der Dampfwinde bis an die Bordwand, bis hoch an die Reling, und dann musste es per Hand mit viel Kraft an Bord gezogen werden. Das war nicht nur anstrengend sondern auch gefährlich. Das Schiff stand mit der Längsseite zum Wind und war somit auch den Wellen ausgesetzt. Nur so geriet das Netz nicht in die Schraube, was unweigerlich zum Untergang des Schiffes geführt hätte. Dabei waren die Matrosen Wind und Wetter ausgesetzt und nicht selten ging ein Mann über Bord oder verletzte sich. Apropos Verletzung: Wie war es mit der ärztlichen Versorgung an Bord? Natürlich gab es so etwas wie einen „Erste-Hilfe-Koffer“ an Bord und der Arzt, das war “der Alte”, der Kapitän. Ein guter Kapitän war jedoch noch lange kein guter Arzt. Auch er musste sich orientieren. Und einen Überblick über den Umgang mit verschiedenen Verletzungen verschaffte ihm (und auch uns) das ausgestellte bedruckte Dreieckstuch. Hier waren die vielfältigen Möglichkeiten der Verletzungen oder – besser gesagt – der Anwendungen des Tuches abgebildet. Die restlichen Ausstellungsstücke, wie z.B. Messer, Faden und Nadel beeindruckten nicht nur die Schüler/innen. Wir verstanden nun von ganz allein, dass man an Bord gut auf sich aufpassen musste. Das fiel natürlich nicht ganz leicht. Die Matrosen konnten nicht einfach pausieren. Wenn Fisch gefangen wurde, dann wurde so lange gearbeitet, bis er verarbeitet war. Und wenn kurz darauf ein neues Vorkommen ausgemacht wurde, dann ging das so weiter. Es war fast die Regel, dass die Matrosen während der Fangzeit bis zum Umfallen arbeiteten. Manch einer erreichte das Bett gar nicht, er sackte in einer Ecke einfach so zusammen. Hatte er doch unzählige Stunden bis zum Allerwertesten im Fisch gestanden und den Fisch in Akkord ausgenommen, damit er unter Deck im Eis kühl gelagert werden konnte. Ständige Aufmerksamkeit, das scharfe Messer in der Hand, der glitschige Schiffsboden, Wind, Gischt und vielleicht auch ein schon unangenehmer Seegang verlangten den Seemännern einiges ab. Warum machte man das freiwillig?

Die Erklärung ist einfach: Alle an Bord bekamen ein Festgehalt, die so genannte Heuer, und alle – bis auf den Schiffsjungen – waren darüber hinaus prozentual am Fischfang beteiligt. Je mehr Fisch am Ende der Reise angelandet wurde, desto höher der Verdienst. Nur so konnte das System funktionieren.

Die Seefahrt und ihre Risiken
Die Arbeit auf den Fischdampfern galt als der gefährlichste Job auf der Welt. Die Arbeit war mehr als hart. Das Schlachten der Fische mit scharfen Messern barg vor allem bei Seegang große Gefahren in sich. Orkane und haushohe Wellen waren im Winter nicht selten. In einem Bericht des Museums „Windstärke 10“ ist die Rede von über 80 verlorenen Fischdampfern mit über 1000 Seeleuten allein vor Island. Das Leben eines Seemannes auf einem Fischereidampfer ist alles andere als romantisch. Das sah nun auch der Schüler ein, der eigentlich romantische Tage an Bord verleben wollte.

Karla Lütjen

Nun hatten wir schon eine Menge über die Seefahrt auf einem Fischdampfer erfahren aber welche Fische wurden denn gefangen?

Die ersten Mobiles sind fertigBau eines Mobiles
Im Anschluß an diese Führung sollten die Schüler und Schülerinnen dann die Fischarten kennen lernen, die von Cuxhaven aus gefangen wurden. Da wir das nicht mit echten Fischen durchführen konnten, hatten wir uns einen Umweg ausgedacht: Wir hatten Fotos von Fischen, die in der Cuxhavener Fischerei eine Bedeutung hatten, besorgt, beidseitig auf Pappe gedruckt, und für jeden Schüler jeweils ein Abbild der Otto Flohr angefertigt. Sie, die Kinder, sollten nun eine Fischfangsituation nachbauen, indem sie ein Mobile aus diesen Einzelheiten zusammenstellen und bauen sollten: Oben die Otto Flohr, darunter die Fische. Diese Zeit war aber auch nötig, damit sich die Schülerinnen und Schüler wieder ein wenig von den dramatischen Umständen des Lebens auf Fischfangfahrt lösen konnten. Die Ruhe beim Bau des Mobiles gab auch die Möglichkeit, das Erfahrene noch einmal zu hinterfragen, Fragen zu stellen und am Schluß auch ein wenig froh zu sein, in der heutigen Welt als Schüler leben zu dürfen. Automatisch kam beim Ausschneiden aber auch die Frage: Was für ein Fisch ist das denn (und warum ist er so häßlich)? Und dazu hatten wir eine Mappe Mobilebau braucht Konzentrationzusammengestellt, in der die Fische anhand ihrer Bilder identifiziert werden konnten, die aber auch eine Menge anderer Informationen über diese Fische enthielt, bis hin zu möglichen Verarbeitungsformen oder wie man diese Fische am besten zubereitet. Wer also die Frage stellte, „was ist das denn für ein Fisch“ oder „warum sieht der so komisch aus?“ wurde auf die Mappe verwiesen und konnte sich die Frage selbst beantworten. Es erwies sich, daß die Kinder schon nach kurzer Zeit die Fische kannten, es entstanden verschiedene Mobiles in verschiedenen Bauweisen und nahezu jedes Kind kam am Ende der Woche zur Abschlußveranstaltung, um sich sein Mobile abzuholen. Wodurch wie noch eine kleine Zugabe erreichten: Die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen hatten etwas, was sie in ihrem Zimmer aufhängen würden und womit sich sicherlich auch mit ihren Freunden sprechen würden. Und vielleicht würden so auch diese Freunde Interesse am Museum entwickeln und mit ihren Eltern kommen, um so ein Mobile zu basteln.

Hubert Hansel