L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T     4 3


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 43 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:



KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM



Im Kerngebiet der Stadt Rotenburg befinden sich diverse Kunstwerke. Sie repräsentieren unterschiedliche Kunststile, gemeinsam sind sie Kunst im öffentlichen Raum. Sie zu beschreiben, den Besucherinnen und Besuchern näher zu bringen und durch Fragen an die Kunst zum Nachdenken einzuladen, soll der Sinn der nachfolgenden Zeilen sein.
1. Der Rundgang beginnt am Bahnhof. Auf dem Weg von diesem, vorbei am Rathaus, durch die Fußgängerzone zum Neuen Markt und von diesem weiter zum Kantor-Helmke-Haus können Sie die Kunstwerke in Augenschein nehmen. Am Bahnhof begrüßt Sie der Adlermensch, beim Ärztehaus an der zentralen Kreuzung der Stadt steht das “Tor zur Stadt”, am Rathaus finden Sie “Sieben sparx für R.” und gegenüber eine Pferdegruppe. In der Fußgängerzone sitzen drei Generationen und am Neuen Markt wartet ein Paar, das sich selber parodieren lassen muß, auf ihr oder sein Näherkommen. Am Ende dieses kleinen Rundganges erinnert das Gespräch, der Austausch der Argumente, an das, was Kunst im öffentlichen Raum auch bewirken soll: es soll über sie gesprochen werden.
Nicht zur Kunst im öffentlichen Raum sollten die Mahnmale, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern, zählen. Bei ihnen steht das historische Gedenken im Mittelpunkt, nicht der ästhetische Reiz.
Einige Kunstwerke sind nicht immer zugänglich. Dazu gehören der Wandteppich im Rathaussaal, die “7 Sparx für R.”, der Kunstturm und die Malereien von R. Schäfer in der Stadt- und Anstaltskirche.

Beginnen wir beim Bahnhof.

Im Dezember 1990 nach Abschluß der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes wurde die Plastik “Adlermensch” enthüllt.


Paul Meersmann: „Adlermensch“, 1990.

Geschaffen hat das bronzene Monument der Künstler Meersmann, gestiftet der Rotenburger Unternehmer Kraft: 230 Zentimeter misst die Bronzestatue. Bei der Einweihung zog Bürgermeister Räke die Verbindung zur Eisenbahn. Der Eisenbahn verdanke die Stadt einen Teil der wirtschaftlichen Kraft, die dann auch Mäzenatentum möglich mache. Der Angesprochene führte aus: “Der Adlermensch soll sichtbar verdeutlichen, daß es mehr gibt als das berufliche Allerlei. Kunst macht das Leben lebenswerter, läßt uns weitere Dimensionen in uns erkennen. Kunst drückt das Unaussprechliche in uns aus – wir fühlen und spüren vieles in uns, aber man kann es gar nicht in Worte fassen. Die Kunst läßt uns diese Tiefen erkennen.” Worte, die stellvertretend auch für weitere Kunstwerke stehen können.
Der Adlermensch am Bahnhof läßt eine Fragen aufkommen. Soll er uns daran erinnern, daß die erste Lokomotive in Deutschland Adler hieß? Soll er in uns den Traum wach halten, sich über den Alltag zu erheben, sich in einer Region frei zu bewegen, aber immer wieder in den Hort, das Nest zurückzukehren und keine weiten Ausflüge zu machen. Der Adler ist kein Zugvogel. Ist es eine Erinnerung an das Wappentier, in dem sich viele Staaten symbolisieren? Warum ist es kein Adler, sondern ein Adlermensch? Spielt der Künstler mit der alten mythischen Idee des Kentauren, der Einheit Mensch/Tier, die wohl auf die Bändigung des Pferdes zurückgeht, und damit an die Möglichkeit, sich schneller zu bewegen, erinnert? Ist der Mensch doch mehr Teil der Natur, als die Raum und Zeit überschreitende neue Zeit - die mit der Eisenbahnzeit begann – uns als Erfahrung lehrt? Der Adlermensch regt an, Fragen zu stellen. Er verabschiedet uns aus Rotenburg, und er grüßt uns, wenn wir wiederkommen. Die Klarheit der Darstellung erleichtert das Sehen, das Begreifen seiner Aussage fordert das Gespräch, den Dialog, den Diskurs. Sie können uns von den Fesseln befreien, die den Adler an den Boden binden und hingewiesen sei auch auf den Greifen, diese Mischung aus Löwe und Adler. Der Adlermensch gibt uns – zumindest auf den zweiten Blick – viele Rätsel auf.
2. Wenn Sie den Rundgang fortsetzen, kommen Sie an das “Tor zur Stadt”. Historisch gesehen steht es an der Grenze des Fleckens. Diesseits der Wümme tagte das Fleckengericht. Jenseits lag das den Staat repräsentierende Amts- bzw. Kreishaus.
Das Tor zur Stadt stiftete die Kreissparkasse anläßlich ihrer 150-Jahr-Feier. Aufgestellt wurde das Tor im Rahmen der 800-Jahr-Feier Rotenburgs.


Werner Rotering: „Tor zur Stadt“, 1995.

Der Künstler, Werner Ratering, berief sich bei der Namensgebung und Gestaltung auf seine Vorstellung von der Herkunft Rotenburgs. “Der Name gehe auf “Roda” – rot bzw. Rotau = Übergang zurück. Er habe mit seinem Entwurf eine Brücke in die geistige Welt geschaffen. Konkret sei seine Skulptur gleichzeitig ein Tor, das Kommunikation, Begegnung bedeute. Den Standort am Eingang zum Kern der alten Stadt halte er für bedeutend.” So heißt es in einem Protokoll des Kulturausschusses. Weitere Erläuterungen sind einem Bericht der Kreiszeitung zu entnehmen: “zwei hoch und gegeneinander gestellte, etwa neun Meter hohe Steinblöcke mit am Kopf eingearbeitete Metallplatten, deren goldene Beschichtung ein “immaterielles Leuchten” ... bewirken wird.” Die Steinformation solle an die Flüsse Rodau und Wiedau als Komponenten der Natur wie als alter Handelsweg als kulturelle Markierung erinnern. Zugleich entstehe durch die Anordnung der beiden Blöcke eine Tor-Situation.
Diese Interpretation kann ergänzt werden. Der Name Rotenburg ist nach sprachwissenschaftlicher Analyse nicht auf Übergang zu reduzieren. Er stammt von der Farbe rot. Die beiden Steinsäulen könnten als die beiden Sanddünen begriffen werden, auf denen die erste Siedlung Rotenburg errichtet wurde und das “immaterielle Leuchten” wäre als Symbol des geistlichen Amtes des Bischofs zu verstehen. Das Tor stände zu Recht an der Stelle, an der sich die Stadt gegen den Kreis bzw. die weitere Welt abgrenzte. Ein Tor zur Stadt ist auch ein Tor zur Welt. Genießen Sie aber auch den ästhetischen Reiz. Betrachten Sie die Struktur der Steine im Detail. Der Blick innen von unten nach oben, das Leuchten des Goldes, wenn die Sonne von Südwesten auf das Kunstwerk scheint, können jenseits aller Überlegungen einfach ästhetisch erfreuen.
3. Die bronzene Pferdegruppe am Pferdemarkt gehört zu jenen Kunstwerken, die mehr der Unterhaltung, denn dem tieferen Dialog gelten; Kunst der Unmittelbarkeit, die keiner Vermittlung bedarf. Sie erinnert an den Pferdehandel und erweist sich damit auch als ein Denkmal. Und sie kann genutzt werden. Die Pferde sind, wenn wir sie direkt betrachten, von einer schlichten Ästhetik, wenn wir allerdings die Perspektive etwas verzerren, so können wir auch bei diesem Kunstwerk neue – fremde – Einsichten gewinnen. Die Pferde erscheinen nicht mehr so lieblich, sie waren wild, mußten domestiziert werden. Wir können sie uns durchaus als zubeißende Tiere vorstellen.


Claus Homfeld: „Pferdebrunnen“, 1985.

So enthält auch diese Kunst mehr, als sie uns auf den ersten Blick verrät. Doch es wäre wohl nicht in der künstlerischen Intention des Bildhauers Homfeld und der stiftenden Kreissparkasse, aus dieser einsichtsvollen Kunst eine andere Ästhetik zu gewinnen.
4. Zur Kunst ohne Stachel dürfen wir auch die Gruppe der drei Generationen in der Fußgängerzone zählen. Der Rotenburger Unternehmer und Ehrenbürger Hinrich Heineke stiftete diese von dem Künstler Carsten Eggers geschaffene Gruppe.


Carsten Eggers: „3 Generationen“, 1995.

Die drei Generationen finden ihren Reiz darin, daß die Darstellung klar ist. Der Titel vollendet diese: Großmutter, Mutter und Kind. Der Künstler stellt eine wohl von fast jedem erfahrene Situation dar. Die Großmutter, deren Tasche sich das Kind zuneigt, hat fast immer etwas zurückgelegt, was bei der Mutter nicht zu finden ist. Kinder schauen beim Vorbeigehen in die Tasche der Großmutter. Sie nehmen das Kunstwerk an.
5. Zu den auch überregional interessierenden Kunstwerken zählt der Paar-oh-die Brunnen von Jürgen Goertz. Er verdankt seine Entstehung der Innenstadtsanierung und ist das einzige Kunstwerk, das ganz von der öffentlichen Hand finanziert wurde, dasjenige, welches sehr heftig diskutiert wird. Es entfernt sich am weitesten von der alltäglichen, durchschnittlichen Vorstellung von Kunst, enthält am deutlichsten experimentellen Charakter. Peter Amselm Riedel schrieb über die Kunst von Jürgen Goertz: “Ein eigentümlicher Gegensatz beherrscht die Arbeiten: Einerseits bezeugen sie eine scharfe Beobachtungsgabe und das Vermögen, das Wahrgenommene mit veristischer Treue wiederzugeben; andererseits spricht aus ihnen die Kraft der Phantasie, die sich nicht mit dem optisch Registrierten zufrieden gibt, sondern durch Deformieren und durch Kombinieren mit Elementen unterschiedlicher Herkunft die unerwartetsten Entfremdungen hervorbringt.” Das Rotenburger Werk besteht aus drei Teilen: 1.) “Paar-oh-die Brunnenanlage Gesamthöhe ca. 4.300 mm, Beckendurchmesser ca. 8.000 mm, weibliche Brunnenfigur, männliche Freiplastik-Bronze, verschiedenfarbige patiniert, teilweise malerisch behandelt, Augen aus Kunststoff, Sockel aus schwarzem Naturstein” 2.)”Paar-oh-die als Modell-Tisch mit Vorentwurf Bronze, verschiedenfarbig patiniert, teilweise malerisch behandelt” 3.) “Parodie auf die Paar-oh-die Bronze, verschiedenfarbig patiniert, teilweise malerisch behandelt, Augen aus Kunststoff.” Soweit Angaben aus einem Prospekt zum Werk.


Jürgen Goertz: „Paar-oh-die“ (Detail) 1989.

Das Thema der Plastik ist die Beziehung zweier Menschen. Die auf der Kugel thronende Frauenbüste, die zwar ihr Herz sichtbar trägt, dem aber der Inhalt fehlt, schaut hochnäsig in die Ferne. Der Mann, auf dessen Kopf das Herz liegt, sieht scheel an der Frau vorbei. Er ist nicht der Beherrscher der Szene, nicht Herr der Beziehung. Die beiden Figuren sind starr wie die Königskinder, die zusammen nicht kommen konnten, die nur der Schuh verbindet, der in diesem Zusammenhang an den Schuh im Märchen Aschenputtel – das Erkennungszeichen – erinnern mag.
Dieses Kunstwerk lebt mehr als andere nicht nur von seiner Darstellung, sondern von den Gesprächen, die es hervorruft. Der Charakter eines Kunstwerkes hat sich damit verändert. Goertz wagt sich vor allen Künstlern am weitesten vor, bleibt aber beim Brunnen noch figürlich und nachvollziehbar. Trotz aller künstlerischer Verfremdung, der Vermischung sonst getrennter Materialien, wirkt das Werk ästhetisch. Anders wird dies, wenn wir die Parodie auf Paar-oh-die betrachten. Zwei Tiere mit mechanischen Teilen versetzt, fechten miteinander mit ihnen aus den Mäulern wachsenden Stangen. Die Parodie auf die Paarbeziehung entpuppt sich als eine tierisch-mechanische Darstellung. Wird die menschliche Beziehung, wie immer entfremdet sie in der gegenwärtigen Welt erscheinen mag, wenn sie entmenschlicht wird und sich nur noch tierisch, das heißt ohne Vernunft, darstellt, unästhetisch, gefährlich, ein tatsächlicher Kampf? Liegt darin eine versteckte Botschaft, gleichsam eine Liebeserklärung, die Zweierbeziehung aufrechtzuerhalten, weiterzuentwickeln, damit sich nicht als Parodie im Tierisch-Mechanischen verkommt? Indem sie deren Schwierigkeiten ästhetisch thematisiert und durch deren Parodie eine erschreckende Zukunft aufzeigt, führe sie zu jener wieder hin. Wenn die Entzweiung als Teil der Realität begriffen ist, kann es die Versöhnung geben, könnte die Botschaft lauten. Wer diese Entzweiung nicht will – nicht wahrhaben will – könnte die Versöhnung auf dann höherer Stufe nicht haben, ist besser bei der Kunst ohne Versöhnung aufgehoben. Die ‚drei Generationen‘ kann man sich kaum als genießende Betrachter des Paar-oh-die Brunnens vorstellen. Die Form und Darstellung, die viele Menschen ratlos lassen, könnten bei genauerer Betrachtung ein Stück Hoffnung wecken. So verstanden wäre zwar Paar-oh-die künstlerisch und in der inhaltlichen Aussage modern, thematisch traditionell: Die Zweierbeziehung hat, wenn sie richtig begriffen wird, eine humane Zukunft, wenn sie falsch begriffen wird, endet sie tierisch-mechanisch.


6. Das Kunstwerk vor dem Kantor-Helmke-Haus heißt Argumente. Geschaffen wurde es von Prof. Altenstein, unterstützt von Stadtplaner Schreckenberg. Die Plastik, ca. 2 m hoch, enthält 2 Personen, Mann und Frau, die einen Stein und eine Kugel in den Händen halten.


Bernd Altenstein Argumente 1995

Tauschen sie Argument aus? Sollen wir lernen – ohne Gewalt – demokratisch zu argumentieren: Einen Streit durch herrschaftsfreie Kommunikation zu lösen, wie es der Künstler ausführte. Es wäre ein Kunstwerk für die Demokratie, die ihren Ursprung in der öffentlichen Diskussion auf dem Marktplatz hatte, dem Platz, auf welchem die Menschen täglich zusammenkamen, der auch der Ursprung der Rhetorik ist. Die Plazierung vor dem Kantor-Helmke-Haus deutet auf seinen Inhalt. Das Haus enthält mit der Volkshochschule und der Stadtbibliothek zwei Institutionen, die der demokratischen Bildung, der Diskussion und der Aufklärung dienen. Hier versammeln sich Menschen, um durch ‚das Reden miteinander‘ zu vermeiden, daß die Mißverständnisse überhand nehmen, wo sonst sollen die ‚Argumente‘ stehen. Vergegenwärtigen wir uns am Ende des Rundganges noch einmal alle Kunstwerke, so können wir festhalten, daß sie von einem auch inhaltlichen Anspruch beim ‚Adlermenschen‘ und bei “Argumente” über eher I’art pour l‘ art und den ins Private zielenden Beziehungsdarstellungen bei den “Drei Generationen” und beim “Paar-oh-die” Brunnen, bei den auch auf die Historie gerichtetem wie der Pferdegruppe und dem Tor zur Stadt unterschiedliche Stile und unterschiedliche Themen die Kunst im öffentlichen Raum bestimmen. Rotenburg wurde durch diese Kunstwerke bereichert. Erinnert sei daran, daß sie nicht allein stehen, sondern durch viele kleinere ergänzt werden und daß in den Kunstwerken privates und öffentliches Engagement zusammenkommen.
Text: Dietmar Kohlrausch
Fotos: Heinz Gehnke (1 und 4), Dietmar Kohlrausch (2, 3, 5, 6), Stadtplan mit freundlicher Genehmigung Rico Verlag, Dreieick



1 - Adlermensch
2 - „Tor zur Stadt“
3 - Pferdegruppe


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4 - 3 Generationen
5 - „Paar-oh-die“-Brunnen
6 - Argumente


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