- Willkommen in der
geschichtsträchtigen Stadt an der Aller!
-
Als 985 n. Chr. dem Verdener
Bischof die Markt-, Münz- sowie weitere Königsrechte
verliehen wurden, lag die Gründung des Bistums Verden schon
rund 200 Jahre zurück.
-
Klar, daß sich im
Laufe so vieler Jahre eine Menge Geschichten, Anekdoten und
Legenden erhalten haben! Einige dieser Geschichten wollen wir
Ihnen auf einem kleinen Spaziergang erzählen. Dabei muß
sich nicht immer die große Geschichte
bestätigen denn wie sagt man doch: Ist es auch
nicht wahr, so ist es doch gut erfunden ...
-
-

-
 Verden
(Aller): Anekdoten, Legenden, Erzählungen -
-
1.
Beginnen wir unseren Rundgang am Verdener Rathaus. Dieses im
Jahre 1330 zum ersten Mal erwähnte Haus war in früheren
Jahrhunderten nicht nur ein Ort strenger amtsgeschäfte,
sondern auch ein solcher der fröhlichen Ausgelassenheit. Der
Grund: In den Tonnengewölben des Kellers war der Verdener
Ratskeller untergebracht. Hier führte der Verdener Stadtrat
selbst die Kneipe und ließ es sich bei edlem Wein und gutem
Bier im Erdgeschoß wohlergehen. Und fand nach durchzechter
Nacht der eine oder andere seine Beine nicht mehr recht, so war
das auch nicht schlimm: Wand an Wand mit den Gaststuben lag
zeitweilig das Gefängnis. Im Jahre 1487 war der Verdener
Ratskeller Schauplatz einer mysteriösen Sache: Die Chroniken
berichten, daß in diesem Jahr die Verdener Bürger ein
Pafssionsspiel durchgeführt hatten. In den Tagen und Wochen
danach starben alle Hauptdarsteller eines nicht natürlichen
Todes und derjenige, der den Pilatus gespielt hatte, den
fand man mit einem Dolch im Rücken uff den Kelleren,
in den Räumen des Verdener Ratskellers...
-
-
2.
Gehen wir an der Johanniskirche vorbei in Richtung des
Norderstädtischen Marktes, so kommt man bald an die äußerste
Begrenzung des Weichbildes der Stadt. Genau auf der Straße
muß man sich dann das alte Nordertor vorstellen; und wendet
man sich nun in Richtung Aller, so trifft man kurz vor dem
Parkplatz auf die Straßenbezeichnung Blumenwisch!
Zwischen Mauer und Flußufer lagen Ländereien der
Familie Blome.
-
 Hexe
von Francisco de Goya y Lucientes. -
-
Es waren feuchte Wiesen, und im
Volksmund wurde dieses Stück Land bald zur Wiese der Blome,
zur Blumenwisch. Während der Hexenprozesse in Verden im 16.
und 17. Jahrhundert kam diese Wiese sehr in Veruf: Sie galt als
Hexentanzplatz und als der Platz, von wo aus die Hexen zur
Walpurgisnacht aufbrachen, um auf dem Blocksberg ihrem Gebieter,
dem Satan, zu huldigen. So ist überliefert, daß
Margarethe Vöge unter der Folter aussagte, daß ein
gewisser Franz Panning seit Jahren mit auf der Blumenwiese
gewesen sei, er hätte auf einem griesen Ziegenbock
gesessen und mit seiner Buhlin Anna Rundvot getanzt...
-
DAS SCHARFRICHTERHAUS
-
-
Das
Scharfrichterhaus
-
3.
Am 15. August 1582 bittet man den Rat der Stadt Verden von
auswärts um Entsendung seines Scharfrichters. Es ist die
älteste Erwähnung dieses Amtes in Verden.
Scharfrichter, auch Nachrichter, Büttel oder einfach Meister
genannt, standen stets im Ruf des Unheimlichen und Anrüchigen.
Denn niemand auch die Ärzte damals nicht
kannte wie sie den menschlichen Körper. So bestätigten
sie sich nicht nur als Abdecker, sondern auch als Chirurgen: Dem
Scharfrichter Cruse wird 1680 bestätigt, daß er auch
bey vorgefallenen Patienten viel verstendige und glückliche
Curen an Bein-Arm- und Leibesschaden erwiesen. Diesem
Meister Cruse wird 1687 auch vertraglich zugesichert, daß
er für folgende Verrichtungen je 5 Reichsthaler bekommt:
Feuerwerfen, Viertheilen, Radebrechen vor jeden Stoß
2 Reichsthaler und aufs Ratt zu legen 5 Reichsthaler nebst 1 Tonn
Bier, Köpfen, Wassersenken, Staupenschlag, Tortur, Territio,
Verweisung, Finger oder andere Glieder Abschlag.
-
-
4.
Auf der Großen Straße befinden wir uns
auf einer uralten Königsstraße(Via Regia), einer
Verkehrsverbindung, die seit alters her den Handel von Ost nach
West und von Süd nach Nord ermöglichte. Da genau an
dieser Stelle dieser alte Königsweg seinen Verlauf über
den Allerfluß so günstig fortsetzen konnte, nahm der
Siedlungsplatz das Wort Furt, also Übergang, in seinen
Stadtnamen Verden auf.
-
-
5.
Da die Süder- und die Norderstadt ab dem 13. Jahrhundert bis
ins 17. Jahrhundert hinein getrennt und selbständig von
einander waren, mußte folgender Umstand für eine
Erhitzung der Gemüter sorgen: Wer über eine Brücke
ging, mußte Brückzoll zahlen; wer durch ein Stadttor
ging, ebenfalls. So war für die Norderstädter der
sonntägliche Kirchgang und Marktverkehr aller derjenigen,
die über die Brücke zum Dom gehen wollten, ein schönes
Geschäft. Eines Tages bauten die Süderstädter
einfach ein weiteres Stadttor, zweigten einen Uferweg ab, und
damit hatte sich der Weg für die Kirchgänger
praktischerweise verkürzt. Nur den Norderstädtern
entging jetzt das Torgeld, und sie reagierten entsprechend
aufgebracht. Jahrelang stritt man vor Gericht und mit den Fäusten
auf der Straße. 1664 entwickelte sich dieser Streit zu
einem Tumult, in dem norderstädtische und süderstädtische
Torwachen willkürlich Bürger des jeweils anderen Lagers
als Geiseln in Haft nahmen, um Druck auszuüben. Erst mit der
Vereinigung beider Stadthälften durch die schwedische
Königin im Jahre 1667 war die Brisanz der Tempelpforte
entschärft...
-
LUGENSTEIN UND DOM
-
-
Lugenstein
und Dom
-
6.
Wuchtig hebt sich der Verdener Dom aus den umgebenden Straßen
empor. Dieser älteste gotische Dom Niedersachsens wurde in
den Jahren 1290 bis 1490 erbaut. Ihm gingen verschiedene Holz-
und Steinbauten voraus. Betritt man den Dom vom Lugenstein aus,
und tritt man aus dem Kreuzgang des früheren Klosters ins
Freie, sieht man den berühmten Steinernen Mann.
Diese Figur, wohl als Regenspeier gedacht, war eine Legende
zufolge ein räuberischer Kirchenbediensteter. Als dieser,
seiner Vergehen überführt, gestehen sollte, beteuerte
er seine Unschuld und falls er lüge, so solle ihn doch
der Teufel holen. Dieser ließ sich nicht lange bitten
und riß den armen Sünder mit sich. Doch im Kirchendach
blieb er hängen und versteinerte...
-
 Finden
Sie ihn, unseren Steinernen Mann? -
-
Eine andere Legende weiß
zu berichten, daß der berühmte Pirat Klaus Störtebeker
zur Abbüßung der sieben Todsünden dem Dom sieben
Fenster gestiftet haben soll. Ebenso vermachte er der Stadt eine
Armenspeisung mit Brot und Heringen jährlich zu Lätare.
Noch heute freuen sich viele Besucher über diese Gabe...
-
 Einmal
im Jahr überwacht er sein Vermächtnis - Klaus
Störtebeker. -
-
7.
Der Platz vor dem Dom wird Lugenstein genannt. Das
Wort ist wohl nicht von der Lüge abzuleiten, sondern von
einer alten sächsischen Begriffsübernahme aus dem
römischen Lex = Gesetz, denn hier soll der Gerichtsplatz des
sächsischen Sturmigaues gewesen sein.
-
Als im 14. Jahrhundert der
Verdener Bischof Daniel von Wichtrich regierte, hielten die
Bewohner des Verdener Stiftes ihn für eine Strafe Gottes.
Bischof Daniel sog das ganze Verdener Stift dermaßen aus,
daß allgemeine Freude herrschte, als er am 7. März
1359 starb. Alte Quellen berichten, daß noch Jahre später
an diesem seinem Todestage auf dem Lugenstein öffentlich
sein Name verflucht wurde...
-
-
Das
Goldmanngrab
-
8.
Gegenüber dem altehrwürdigen Domgymnasium liegt der
Domfriedhof. Eingezäunt und mit einer steinernen Ume
gekrönt, fällt hier besonders das Goldmanngrab
auf. Mit diesem Grab des jungen Franz Goldmann hat es eine
besondere Bewandtnis: Denn schon im jugendlichen Alter von 20
Jahren starb am 11. Mai 1818 Franz Goldmann an den Folgen eines
auf der Jagd erhaltenen Schusses.
-
 Das
Goldmanngrab auf dem Domfriedhof. -
-
Der Vater wollte den Tod seines
Sohnes stets in Erinnerung halten und hinterließ ein
Vermächtnis, nämlich 1000 Thaler. Davon sollte am 11.
Mai eines jeden Jahres ein unbescholtenes und tugendhaftes
Mädchen 30 Thaler bekommen, wenn es an diesem Tag
getraut wird und am Tag zuvor das Grab des Sohnes mit lebendigen
Blumen schmückt und ein stilles Gebet ihm zu Ehren dort
verrichtet. Der Stiftung zu überwachen solange Gras
und Laub wächst.
-
Noch heute wird alljährlich
dieses Vermächtnis erfüllt.
-
-
Der
Bornemacher - Gedenkstein
-
9.
Am Domgymnasium vorbei erreicht man den Burgberg. Der
Name dieser ruhigen Wohnstraße mit herrlichem Blick über
die Allerwiesen erinnert an die alte Heinrichsburg aus dem 10.
Jh., welche sich hier gegen die Ungarn- und Wikingereinfälle
am steil herabfallenden Allerufer erhob. Hier kommt der Besucher
an einer schlichten Steinsäule mit der Jahreszahl 1526
vorbei. Dieser Stein erinnert an ein gräßliches
Ereignis aus der Zeit der Reformation:
-
Der Zisterziensermönch
Johann Bornemacher aus Bremen hatte sich von den Predigten und
Schriften Martin Luthers inspirieren lassen. Am Tag nach Mariä
Empfängnis (8. Dezember) besuchte Bornemacher den
Gottesdienst im hiesigen Dom und griff öffentlich den
dortigen Prediger an. Dieses ließ den Verdener Bischof
Christoph, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, als Erzfeind
des lutherischen Glaubens nicht ruhen. Johann Bornemacher wurde
gefangengenommen, schwerstens gefoltert und zum Tode veruteilt.
Gerüchte besagen, daß diesem Ketzer niemand einen
anständigen Scheiterhaufen spendieren wollte. So nahm man
feuchtes Schwemmholz vom Allerufer, welches zunächst nicht
brennen wollte. Erst als man aus des Bischofs Weingarten weiteres
Buschwerk holte,fing der Scheiterhaufen Feuer und Johann
Bornemacher starb, standhaft bis zuletzt, einen entsetzlichen Tod
...
-
-
-
Der
Verdener Gesundbrunnen
-
10.
Wer den Stadtwald durchquert, erreicht irgendwann das Bremer
Landschulheim Verdener Brunnen. Dieser Name erinnert
daran, daß im 18. und 19. Jh. hier der Schauplatz eines
geradezu mondänen Kurbetriebes war: Ein Gerücht will
wissen, daß ein an Magenkrämpfen leidender Mann um
1744 auf dem Heimweg seinen Durst an der Quelle löschte,
welche seinerzeit aus einem Sandhügel des romantischen
Halsetales floß. Je öfter nun dieser Mann von der
Quelle trank, um so besser soll es seinem Leiden gegangen sein.
Dies machte Ärzte auf das Wasser aufmerksam. Der Hofmedicus
Dr. Brawe ließ die Quelle einfassen und errichtete 1784 die
ersten Unterbringungshäuser für Kurgäste. Bald gab
es Tanzvergnügen, Theatergastspiele und sogar ein
Casinobetrieb wurde konzessioniert. Vielleicht war es die
Spielbank, die insbesondere den Offizieren der nicht weit
gelegenen Verdener Garnison diesen Gesundbrunnen so attraktiv
werden ließ. Vielleicht verarmten zu viele von ihnen durch
hohe Spielschulden; oder es duellierten sich auch zu viele von
ihnen deswegen in den nahegelegenen Gehölz.
-
 Auszug
aus einer Werbeanzeige -
-
Jedenfalls wurde 1837 den
Verdener Offizieren der Aufenthalt in den Anlagen des Verdener
Gesundbrunnens verboten. Dies war der Anfang vom Ende, und um
1850 mußten die Gebäude verkauft und 1852 abgerissesn
werden.
-
-
Dr. Björn Emigholz
-

|