L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T     4 2


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 42 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Willkommen in der geschichtsträchtigen Stadt an der Aller!
Als 985 n. Chr. dem Verdener Bischof die Markt-, Münz- sowie weitere Königsrechte verliehen wurden, lag die Gründung des Bistums Verden schon rund 200 Jahre zurück.
Klar, daß sich im Laufe so vieler Jahre eine Menge Geschichten, Anekdoten und Legenden erhalten haben! Einige dieser Geschichten wollen wir Ihnen auf einem kleinen Spaziergang erzählen. Dabei muß sich nicht immer die „große Geschichte“ bestätigen – denn wie sagt man doch: „Ist es auch nicht wahr, so ist es doch gut erfunden“ ...




Verden (Aller):
Anekdoten, Legenden, Erzählungen

1. Beginnen wir unseren Rundgang am Verdener Rathaus. Dieses im Jahre 1330 zum ersten Mal erwähnte Haus war in früheren Jahrhunderten nicht nur ein Ort strenger amtsgeschäfte, sondern auch ein solcher der fröhlichen Ausgelassenheit. Der Grund: In den Tonnengewölben des Kellers war der Verdener Ratskeller untergebracht. Hier führte der Verdener Stadtrat selbst die Kneipe und ließ es sich bei edlem Wein und gutem Bier im Erdgeschoß wohlergehen. Und fand nach durchzechter Nacht der eine oder andere seine Beine nicht mehr recht, so war das auch nicht schlimm: Wand an Wand mit den Gaststuben lag zeitweilig das Gefängnis. Im Jahre 1487 war der Verdener Ratskeller Schauplatz einer mysteriösen Sache: Die Chroniken berichten, daß in diesem Jahr die Verdener Bürger ein Pafssionsspiel durchgeführt hatten. In den Tagen und Wochen danach starben alle Hauptdarsteller eines nicht natürlichen Todes – und derjenige, der den Pilatus gespielt hatte, den fand man mit einem Dolch im Rücken „uff den Kelleren“, in den Räumen des Verdener Ratskellers...

2. Gehen wir an der Johanniskirche vorbei in Richtung des Norderstädtischen Marktes, so kommt man bald an die äußerste Begrenzung des Weichbildes der Stadt. Genau auf der Straße muß man sich dann das alte Nordertor vorstellen; und wendet man sich nun in Richtung Aller, so trifft man kurz vor dem Parkplatz auf die Straßenbezeichnung „Blumenwisch“! Zwischen Mauer und Flußufer lagen Ländereien der Familie Blome.

Hexe von Francisco de Goya y Lucientes.

Es waren feuchte Wiesen, und im Volksmund wurde dieses Stück Land bald zur Wiese der Blome, zur Blumenwisch. Während der Hexenprozesse in Verden im 16. und 17. Jahrhundert kam diese Wiese sehr in Veruf: Sie galt als Hexentanzplatz und als der Platz, von wo aus die Hexen zur Walpurgisnacht aufbrachen, um auf dem Blocksberg ihrem Gebieter, dem Satan, zu huldigen. So ist überliefert, daß Margarethe Vöge unter der Folter aussagte, daß ein gewisser Franz Panning seit Jahren mit auf der Blumenwiese gewesen sei, „er hätte auf einem griesen Ziegenbock gesessen und mit seiner Buhlin Anna Rundvot getanzt“...
DAS SCHARFRICHTERHAUS

Das Scharfrichterhaus
3. Am 15. August 1582 bittet man den Rat der Stadt Verden von auswärts um Entsendung seines Scharfrichters. Es ist die älteste Erwähnung dieses Amtes in Verden. Scharfrichter, auch Nachrichter, Büttel oder einfach Meister genannt, standen stets im Ruf des Unheimlichen und Anrüchigen. Denn niemand – auch die Ärzte damals nicht – kannte wie sie den menschlichen Körper. So bestätigten sie sich nicht nur als Abdecker, sondern auch als Chirurgen: Dem Scharfrichter Cruse wird 1680 bestätigt, daß er „auch bey vorgefallenen Patienten viel verstendige und glückliche Curen an Bein-Arm- und Leibesschaden erwiesen“. Diesem Meister Cruse wird 1687 auch vertraglich zugesichert, daß er für folgende Verrichtungen je 5 Reichsthaler bekommt: „Feuerwerfen, Viertheilen, Radebrechen – vor jeden Stoß 2 Reichsthaler und aufs Ratt zu legen 5 Reichsthaler nebst 1 Tonn Bier, Köpfen, Wassersenken, Staupenschlag, Tortur, Territio, Verweisung, Finger oder andere Glieder Abschlag.“

4. Auf der „Großen Straße“ befinden wir uns auf einer uralten Königsstraße(Via Regia), einer Verkehrsverbindung, die seit alters her den Handel von Ost nach West und von Süd nach Nord ermöglichte. Da genau an dieser Stelle dieser alte Königsweg seinen Verlauf über den Allerfluß so günstig fortsetzen konnte, nahm der Siedlungsplatz das Wort Furt, also Übergang, in seinen Stadtnamen „Verden“ auf.

5. Da die Süder- und die Norderstadt ab dem 13. Jahrhundert bis ins 17. Jahrhundert hinein getrennt und selbständig von einander waren, mußte folgender Umstand für eine Erhitzung der Gemüter sorgen: Wer über eine Brücke ging, mußte Brückzoll zahlen; wer durch ein Stadttor ging, ebenfalls. So war für die Norderstädter der sonntägliche Kirchgang und Marktverkehr aller derjenigen, die über die Brücke zum Dom gehen wollten, ein schönes Geschäft. Eines Tages bauten die Süderstädter einfach ein weiteres Stadttor, zweigten einen Uferweg ab, und damit hatte sich der Weg für die Kirchgänger praktischerweise verkürzt. Nur den Norderstädtern entging jetzt das Torgeld, und sie reagierten entsprechend aufgebracht. Jahrelang stritt man vor Gericht und mit den Fäusten auf der Straße. 1664 entwickelte sich dieser Streit zu einem Tumult, in dem norderstädtische und süderstädtische Torwachen willkürlich Bürger des jeweils anderen Lagers als Geiseln in Haft nahmen, um Druck auszuüben. Erst mit der Vereinigung beider Stadthälften durch die schwedische Königin im Jahre 1667 war die Brisanz der Tempelpforte entschärft...
LUGENSTEIN UND DOM

Lugenstein und Dom
6. Wuchtig hebt sich der Verdener Dom aus den umgebenden Straßen empor. Dieser älteste gotische Dom Niedersachsens wurde in den Jahren 1290 bis 1490 erbaut. Ihm gingen verschiedene Holz- und Steinbauten voraus. Betritt man den Dom vom Lugenstein aus, und tritt man aus dem Kreuzgang des früheren Klosters ins Freie, sieht man den berühmten „Steinernen Mann“. Diese Figur, wohl als Regenspeier gedacht, war eine Legende zufolge ein räuberischer Kirchenbediensteter. Als dieser, seiner Vergehen überführt, gestehen sollte, beteuerte er seine Unschuld und falls er lüge, „so solle ihn doch der Teufel holen“. Dieser ließ sich nicht lange bitten und riß den armen Sünder mit sich. Doch im Kirchendach blieb er hängen und versteinerte...

Finden Sie ihn, unseren „Steinernen Mann“?

Eine andere Legende weiß zu berichten, daß der berühmte Pirat Klaus Störtebeker zur Abbüßung der sieben Todsünden dem Dom sieben Fenster gestiftet haben soll. Ebenso vermachte er der Stadt eine Armenspeisung mit Brot und Heringen jährlich zu Lätare. Noch heute freuen sich viele Besucher über diese Gabe...

Einmal im Jahr überwacht er sein Vermächtnis - „Klaus Störtebeker“.

7. Der Platz vor dem Dom wird „Lugenstein“ genannt. Das Wort ist wohl nicht von der Lüge abzuleiten, sondern von einer alten sächsischen Begriffsübernahme aus dem römischen Lex = Gesetz, denn hier soll der Gerichtsplatz des sächsischen Sturmigaues gewesen sein.
Als im 14. Jahrhundert der Verdener Bischof Daniel von Wichtrich regierte, hielten die Bewohner des Verdener Stiftes ihn für eine Strafe Gottes. Bischof Daniel sog das ganze Verdener Stift dermaßen aus, daß allgemeine Freude herrschte, als er am 7. März 1359 starb. Alte Quellen berichten, daß noch Jahre später an diesem seinem Todestage auf dem Lugenstein öffentlich sein Name verflucht wurde...

Das „Goldmanngrab“
8. Gegenüber dem altehrwürdigen Domgymnasium liegt der Domfriedhof. Eingezäunt und mit einer steinernen Ume gekrönt, fällt hier besonders das „Goldmanngrab“ auf. Mit diesem Grab des jungen Franz Goldmann hat es eine besondere Bewandtnis: Denn schon im jugendlichen Alter von 20 Jahren starb am 11. Mai 1818 Franz Goldmann an den Folgen eines auf der Jagd erhaltenen Schusses.

Das Goldmanngrab auf dem Domfriedhof.

Der Vater wollte den Tod seines Sohnes stets in Erinnerung halten und hinterließ ein Vermächtnis, nämlich 1000 Thaler. Davon sollte am 11. Mai eines jeden Jahres ein „unbescholtenes und tugendhaftes Mädchen“ 30 Thaler bekommen, wenn es an diesem Tag getraut wird und am Tag zuvor das Grab des Sohnes mit lebendigen Blumen schmückt und ein stilles Gebet ihm zu Ehren dort verrichtet. Der Stiftung zu überwachen „solange Gras und Laub wächst“.
Noch heute wird alljährlich dieses Vermächtnis erfüllt.

Der Bornemacher - Gedenkstein
9. Am Domgymnasium vorbei erreicht man den „Burgberg“. Der Name dieser ruhigen Wohnstraße mit herrlichem Blick über die Allerwiesen erinnert an die alte Heinrichsburg aus dem 10. Jh., welche sich hier gegen die Ungarn- und Wikingereinfälle am steil herabfallenden Allerufer erhob. Hier kommt der Besucher an einer schlichten Steinsäule mit der Jahreszahl 1526 vorbei. Dieser Stein erinnert an ein gräßliches Ereignis aus der Zeit der Reformation:
Der Zisterziensermönch Johann Bornemacher aus Bremen hatte sich von den Predigten und Schriften Martin Luthers inspirieren lassen. Am Tag nach Mariä Empfängnis (8. Dezember) besuchte Bornemacher den Gottesdienst im hiesigen Dom und griff öffentlich den dortigen Prediger an. Dieses ließ den Verdener Bischof Christoph, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, als Erzfeind des lutherischen Glaubens nicht ruhen. Johann Bornemacher wurde gefangengenommen, schwerstens gefoltert und zum Tode veruteilt. Gerüchte besagen, daß diesem Ketzer niemand einen anständigen Scheiterhaufen spendieren wollte. So nahm man feuchtes Schwemmholz vom Allerufer, welches zunächst nicht brennen wollte. Erst als man aus des Bischofs Weingarten weiteres Buschwerk holte,fing der Scheiterhaufen Feuer und Johann Bornemacher starb, standhaft bis zuletzt, einen entsetzlichen Tod ...


Der Verdener „Gesundbrunnen“
10. Wer den Stadtwald durchquert, erreicht irgendwann das Bremer Landschulheim „Verdener Brunnen“. Dieser Name erinnert daran, daß im 18. und 19. Jh. hier der Schauplatz eines geradezu mondänen Kurbetriebes war: Ein Gerücht will wissen, daß ein an Magenkrämpfen leidender Mann um 1744 auf dem Heimweg seinen Durst an der Quelle löschte, welche seinerzeit aus einem Sandhügel des romantischen Halsetales floß. Je öfter nun dieser Mann von der Quelle trank, um so besser soll es seinem Leiden gegangen sein. Dies machte Ärzte auf das Wasser aufmerksam. Der Hofmedicus Dr. Brawe ließ die Quelle einfassen und errichtete 1784 die ersten Unterbringungshäuser für Kurgäste. Bald gab es Tanzvergnügen, Theatergastspiele und sogar ein Casinobetrieb wurde konzessioniert. Vielleicht war es die Spielbank, die insbesondere den Offizieren der nicht weit gelegenen Verdener Garnison diesen Gesundbrunnen so attraktiv werden ließ. Vielleicht verarmten zu viele von ihnen durch hohe Spielschulden; oder es duellierten sich auch zu viele von ihnen deswegen in den nahegelegenen Gehölz.

Auszug aus einer Werbeanzeige

Jedenfalls wurde 1837 den Verdener Offizieren der Aufenthalt in den Anlagen des Verdener Gesundbrunnens verboten. Dies war der Anfang vom Ende, und um 1850 mußten die Gebäude verkauft und 1852 abgerissesn werden.

Dr. Björn Emigholz



1 - Rathaus Verden
2 - Norderstädtischer Marktplatz / blaBlumenwisch
3 - Scharfrichterhaus
4 - Große Straße
5 - Tempelpforte

SEITENANFANG

6 / 7 - Dom / Lugenstein
8 - Goldmanngrab
9 - Bornemacher-Gedenkstein
10 - Verdener Gesundbrunnen



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