L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    4 0


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 40 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Die Wümme schlängelt sich in weiten Schleifen durch die ausgedehnte Niederung zwischen Bremen und Lilienthal. Zwei alte Deichlinien lassen ihr noch viel Platz. Die ursprünglichen Überschwemmungsgebiete von Weser und Wümme - das St. Jürgensland auf der niedersächsischen Seite und das Blockland auf der bremischen Seite - sind heute eine großflächige Feuchtwiesenlandschaft. In der Weite liegt der besondere Reiz dieser Landschaft. Sie läßt sich deshalb am besten mit dem Rad erkunden. Dazu soll Ihnen dieses Faltblatt einige Informationen liefern:

Die Wümmeniederung zwischen Lilienthal und Bremen

1 Am westlichen Ortsausgang von Feldhausen beginnt die Radtour. Die flache Sandkuppe, auf der Lilienthal liegt, geht hier in das früher von Überschwemmungen geprägte St. Jürgensland über. Heute ist das St. Jürgensland eingedeicht.


Die Truper Blänken, ein großer Flachwassersee zur Zeit der Kurhannoverschen Landesaufnahme 1764.

Durch Wiesen und Äcker fahren wir auf einen Erlenwald zu. Hier beginnt das Naturschutzgebiet „Truper Blänken“. Der Wald ist schmal, und es ist kaum vorstellbar, daß sich noch bis in die 30er Jahre hier ein über 100 ha großer Flachwassersee erstreckte. Er wurde gespeist von der „Alten Wörpe“, die von Nordosten in das St. Jürgensland floß. Als sich das Kloster Lilienthal im 13. Jh. im Zentrum der heutigen Gemeinde ansiedelte, wurde die Wörpe teilweise dorthin umgeleitet, um die Wassermühle anzutreiben. Aber erst im 18. Jh. erfolgte die endgültige Abkopplung der „Alten Wörpe“ von dem jetzigen Unterlauf der Wörpe durch Lilienthal.

Nach der Entwässerung des Sees (der „Blanken“) haben sich in den alten Flutrinnen Röhrichte und Bruchwald aus Erlen und Weiden entwickelt. Harmonisch fügt sich heute die Waldkulisse in die offene Weite der Wiesen des St. Jürgenslandes. Hinter dem Wald führt der Weg entlang der Truper Wettern. Auch sie ist ein Teil des ehemaligen Wörpelaufs. Im Unterschied zur „neuen“ Wörpe hat sie einen naturnahen Charakter mit Teich und Seerosen im Wasser, Röhricht an den Ufern und dahinter Weiden- und Erlengebüschen.

Hier müssen wir umkehren und ein kleines Stück zurückfahren, bis vor einem Maisfeld ein Feldweg rechts einbiegt. Am Wegrand wächst die Kriech-Weide und in dem breiten Graben neben dem Weg ein großer Bestand der Krebsschere. Ihr bizarrer Wuchs erinnert an Aloe. Sie ist die Charakterpflanze der Altwasser in den Auen der Tieflandflüsse. Zwei vom Aussterben bedrohte Libellenarten - die Grüne Mosaikjungfer und die Keilflecklibelle - kommen hier vor. Sie legen ihre Eier nur an Krebsscheren ab.
Der Feldweg ist teilweise sehr uneben, vielleicht müssen Sie Ihr Rad hier ein Stück schieben.

2 Auf dem Weg zur Wümme überqueren wir zuerst das Truper Sielfleet und dann den Semkenfahrtskanal. In den Gräben, Fleeten und Teichen wachsen die Wasserpflanzen besonders artenreich, je nach Wassertiefe Seerosen, Laichkräuter, Krebsscheren oder die Wasserfeder. Gräben und Grabenränder sind heute ein Ersatzlebensraum vieler Sumpf- und Wasserpflanzen, aber auch vieler Tierarten, wie der Libellen, die in der ursprünglichen Auenlandschaft der Wümme weit verbreitet waren.
Der Semkenfahrtskanal wurde 1869 gebaut, um den Transportweg für die Torfschiffer aus dem Teufelsmoor nach Bremen zu verkürzen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts passierten zwischen September und Oktober täglich ca. 100 Schiffe diesen Wasserweg.






Nun erreichen wir den Deich und folgen der Wümme flußabwärts. Nach ca. 100 m queren wir das Gehrdener Sielfleet. Hier mündete ursprünglich die Wörpe in die Wümme, nachdem sie die Blänken durchflossen hatte. Die verschiedenen Siele im Deich werden in trockenen Sommern auch geöffnet, um Wümmewasser einströmen zu lassen. Damit werden die Gräben aufgefüllt, so daß das Gras nicht vertrocknet und das Vieh Wasser zum Saufen hat.


3 Wenden wir uns nun der Wümme zu. Sie entspringt in der Lüneburger Heide am Wilseder Berg. Das Bremer Becken durchfließt sie in großen Schleifen („Mäander“) zwischen zwei alten Deichlinien, die im 12. Jahrhundert von holländischen Siedlern angelegt wurden. Früher wurde auch das Außendeichsland („Groden“) als Wiese und Weide genutzt. Aber mit dem Ausbau der Weser und der Zunahme von Ebbe und Flut in der Wümme war eine landwirtschaftliche Nutzung nicht mehr möglich. Seitdem entwickeln sich hier Schilfröhrichte und Weidenauwald. Das Gebiet zwischen den Deichen steht heute unter Naturschutz.
Die untere Wümme gehört mit ihren Nebengewässern zum Lebensraum des Fischotters. V.a. Im Winter wandern Otter bei anhaltendem Forst aus dem Oberlauf und dem Aller-Gebiet in die Wümmeniederung





Der Fischotter, ein heimlicher Gast an der Wümme.
4 Am Maschinenfleet sehen wir das Schöpfwerk Höftdeicht, das 1884 als Dampfschöpfwerk in Betrieb genommen wurde. Zu dieser Zeit praktizierte man allerdings eine Naßwirtschaft: Im Winter war das gesamte St. Jürgensland monatelang überschwemmt und wurde von vielen Fischarten als Laich- und Überwinterungsplatz aufgesucht. Das Überschwemmungswasser der Wümme und Weser wurde zwischen den Deichen eingestaut, um die Schlickfacht im Wasser zur Düngung des Grünlandes zu nutzen. Anfang April wurde das eingestaute Wasser innerhalb von mehreren Wochen in die Wümme zurückgepumpt. Erst 1936 ging man dazu über, das St. Mürgensland auch im Winter trocken zu halten.
Bei der nächsten Abzweigung führt ein Weg nach Norden zur Kirche St. Jürgen, die diesem Teil der Wümmeniederung den Namen gegeben hat. Sie wurde bereits im 9. Jh. dem „Heiligen Georg im Land der Gräser“ („Beati Georgii in terra graminum“) geweiht. Zur damaligen Zeit gab es auch sommerliche Überschwemmungen, deshalb bildeten großflächig Röhrichte und Seggenrieder die natürliche Pflanzendecke. Allmählich ändert sich nun der Boden der Niederung. Der Niedermoortorf, der den Boden im östlichen St. Jürgensland bildet, wird im unteren Flußlauf der Wümme von einer Kleischicht (Lehm, Ton) überdeckt, die die Weser bei ihren Überschwemmungen im Mittelalter hier ablagerte.

5 Am Gasthof „Nordseite“ nutzen wir die Brücke, um die Wümme zu überqueren und auf der bremischen Seite zurückzufahren. Beim Blick auf das Wasser beobachten wir möglicherweise eine Strömung in Richtung Lilienthal. Der Grund dafür ist die Weservertiefung, die den Einfluß der Gezeiten bis weit ins Binnenland verstärkt hat. Der Tidenhub beträgt heute an dieser Brücke ca. 2,50 m. Das Wümmewasser schwabbt also ständig hin und her und ist dadurch sehr trüb. Bei Ebbe zeigen sich am Fluß große Wattflächen, die es vor dem Weserausbau in diesem Umfang nicht gab.

Der Weg verläuft nun auf der deichkrone, so daß man einen sehr guten Blick über den Fluß und auf der rechten Seite in das Bremer Blockland hat. Als Blockland bezeichnet man die ebene Wiesenniederung, die zwischen der Wümme und der Bremer Weserdüne liegt. Der Name stammt aus der Phase der Holländer-Kolonisation und bezeichnet die Aufteilung in langgestreckte, von Gräben zerteilte Grünlandparzellen („blocken“).
Die ersten Siedlungen wurden im 12. Jahrhundert im Auftrag des bremischen Erzbischofs von Holländern angelegt. Die Überschwemmungen zwangen die Siedler zur Anlage von Wurten. Die Kultivierung hatte einige unerwünschte Folgen: In dem eingedeichten Flußbett der Wümme lagerte sich verstärkt Schlick ab, währen der entwässerte Niedermoorboden binnendeichs zusammensachte. Dadurch verschlechterten sich die Entwässerungsbedingungen. Hinzu kam eine Klimaänderung, die verstärkt Hochwasser und Sturmfluten mit sich brachte. Im 16. Jahrhundert mußten deshalb die Höfe von der Blocklander Hemmstraße auf den Wümmedeich umsiedeln.
Bei Dammsiel mündet die „Kleine Wümme“, ein ehemaliger Seitenarm der Weser.

6 Zwischen den Hofstellen Niederblockland 15 und 14 erinnert eine Holztafel an den letzten Deichbruch im Dezember 1880. Das Wasser überflutete das ganze Blockland, und große Teile Bremens standen drei Monate unter Wasser. An der Deichbruchstelle entstand durch das überstürzende Wasser ein 8 m tiefes Loch, das heute noch als Teich („Große Brake“) zu sehen ist. Sicher sind Ihnen schon vorher auf der Fahrt solche Teiche aufgefallen, die alle auf Deichbrüche zurückzuführen sind.

Die Große Brake
An den Braken kann man besonders im Juni die Männchen des Seefrosches rufen hören. Er ist ein typischer Bewohner der Flußmarsch und überwintert im Außendeichsbereich am Ufer der Wümme, weil hier der Boden nicht so lange gefroren ist und das fließende Wasser ihn ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Die Sumpfdotterblumen blühen auf den gemähten Reetflächen besonders üppig.
Einzelne Flächen im Röhricht werden zur Gewinnung von Reet für die Dacheindeckung gemäht. Die gemähten Flächen fallen im Frühjahr durch die gelben Blüten der üppig wachsenden Sumpfdotterblume auf.

Im Röhricht brüten viele Vogelarten. Am häufigsten sind der Teichrohrsänger und die Rohrammer. Ihr Gesang prägt in den Monaten Mai bis Juni die akustische Kulisse der Röhrichte. Auf den großen Silberweiden und Erlen im Außendeichsland gegenüber von „Gartelmanns Gasthof“ besteht seit 1992 eine Brutkolonie des Graureihers. Mit dem Graureiher, dem Schlagschwirl, dem Blaukehlchen, und der Beutelmeise sind vier Arten in den letzten zehn Jahren als Brutvögel neu eingewandert, die von der Ausbreitung der Weidengebüsche und –bäume profitieren.
Auch die Rohrweihe ist häufiger geworden. Sie segelt elegant im niedrigen Flug über die Röhrichte und die angrenzenden Wiesen.

Das Blockland wird seit den 60er Jahren nicht mehr überschwemmt. Der Rückgang von Überschwemmungen und die nachfolgende Intensivierung der Grünlandnutzung haben wie im St. Jürgensland den Vogelreichtum der Niederungslandschaft stark reduziert. Auf den ausgedehnten Wasserflächen rasteten früher tausende Schwände, Gänse und enten, und auf den nassen Wiesen brüteten zahllose Kiebitze, Uferschnepfen und Rotschenkel.

Im Vordergrund ein Süßwasserwatt, das bei Niedrigwasser sichtbar wird, im Hintergrund Auwald.
7 Im Naturschutzgebiet „Westliches Hollerland“, das sich östlich des Kuhgrabens erstreckt, wurden die Wasserstände seit der Unterschutzstellung Ende der 80er Jahre angehoben. Die Mahd der Wiesen ist wie in den Truper Blänken erst nach dem 15. Juni erlaubt. Dadurch können typische Wiesenvogelarten in diesem Gebiet im Unterschied zum Blockland und St. Jürgensland wieder mehr Junge aufziehen.

Auf dem Jan-Reiners-Weg überqueren wir wieder die Wümme, fahren durch Lilienthal, bis links die Feldhauserstraße abzweigt, und gelangen hoffentlich wohlbehalten, aber wahrscheinlich mit müden Beinen, zurück an den Ausgangspunkt der Tour.

Dr. Hans-Gerhard Kulp (Biologische Station Osterholz)



Länge der Radwanderung: ca. 32 km

1 - Die Truper Blänken
2 - Die Semkerfahrt
3 - Die Wümme
4 - Schöpfwerk Höftdeich
5 - Wümmebrücke Nordseite
6 - Die Große Brake
7 - Das Hollerland

Karten:
Kartengrundlage L2918 (1995) 1:50 000 verkleinert;
Kurhannoversche Landesaufnahme 31 (1764-66) verkleinert
Vervielfältigungserlaubnis LGN B4-590/97

Hinweis:
Bei den Gaststätten „Wümmeblick“ am Höftdeich sowie „Zur Schleuse“ an der Semkenfahrt können sie die Radtour abkürzen und sich in den Monaten Mai bis September mit der Fähre übersetzen lassen.

Fotos: (H.-G. Kulp)


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