L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    3 8


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 38 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

1974 wurden 4 Dörfer in die Stadt Rotenburg eingemeindet: Borchel, Mulmshorn, Unterstedt, Waffensen. Die ehemals selbständigen Gemeinden haben ihre gewachsenen historischen Eigenheiten während der über 20-jährigen Zugehörigkeit zur Stadt nicht aufgegeben.

Wege in die Dörfer IV: Rotenburg - Waffensen

Waffensen ist ein altes Bauerndorf, das seinen bäuerlichen Charakter trotz der Neubausiedlungen und der Handwerksbetriebe bis heute erhalten hat. Weitgehend um einen Mittelpunkt gruppiert, bestimmen große Bauernhöfe mit hofnahen Feldern, mächtige Eichen, aber auch weite Flächen das Bild des Dorfes. Der Ort strahlt auf den ersten Blick eine vorindustrielle Behäbigkeit aus, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß Waffensen ein lebendiger Ort ist, wie die Erfolge im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ zeigen. Der Name Waffensen wird auf einen Personennamen und die Endung –heim zurückgeführt. Dies deutet auf eine mittelalterliche Gruppensiedlung hin, die auch durch siedlungsgeographische und historische Forschung bestätigt worden ist. Die erste Erwähnung des Dorfes wird auf das Jahr 1320 datiert. Das alte Dorf und sein heutiger Kern liegen in einer Talsenke, die von einem in der Gemarkung Bötersen entspringenden Bach durchflossen wird bzw. wurde. Die Lage des Ortes erlaubte den ersten Bewohnern den direkten Zugang zu dem lebensnotwendigen Wasser und den Rückzug auf die Höhe, wenn dieses lebensbedrohend werden sollte. Die Geest in der Gemarkung Waffensen reicht bis auf 40 Meter, das heutige Dorf liegt auf einer Höhe von durchschnittlich 20 Metern.

1 Die Fahrt nach Waffensen können Sie gut am Rathaus in Rotenburg beginnen. Von dort fahren Sie in die Ahe, entweder an der Wümme entlang oder direkt auf der Straße „in der Ahe“. Waffensen erreichen Sie auf der Straße „Zur Ahe“. Links von der Straße liegt ein Neubaugebiet, wie es für alle Bauerndörfer typisch ist. Mit einem kleinen Schwenk durch die Straßen „Auf den Spitzen - zum Glockenturm“ können Sie es sich näher ansehen.

Den Kern des Ortes erreichen Sie am Ende der Straße bei dem Kreisverkehr. Hier sollten Sie anhalten, um sich den Platz mit seiner Tafel zur Geschichte des Ortes und die umliegenden Bauernhäuser anzusehen. Sie liegen zum Teil versteckt hinter engen, baumumkränzten Zufahrtswegen.

Der Kern des Ortes (Kreisverkehr).
2 Die Häuser spiegeln die unterschiedlichen Epochen der Bebauung wider. Einige Bauernhäuser sind im Fachwerkstil mit Ausfachung aus Flechtwerk und Lehm gebaut, bei manchen ist die Ausfachung aus Stein, und manche sind nur aus Stein, ohne Fachwerk.

Mit Stein ausgefachtes Bauernhaus (19. Jh.).
3 Vom Ortszentrum können Sie auch ein mehrstöckiges Haus sehen, das auch Fachwerk enthält. Die unterschiedliche Bauweise verweist auf verschiedene Zimmerleute und verschiedene

Bauernhaus mit eingesetztem Vorbau und Fachwerk als Zierelement (Anf. 20. Jh.).

Entstehungszeiten. Typisch für die Entwicklung der Dörfer sind auch die in den Nachkriegsjahren , zwischen 1950 und 1955, errichteten Nebenerwerbsbetriebe. Die Neusiedler sollten einen Teil ihres Lebensunterhalts durch bäuerlichen Nebenerwerb erarbeiten und nicht vollständig auf abhängige Arbeit angewiesen sein. Die Nebenerwerbsbetriebe erkennen Sie daran, daß neben den Wohnhäusern kleinere Gebäude stehen. Sie dienten früher als Ställe und sind heute meistens zu Garagen umgebaut. Sie sollten sich anschließend nach rechts wenden und die Straße „Waffensener Dorfstraße“ in Richtung Bundesstraße fahren. Am Ende der Bebauung, kurz vor der Bundesstraße, steht neben der Straße der Findling, der an die Erfolge des Ortes im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ erinnert.

Von diesem Punkt aus fahren Sie die Straße wieder zurück. Linkerhand werden Sie auf einen Malerbetrieb stoßen. Der ehemalige Betreiber Friedrich Leefers sen. Hat ein kleines, aber den Besuch lohnendes Malermuseum eingerichtet. Sie können es nach einer Voranmeldung besichtigen.

4 Von der „Waffensener Dorfstraße“ fahren Sie in die Straße „Hinter den Höfen“ bis zur Straße „unter den Eichen“. Sie umfahren auf dieser Route einen Teil des Dorfes. Damit haben Sie einen rückseitigen Blick auf den Ort und erfahren den bäuerlichen Charakter des Dorfes. Zugleich sehen Sie, wie der Kern des Ortes leicht ansteigend aus der Marsch sich hervorhebt. Am Ende dieses Abschnitts steht eines jener modernen Gebäude, die die Weiterentwicklung des Dorfes zu Wohnsiedlungen andeuten. Wenn auch noch knapp zehn bäuerliche Betriebe existieren, die, wie auch in den anderen Dörfern, die Selbstvermarktung ihrer Produkte betreiben, so ist doch abzusehen, daß zunehmend Wohnhäuser in Dörfern entstehen.

Wohnhaus der 90er Jahre im Friesenstil.
5 Auf der Straße „Unter den Eichen“ finden Sie rechts ein Bauernhaus vom Ende des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Hof befindet sich eine Deckstation. Die Grundstruktur eines niedersächsischen Bauernhauses blieb erhalten, es wurde aber ganz zeitgemäß - damals modern - nicht mehr als Fachwerk gebaut. An dieser Entwicklung zeigt sich die Lebendigkeit eines Ortes.

Von der Straße „Unter den Eichen“ fahren Sie in die Straße „Am Bullenberg“. Beachten Sie den großen Sportplatz, der den Kindern zur Verfügung steht.

Deckstation

Fahren Sie weiter auf dieser Straße und besuchen Sie einen typischen dorffriedhof.

Von diesem Ort fahren Sie zurück auf der Straße „Unter den Eichen“.

6 Hier im Ort finden Sie eine von mehreren Streuobstwiesen. Streuobstwiesen sind mit Obstbäumen bepflanzt und dienen als Weide für Kühe und Schweine. Sie wurden in der Regel nahe beim Bauernhof angelegt. Sie stellen ein Kulturdenkmal dar - sind Relikt einer traditionellen Landwirtschaft.

Gegenüber dieser Wiese steht das alte Feuerwehrgebäude mit seinem Schlauchturm. Freiwillige Feuerwehren sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen und geselligen Lebens im Dorf. Sie verbinden die Hilfe für die Dorfgemeinschaft mit dem Zusammengehörigkeitsgefühlt der Menschen.

Ein kleines kulturgeschichtliches Kuriosum finden Sie bei dem Platz neben dem Feuerwehrhaus: ein Denkmal für die Gefallenen aus den Kriegen 1866 und 1870/71, errichtet im Jahre 1902.

1866 köpften die Hannoveraner zusammen mit den Österreichern gegen die Preußen und verloren den Krieg und ihre Selbständigkeit. Dies konnten die Hannoveraner - die Welfen - den Preußen nicht verzeihen. 1871 kämpften alle deutschen Staaten gegen Frankreich.

Streuobstwiese

Am Ende stand die Gründung des deutschen Kaiserreiches. Das Denkmal kann nun entweder als ein Dokument welfischer Unabhängigkeit oder als Zeichen des Einverständnisses mit dem deutschen Kaiserreich unter Wilhelm II. Aufgefaßt werden. So oder so dokumentiert das Denkmal die Schwierigkeiten der Deutschen bei der Errichtung eines Nationalstaates.

Fahren Sie weiter auf den Straßen „Unter den Eichen“, „Zum Glockenturm“.

Sie werden auf engem Raum eine lebendige bäuerliche Kultur erleben. Den ursprünglichen Charakter von Waffensen als Haufendorf können Sie hier am besten erkennen. An der Kreuzung „Glockenturm/Ackerweg“ steht ein schönes, durch Feuer teilweise zerstörtes Bauernhaus. In diesem befand sich früher die Dorfschule. Sie wurde von den Bauern des dorfes selbständig aufgebaut, und ihre Initialen sind auf dem Balken über der großen Tür eingeschnitzt.

7 Von der alten Schule nehmen Sie die Straßen „Zum Glockenturm“, „Kienmoor“ und „Zur Ahe“. So erreichen Sie wieder den Kreisverkehr. Von diesem Punkt aus treten Sie die Rückfahrt an.


Für diese können Sie einen anderen Weg wählen. Auf den Straße „Zum Kesselhof - Kesselhofskamp“ und am Everinghausen-Scheeßeler Kanal entlang erreichen Sie die „Bremer Straße“. Diese Route ist etwas anstrengender als der Weg durch die Ahe. Es geht bergauf, und schattenspendende Bäume fehlen. Wenn Sie wieder in Rotenburg sind, haben Sie knapp 20 km zurückgelegt. Mit einer Besichtigung und Pausen ist die Fahrt in 4 Stunden gut zu bewältigen. Falls Sie weitere Informationen wünschen, wenden Sie sich bitte an das Stadtarchiv Rotenburg (Telefon: 04261/71149).

Dr. Dietmar Kohlrausch, Stadtarchiv


Moderne Wohnsiedlung“Zur Ahe“.


1 - Kern des Ortes
2 - Unterschiedliche Epochen
3 - Verschiedene Baustile
4 - Entwicklung zur Wohnsiedlung
5 - Deckstation
6 - Streuobstwiesen
7 - Neubaugebiet „Zur Ahe“


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