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Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 37 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Die Klosterkirchen Heeslingen und Zeven, erbaut im 10. bzw. 12. Jahrhundert, haben - wie das bekannte Kloster Corvey (836) und der berühmte Veitsdom in Prag (1315) - als gemeinsamen Schutzpatron den heiligen Vitus.

Vermutlich hätte es jedoch ohne die Heeslinger Kirche und das „Kloster“ Heeslingen (Kanonissenstift) weder die Zevener Kirche in ihrer besonderen Form als Klosterkirche noch das Museum Kloster Zeven gegeben. Die Entwicklung des Ortes Zeven, der auf Landkarten und in Urkunden noch bis weit ins 18. Jahrhundert als „Closter Seven“ erscheint, hätte wohl einen anderen Verlauf genommen.

Begleiten Sie uns auf unserem Weg zu den Zeugen der Geschichte, die beide Orte verbinden.

Mit dem Fahrrad auf Entdeckungstour von Zeven nach Heeslingen

1 Der Busbahnhof im Zentrum der Stadt ist Ausgangspunkt unserer Radtour. Wir verlassen zunächst Zeven, indem wir links in den Klostergang einbiegen, die Medebrücke überqueren und auf der Molkereistraße bzw. auf der Mückenburg in Richtung Offensen fahren. Kurz nachdem wir die Bahnschienen der WZTE überquert haben, biegen wir links in einen schnurgerade verlaufenden Waldweg ein, der uns zur Ostebrücke bei Offensen führt.

An der Oste

Hier hat man einen schönen Blick in das Urstromtal der Oste, an deren Ufern entlang ein alter Handelsweg verlief. Und gerade entlang der Oste gibt es auch noch viele Hügelgräber. (Die Hügelgräber rund um Zeven zu erkunden, wäre jedoch eine Wanderung für sich.)

2 Von Offensen folgen wir nach rechts dem alten Kirchweg parallel der Oste entlang (zunächst Heidjers Ruh, dann Alter Schulweg genannt), bis sich der als Reitweg ausgewiesene Rad- und Wanderweg am Ende des Neubaugebietes „Am Stimmbeck“ gabelt. Wenn wir uns nun links halten, erreichen wir den Offenser Weg und sind bald darauf in der Ortsmitte von Heeslingen. Wir sehen den markanten Turm der Heeslinger St. Vitus-Kirche vor uns.

St. Viti-Kirche in Heeslingen



Der ursprüngliche Rundturm wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts abgetragen und 1897 durch einen Turm aus Backstein ersetzt. Der neugotische Turm ist im Laufe der Jahre ein Symbol für den Kirchspielort Heeslingen geworden, leitet uns jedoch kunstgeschichtlich ein wenig in die Irre.

Mit der Heeslinger St. Vitus-Kirche haben wir eine der ältesten und schönsten Feldsteinkirchen Norddeutschlands vor uns! Die Kirche gehörte zum „Kloster“ Heeslingen, einem Kanonissenstift, das von


Zeichnung der Heeslinger Kirche mit Rundturm von Heinrich Vogeler, 1900.

dem Grafen Hed (vermutlich schon um 961) gegründet wurde und im Jahre 986 in seinen Rechten durch Kaiser Otto III. urkundlich bestätigt worden ist. Von der ehemaligen Klosteranlage ist nach bisherigen Erkenntnissen nur die Kirche erhalten geblieben.

Daß Heeslingen im frühen Mittelalter ein bedeutender Ort war, beweist die Tatsache, daß die Heeslinger im Jahre 1038 das Marktprivileg erhielten, die Berechtigung, alljährlich am 15. Juni (Vitustag) einen Markt abzuhalten, der Handel und Wandel nach Heeslingen brachte und auch etliches an Zolleinnahmen für das Kloster abwarf. Wachsender Reichtum und Disziplinlosigkeit („irreligiositas“) heißt es in den geschichtlichen Unterlagen) veranlaßten den Propst Liutmund, das Stift Heeslingen 1141 in das fünf Kilometer entfernte, abgeschiedenere „Kivinan à“, das heutige Zeven, zu verlegen, um „Zucht und Ordnung“ wiederherzustellen. Wer genügend Zeit mitbringt, sollte einen Abstecher zum Hollengrund machen, einem idyllischen Hohlweg, der unmittelbar hinter der Kirche gegenüber dem neuen Friedhof liegt. Die bis zu 3 m tief eingeschnittenen Hohlwege haben immer wieder Anlaß zu Spekulationen gegeben. Im Volksmund heißt es noch heute, daß hier die Burg des Grafen Hed, des Begründers des Klosters Heeslingen, gewesen sein soll. (Die Burg des Grafen Hed ist nach neueren Erkenntnissen eher identisch mit der Heilsburg, deren Überreste unweit von Heeslingen beim Hofe Adiek zu finden sind.)

3 Der Umzug des Kanonissenstiftes von Heeslingen nach Zeven im Jahre 1141 hat vermutlich das Ortsbild Heeslingens und die Lebensweise seiner Bewohner nicht in dem Maße verändert wie der Strukturwandel, den wir in unseren Dörfern in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Einen kleinen, feinen Eindruck vom Aussehen der Dörfer unserer näheren Umgebung und vom bäuerlichen


Börden-Heimathaus in Heeslingen.

Leben vergangener Tage vermittelt uns sehr anschaulich das Börden-Heimathaus Heeslingen. Es liegt einen kurzen Radweg von der Kirche entfernt rechter Hand an der Bremer Straße, der Ausfallstraße nach Zeven. Vom Börden-Heimathaus gelangen wir auf einem Rad- und Wanderweg, der hinter der Anlage durch die Wiesen verläuft, zurück zum Offenser Weg.

4 Wir verlassen Heeslingen auf dem Offenser Weg in Richtung Offensen. Wenn unsere Zeit es zuläßt, können wir in dem kleinen Waldstück am Ortseingang zur linken Hand einen Hügelgräberfriedhof aus der Bronzezeit besuchen.


Ostebrücke bei Brauel.

Von Offensen geht es weiter, nun die Heeslinger Straße entlang, bis kurz vor Brauel, wo wir links in den Osteweg einbiegen. Hier überqueren wir wieder die Oste und durchfahren danach den Ort Brauel. Über den Osterhornweg, den Braueler Weg, den Bünteweg, die Mückenburg kommen wir zurück zum Kloster Zeven, dorthin, wo auch die Heeslinger Kanonissen vor über 850 Jahren ankamen.

5 Mit ihrer Umsiedlung nach Zeven, dem damaligen „kivinan à“, wurden die Nonnen auch den strengen Klosterregeln des heiligen Bedendikt unterstellt. Weit über 500 Jahre lebten und wirkten die Benediktinerinnen in Zeven, bis das Kloster am Ende des Dreißigjähringen Krieges säkularisiert wurde. Die letzte Zevener Nonne starb 1694.


So könnte das Kloster Zeven einmal ausgesehen haben.

Heute, nach weiteren 300 Jahren, ist das Kloster und Heimatmuseum in dem letzten uns noch erhaltenen Gebäudeteil des früheren Klosters untergebracht. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten wurde das Museum Kloster Zeven 1988 eröffnet und gewährt seither seinen Besuchern mancherlei Einblick in vergangene Zeiten. Bedeutsam für unseren Rundgang sind der historische Keller mit seinem Kreuzgratgewölbe, die Reste der Wandbemalung aus der Klosterzeit und Teile des Heeslinger Münzschatzes.

6 Zum Kloster Zeven gehört auch die um ca. 1150 erbaute romanische Kirche gleich nebenan. Wie die Heeslinger Kirche ist sie


Taufkessel in der St. Viti-Kirche.

eine einschiffige, aus Feldsteinen erbaute Kirche, die ebenfalls dem heiligen Vitus geweiht ist. Ein Kleinod der Kirche ist u.a. der spätgotische bronzene Taufkessel, der von Propst Lüder von Bramstedt gestiftet wurde. Die eigenwillige Haube des Kirchturmes paßt nicht so recht zum strengen, romanischen Stil der Kirche. Die barock anmutende Trumspitze stammt aus dem 18. Jahrhundert, als der turm repariert werden mußte. Sie wirkt jedoch, wie viele Zevener mit dem verstorbenen Pastoren und Superintendenten Georg Meyer meinen, „durchaus nicht unschön“.



Christinenhaus von der Gartenseite.

7 Das Christinenhaus in der Lindenstraße gehört indirekt ebenfalls noch zum Komplex „Kloster Zeven“. Es ist der älteste Profanbau in der Stadt und stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Christinenhaus wurde wahrscheinlich als Verwaltungssitz des Klosteramtmannes und als Gästehaus genutzt, nachdem das Kloster im Jahre 1648 in den Besitz Schwedens übergegangen ist. Die schwedische Königin Christine hat auf ihren zahlreichen Reisen wenigstens einmal, so der Volksmund, hier genächtigt.


Heute ist das Christinenhaus eine städtische Galerie, und die wechselnden Kunstausstellungen ziehen viele Besucher an. Hinter dem Christinenhaus befindet sich ein kleiner Park, der in Anlehnung an den barocken Hausgarten u.a. mit modernen Plastiken gestaltet wurde.

8 Wir beenden unsere Entdeckungsreise in die Klostergeschichte Heeslingens und Zevens mit einem Rundgang durch den beim Busbahnhof gelegenen Stadtpark, der zum Teil aus dem alten Klostergarten hervorgegangen ist. Wie das Titelfoto zeigt, hat man hier einen schönen Blick auf das alte Klostergebäude und den Kirchturm.

Wenn die Jahreszeit günstig ist, können wir dort noch auf den letzten lebenden Zeugen aus jenen Tagen treffen, die Osterluzei, eine heilkräftige Pflanze, immer noch aus dem Kräutergarten der frommen Schwestern.


Osterluzei

Fotos 1,2,4,6,8: Elisabeth Speidel-Frost


1 - Busbahnhof Zeven
2 - St. Viti-Kirche in Heeslingen
3 - Vörden-Heimathaus
4 - Hübelgräber in Offensen
5 - Museum Kloster Zeven
6 - St. Viti-Kirche in Zeven
7 - Christinenhaus
8 - Stadtpark


Den Schlüssel für die Zevener Kirche bekommen Sie zu den jeweiligen Öffnungszeiten im Museum Kloster Zeven oder im Kirchenbüro, Bäckerstr. 3, den Schlüssel für die Heeslinger Kirche zur Öffnungszeit im Kirchenbüro Heeslingen, Kirchstraße 16.

Auskunft:

Rathaus, Am Markt 4, 27404 Zeven
Touristeninformation, Tel.: 04281/716-0

Öffnungszeiten:
Museum Kloster Zeven, Klostergang 3, 27404 Zeven, Tel. 04281/716-159
Galerie Christinenhaus, Lindenstraße 11, 27404 Zeven, Tel.: 04281/716 159
Donnerstag: 14:00 - 17:00 Uhr, Sonntag: 15:00 - 17:00 Uhr

Börden-Heimathaus, Bremer Straße 2 27404 Heeslingen, Tel.: 04281/77 95
jeden 1. Sonntag in den geraden Monaten von 14.00 - 17.00 Uhr, Gruppen auch nach Vereinbarung (in Zeven und Heeslingen)


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