L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    3 6


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 36 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Die Einheitsgemeinde Gnarrenburg (12 Ortschaften mit ca. 10.000 Einwohnern) liegt im Herzen des Elbe-Weser-Dreiecks inmitten von weiten Feldern, ausgedehnten Wäldern und urwüchsigen Moor- und Heideflächen.
Allein 11 Moordörfer entstanden hier zwischen 1771 und 1850 nach den Plänen von Moorkommissar Jürgen Christian Findorff (1720 - 1792) im nördlichen Teil des Teufelsmoores.
Da Brenntorf in Bremen und Hamburg sehr gefragt war, entwickelte sich ein reger Torfhandel. Er ließ die Kulturarbeit auf den Anbauerstellen in den Hintergrund treten.
Für die Ansiedlung von Glashütten waren folgende Faktoren bestimmend:
- riesige Torfvorkommen als Energielieferanten (der Torf wurde wie in einem Holzmeiler verkohlt und durch „Torfgas“ die erforderliche Hitze von 1200°C erreicht),
- Quarzsande am Geestrand und in den Moorseen,
- Anschluß an den Oste-Hamme-Kanal,
- billige Arbeitskräfte (die heimischen Bevölkerung wurde angelernt),
-die Facharbeiter (Glasbläser und Glasschleifer) kamen aus ganz Deutschland.


Aus Gnarrenburgs vergangenen Tagen: Torf & Glas



1 Unsere Rundfahrt beginnt bei der ehemaligen Glasfabrik „Marienhütte“ an der Bergstraße in Gnarrenburg, gegenüber dem Traditionsgasthof „Marienhütte“. Bremervörder Bürger gründeten 1846 auf der Geestdorfer Heide diese Hütte. Ihren Namen verdankt sie der Gemahlin des letzten hannoverschen Königs Georg V., Marie. Wie die 64 Jahre zuvor aus nicht ganz geklärten Umständen eingegangene Fahrenberger Hütte förderte auch sie den Torfabbau.

130 Jahre dauerte die wechselvolle Geschichte der Marienhütte. Sie bestimmte die Entwicklung Gnarrenburgs entscheidend. Die Blütezeit der Hütte begann mit der Übernahme durch Hermann Lamprecht im Jahre 1876, der die anfängliche Tafelglasproduktktion auf Hohlglas umstellte. Der Sprung auf den Weltmarkt gelang mit der Erfindung des Tropfenzählers (verschiedene Reichspatente von 1881 - 1885). Man konnte erstmalig exakt Tropfen zählen, was besonders in der Medizin wichtig ist.


Anzeige aus dem Heimat- und Adreßbuch 1950/51.


Patentschrift Tropfenzähler

Um der weltweiten Nachfrage gerecht werden zu können, wurden Hüttten zugekauft: Breitenstein/Harz (1890) und Immenhausen bei Kassel (1908). Hermann Lamprecht, der 1909 verstarb, war nicht nur ein Wohltäter seiner Arbeiter. Er unterstützte die Schützengesellschaft, die Kirche und die Gemeinde. So lieh er Gnarrenburg 50.000 RM für den Bau der Kleinbahn Bremervörde - Gnarrenburg - Osterholz. Das erleichterte den Warentransport fortan. Auf die Rückzahlung des geliehenen Geldes verzichtete Lamprecht testamentarisch. Vorher war der Transport zur 22 Kilometer entfernten Eisenbahnstation Oldenbüttel mit einem eigenen Pferdefuhrpark durchgeführt worden.

Seit Beginn des ersten Weltkriegs bestimmten Höhen und Tiefen die Firmengeschichte. Während des Krieges führte Facharbeitermangel zur Stillegung. Die Nachkriegsjahre gestalteten sich wegen der Wirtschaftslage als sehr schwierig. Die Wirtschaftskrise 1932/33 bewirkte eine erneute Stillegung, doch 1936 waren wieder knapp 200 Arbeiter beschäftigt. Nach den Wirren des zweiten Weltkriegs ging es nochmals bergauf. Um 1950 zählte die Marienhütte etwa 260 Beschäftigte, rund 9600 Metallformen waren auf Lager und die Jahresproduktion betrug ca. 20 Millionen Flaschen. Ein Drittel ging in den Export.
Doch Ende der 60er Jahre begann der Strukturwandel. Auch die Herstellung von Beleuchtungsgläsern konnte den Niedergang der Hütte nicht aufhalten. Aus Wettbewerbsgründen mußte die traditionsreiche Marienhütte 1976 ihre Tore schließen. Über 250 Menschen hatten dort Arbeit und Brot gefunden. Die Werkshallen sind ausgeräumt.
Zwischen dem Betriebsgebäude und der Kleinbahn befand sich der kleine Hafen der Glashütte. Parallel zur Straße verlief der bereits 1778 angelegte Kirchdamm-Kanal, fortan Hüttenen-Kanal genannt. Er verband den Hafen mit dem Oste-Hamme-Kanal.
Torf wurde transportiert und Glasprodukte noch Bremervörde gebracht, von wo sie mit dem firmeneigenen „Glasdampfer“ noch Hamburg und von dort in die ganze Welt gelangten.

2 Einen Kilometer weiter südlich am Kanal befinden sich die Gnarrenburger Torfwerke. Die Anfänge der hiesigen Torfindustrie gehen auf die Erfindung der ersten Torfpresse und der ersten Torfbahn durch H. Lamprecht im Jahre 1880 zurück.


Torfkahn am Klappstau.
3 Nach 700 m Weg ist der Oste-Hamme-Kanal erreicht. Der 16 Kilometer lange ehemalige Schiffgraben verbindet die Oste mit der Hamme (1769 bis 1790 erbaut). Er hatte um die Jahrhundertwende eine Breite von knapp sechs Metern und eine Tiefe von fast einem Meter. Der nun durchgehende Wasserweg nach Hamburg (Oste-Elbe) oder nach Bremen (Hamme-Lesum-Weser) bildete die Grundlage für einen regen Torfhandel. Während die hiesigen Moorbauern bis Osterholz oder direkt bis Bremen fuhren, brauchten sie für den Absatz in Hamburg oder an der Unterelbe nur bis Bremervörde zu fahren, wo der Torf auf größere Elb-Ewer verladen wurde. Für den Transport benutzte der Torfschiffer spezielle Kähne mit einem geringen Tiefgang, sogenannte Halbhunt-Schiffe mit einem Fassungsvermögen von einem „halben Hunt“ (ein halbes Hundert Körbe Torf = ca. 6 Kubikmeter Torf). Wegen der Gezeiten in Elbe und Weser und wegen des Höhenunterschieds mußten Staus oder Schleusen eingebaut werden. Sie behinderten die Fahrt. Die Erfindung des Klappstaus durch den Moorkommissar Witte erlaubte auch die Nachtfahrt. Doch noch wichtiger war die Verminderung des Wasserverlustes beim Öffnen des Staus Die Schiffe schoben sich auf die flexible Klappe und drückten sie herunter. Nach der Durchfahrt schnellte sie durch den Wasserdruck wieder noch oben. Die Torfschiffahrt war mühsam. Die meiste Zeit mußte getreidelt, gewriggt oder gestakt werden. Segeln konnte man nur auf den Flüssen.
Der Oste-Hamme-Kanal, einst als wichtigste Verkehrsader zwischen Elbe und Weser vorgesehen, erlangte eine Bedeutung nur hinsichtlich der Beförderung von Torf auf kleinen Kähnen.

Aufgrund der günstigen Verkehrslage sind am Kanal 6 Moordörfer entstanden.
Auf der Friedrichsdorfer Seite geht es ca. 1,5 Kilometer nordwärts weiter, am Oste-Hamme-Kanal entlang. Rechts liegt Langenhausen. Der Blick fällt auf die etwa 120 Meter zurückliegenden Hofstellen. Auf jedes Gehöft führt ein Hausdamm, der in der Regel von stattlichen Bäumen gesäumt wird.

4 Bei Brümmers Landhaus werden der Kanal und die Kreisstraße gequert. Etwa 6 Kilometer nordöstlich wurde 1750 die „Königliche Glashütte auf dem Fahrenberge“ gegründet, die bis 1782 Hohlglas herstellte. Die Produkte konnten nicht nur im Umland, sondern auch in Bremen, Hamburg und Holland abgesetzt werden. Von dieser Hütte ist heute im Gelände nichts mehr zu erkennen.
Siegel der Fahrenberger Hütte.



Glas-Museum Marienhütte, jetzt geschlossen5 Auf dem Augustendorfer Damm mit parallel verlaufendem Schiffgraben erreichen wir nach 1,7 Kilometern das (seit Ende 2001 geschlossene - d. Redaktion) „Glas-Museum Marienhütte“ in Augustendorf, Hausnummer 1. Hier wird die über 225jährige Geschichte der Gnarrenburger Glasindustrie /1750 - 1976) anhand von alten Glaserzeugnissen, Werkzeugen und anderen Hinterlassenschaften wieder lebendig.
Wir befinden uns auf einer der ältesten Hofstellen Augustendorfs (1829). Im angeschlossenen „Teufelsmoor-Museum“ werden Arbeit und Leben im Moor erklärt.

Nach dem Museumsbesuch kann hier, im nahegelegenen Gasthof „Zum Huvenhoop“ oder bei der nächsten Station eine Rast eingelegt werden.

6 Auf dem „Historischen Moorhof Augustendorf“ (Hausnummer 11) erleben wir den Alltag der ersten Moorbauerngenerationen. Die Vielzahl der im Rauchhaus und auf dem Museumsgelände befindlichen Ausstellungsstücke gestatten einen Einblick in das einfache Leben einer Moorbauernfamilie, besonders auch deshalb, weil dieser Hof an Ort und Stelle verblieben ist. Typisches, was ehemals vorhanden war, ist rekonstruiert worden, wie Ziehbrunnen, Göpel, Bienenzaun, Backofen, Torfstich und sogar ein „Häuschen mit Herz“. Auf den Erwerbszweig des 19. Jahrhunderts weist der Torfkahn hin.

Das Moorreihendorf Augustendorf entstand 1828. Es wurde benannt nach Herzogin Auguste von Cambridge, der Gemahlin des Generalgouverneurs von Hannover, einem Bruder König Georgs IV. Von England und Hannover. Sie billigte „mit Vergnügen“ die Namensgebung.
Torfstich auf dem Museumshof.Beim Durchfahren des Ortes werden die Struktureneiner sogenannten Findorff-Siedlung besonders deutlich: Schiffgraben, Damm, rechtwinklig dazu die Höfe mit gleicher Breite (ca. 160 Meter) und 1000 Meter Tiefe. Am Schiffgraben, der früher ca. 4 Meter breit war, liegt die Vorweide , dahinter die Wirtschaftsgebäude. Beachtenswert sind die schönen Hofauffahrten.

7Nächste Station ist das Naturschutzgebiet „Huvenhoopssee“ am Ortsausgang Augustendorf (Parkplatz). Das Schutzgebiet umfaßt 320 Morgen, während der See selbst eine Fläche von gut 30 Morgen bedeckt. Er ist im Teufelsmoor der letzte Hochmoorsee. Ein Beobachtungsturm ermöglicht einen weiten Blick über die urwüchsige Landschaft mit ihrer besonderen Pflanzenwelt. Ein herrlicher Anblick ist es, wenn das Wollgras „blüht“.
Der Weg Richtung Gnlinstedt führt an riesigen Torfabbauflächen (linker Hand) vorbei, die sich zum großen Teil in der Renaturierung befinden. Mit der Feldbahn wird der abgebaute Torf zur Aufbereitung in die Humuswerke (ehemals Torfwerke) in Gnarrenburg gebracht und dort verarbeitet.

8 Am Fuß des von der Eiszeit geschaffenen Steinbergs (ca. 30 Meter hoch) fahren wir links in die Seeholzstraße in den Wald. Auf halber Höhe (rechts) befinden sich riesige Sand- und Kiesgruben. Linker Hand genießen wir den weiten Blick über das Huvenhoopsmoor. Wir erreichen die Glinstedter Friedhofskapelle, von der bei klarem Wetter Bremens Türme zu sehen sind.
In der Dorfmitte erwarten uns imposante Bauernhäuser mit herrlichem Baumbestand. Hier steht auch der G.ockenturm mit einer 500 Jahre alten Glocke. Unterwegs nach Karlshöfen sehen wir rechter Hand eine weite Senke (hinter der Gärtnerei)- Hier befand sich der „Glinster See“, über einen Kilometer lang und ca. 600 Meter breit. Er zählte zu den größten Binnenseen in den ehemaligen Herzogtümern Bremen und Verden. Der schöne ausgewaschene weiße Sand diente den Bauern als Streusand für die Dönzen und das Flett. In der Marienhütte und Carlshütte war er ein notwendiger Rohstoff für die Glasherstellung.

9 Dem alten Heer- und Handelsweg folgend biegen wir in Karlshöfen (Linkskurve) rechts ab in die Bienenstraße, um die großen Bauernhöfe mit ihrem herrlichen Baumbestand im Dorfkern zu entdecken. Der Ortsname ist wahrscheinlich auf Karl den Großen zurückzuführen, der hier einen Karls- oder Königshof anlegen ließ. Südwestlich des Ortes lag die „Seeburg“ der Ritter von Issendorff (zwischen 1300 und 1400) - heute das Wappen von Karlshöfen.

10 Kurz hinter dem Karlshöfener Berg liegen links die Produktionsstätten des Lampenherstellers „Brilliant“. Seit 1857 wurden dort in der „Glasfabrik zur Carlshütte bei Gnarrenbug“ Tafelglas und Glasdachpfannen hergestellt. Die Hütte grenzte unmittelbar an die Findorfer Moorflächen, wo der benötigte Torf gestochen werden konnte. Der Transport erfolgte über einen Stichkanal. Der erforderliche Quarzsand kam zunächst vom eigenen und dem benachbarten Grundstück, auf dem zur gleichen Zeit eine Ziegelei entstand. Später kamen diese Sande per Pferdefuhrwerk aus Glinstedt. Der Versand der Fabrikate erfolgte mit dem Schiff oder dem Fuhrwerk. Nach dem Bau der Kleinbahn lag der Bahnhof vor der Tür. Ab 1921 nannte sich diese Glasfabrik „Hansa-Hütte“. Wegen Absatzmangels mußte sie 1926 ihre Pforten schließen. 50 bis 60 Mitarbeiter wurden arbeitslos. Ab 1957 stellte die Firma Ultravit (O. Tschammer) dort Beleuchtungskörper her. 1976 siedelte sich hier die Firma Lippold, jetzt „Brilliant-Leuchten“, erfolgreich an. Die letzten Werksgebäude der Hansa-Hütte sind 1996 dem Neubau einer Lagerhalle der Leuchtenfirma gewichen.

Die Carlshütte.
11 Ein schon in vorgeschichtlicher Zeit wichtiger Verkehrsweg führte vom Karlshöfenerberg über den ca. 700 Meter langen „Gnarrenburger Moorpaß“. Das belegen zahlreiche Funde, u. a. Eines der ältesten Wagenräder Europas (über 4000 Jahre alt) sowie Reste von Bohlenwegen.
Nordwestlich des Moordammes, beim Mühlenberg, lag die Gnarrenburg (ca. 1250 - 1500), als Schanze noch im Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) genutzt.
Etwas später sollte dort eine weitere Glashütte angelegt werden, ähnlich der Hütte Fahrenberg.

12 Nordöstlich der Kleinbahn rechts entstand 1936 die vierte Glasfabrik, die „Gulau'sche Hütte“. 15 bis 20 Arbeiter stellten dort Glasdachpfannen her, die in ganz Deutschland verkauft wurden. 1951 übernahmen o. Tschammer und K. Lippold das Werk, nannten es nun „Brillant-Glashütte“ und nahmen mit 40 bis 60 Arbeitern die Produktion von Gläsern für Lampenschirme auf. Wachstumsbedingt erfolgte 1976 der Umzug zum Standort der ehemaligen Carlshütte /Hansa-Hütte.

13 In der Ortsmitte, am höchsten Punkt des Ortes, steht die Gnarrenburger Kirche. Sie ist die letzte der von dem großen Moorkolonisator Jürgen Chjristian Findorff selbst geplanten und gebauten Kirchen. Nach sechsjähriger Bauzeit konnte 1790 die Einweihung gefeiert werden. Das als Saalkirche gestaltete Gotteshaus hat ein langgestrecktes Achteck als Grundriß. Da erst wenige Moordörfer gegründet waren und noch viele hinzukommen sollten, ging Findorff von bis zu 1200 Kirchgängern aus. Aus finanziellen Gründen wurde kein Turm gebaut und unter den Kirchbänken befand sich noch Sand. Die Einweihung des 40 Meter hohen Kirchturms fand im Jahre 1870 statt. Bemerkens- und nachdenkenswert ist die Inschrift über dem Kirchenportal: GLORIA IN DESERTIS DEO (Ehre sei Gott in der Wüste).

14 Der 1909 verstorbene Besitzer der Marienhütte und große Wohltäter Gnarrenburgs, Hermann Lamprecht, ist auf dem Gnarrenburger Friedhof beigesetzt. 1926 hat die Gemeinde als Dank die Straße von der Ortsmitte Richtung Marienhütte nach ihm benannt. Auf dieser Straße fahren wir bis zur Einmündung „Fuhrenkamp“. Hier biegen wir rechts ab und gelangen zum Werkstor der ehemaligen Glasfabrik. Der Ausgangspunkt ist wieder erreicht. Wer noch weitere „Glasprodukte“ in Augenschein nehmen möchte, kann dieses im Traditionsgasthof „Marienhütte“ tun. Er war die Stammkneipe der Hüttenarbeiter.



Die Strecke beträgt ca. 21 Kilometer.

1 - Marienhütte
2 - Torfwerke
3 - Oste-Hamme-Kanal
4 - Hütte am Fahrenberg
5 - Glas-Museum
6 - Histor. Moorhof
7 - Huvenhoopssee
8 - Glinstedt
9 - Karlshöfen
10 - Carlshütte/Brilliant
11 - Moorpaß
12 - Gulau'sche Hütte
13 - Kirche
14 - Hermann-Lamprecht-Straße


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