L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T     3 5


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 35 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:



Schafställe und Scheunen auf der Sittenser Geest

Zu den historischen Bauten zwischen Elbe und Weser gehören Schafställe und Scheunen abseits der Dörfer und am Rande der Hofanlagen auf der Geest. Entdecken Sie mit uns einige dieser stillen Zeugen der Geschichte auf einer Radtour, die in Sittensen beginnt und endet.
Unsere Tour führt auf zwei alternativen Strecken entweder 40 oder 55 km weit durch den östlichen Teil des Landkreises Rotenburg. Manche Wege haben noch ein rauhes Kopfpflaster oder sind tiefgründig-sandig und vermitteln einen Eindruck der alten Wege in der Heide.




1+2 Wir starten in Sittensen an der restaurierten Wassermühle hinter dem Rathaus. Hier sind ausreichend Autoparkplätze vorhanden. Die Tour führt über die Ostebrücke und bald dahinter rechts ab in die Alte Dorfstraße. Wenn diese nach 300 m nach rechts abknickt, folgen wir ihr zunächst und finden nach 200 m rechts eine alte Querdurchfahrtsscheune (die Tore liegen in der Längswand) mit jüngst ausgebessertem Reetdach.

Ursprüngliches Aussehen: Verbretterte Scheune an einer Kopfsteinpflasterstraße in Sittensen gelegen.
3 Die Alte Dorfstraße zurück zur Gabelung und den Appeler Weg entlang trifft man nach 1,5 km rechts in einem Wäldchen auf den ersten Schafstall. Es ist ein Außenschafstall, der vor ca. 130 Jahren in die damals offene Heidefläche hineingesetzt wurde. Die Gefache der Außenwände sind noch in alter Weise mit Lehmflechtwerk gefüllt. Im Innern ist der Stall wie ein kleines Bauernhaus konstruiert: Die Last des Daches wird von den im Innern stehenden Ständern und Balken getragen. Niedrige Außenwände schließen die Abseiten (Kübbungen genannt) ab. Es ist der Schafstalltyp, der in weiten Teilen des Elbe-Weser-Dreiecks gebaut wurde, die dem ehemaligen Herzogtum Bremen entsprechen.

Schönheit und Einfachheit: Außenschafstall von ca. 1860 mit weit heruntergezogenem Rethdach außerhalb von Sittensen.

4 Weiter geht die Fahrt immer dem Weg geradeaus folgend nach Appel. Direkt gegenüber der Gastwirtschaft (mit Möglichkeit zum Einkehren!) liegt der älteste Schafstall unserer Tour. Im Innern (Schlüssel bei Gastwirt zu erfragen) wird der Unterschied deutlich: viel kräftigere Hölzer, alle aus Eiche und eine deutlich niedrigere Decxkenhöhe zeichnen diesen ca. 350 Jahre alten Stall aus. Der ehemals alleinliegende (“einstellige”) Hof hatte in unmittelbarer Umgebung weite Heideflächen, so daß die Schafherde bis zuletzt in dem Stall, der auf dem Hof selbst stand, bleiben konnte.
5+6 Von Appel aus geht es auf mitunter sehr sandigen Wegen Richtung Stemmen. Die zwei Ställe dort liegen recht versteckt in der Feldmark noch vor dem Ort. Nachdem vor ca. 150 Jahren die ehemals gemeinsam genutzten Heideflächen der Dörfer in der großen Agrarreform auf die einzelnen Höfe verteilt worden waren, hat jeder Bauer sein eigenes Land von seiner eigenen Heidschnuckenherde beweiden lassen und dort seinen eigenen Stall errichtet. In Stemmen lässt sich auf alten Karten noch ein ganzer Kranz solcher Ställe in 2 – 3 km Entfernung vom Dorf nachweisen, von denen sich aber nur wenige bis heute erhalten haben.
7 Durch die Ortsmitte von Stemmen geht die Tour zur B 75 (Wegweiser “Rotenburg”) und an dieser Straße etwa 2 km auf dem Fahrradweg entlang, bis man bei dem Parkplatz “Büschelskamp” die Straße überqueren muß, um in ein renaturiertes Heidegebiet abzubiegen. Hier werden von dem Verein “Vareler Heide” große Flächen auf der Randbühne der Wümme in eine Wacholder-Heidelandschaft zurückverwandelt.
8-10 Hinter der Siedlung Varel erreicht die Tour die Kreisstraße Scheeßel-Sittensen an der Wümme-Brücke. Hier besteht die Möglichkeit, nach links Richtung Scheeßel zu fahren und dort die eindrucksvollen Museumsanlagen des Heimatvereins “Niedersachsen” aufzusuchen, in denen zwei umgesetzte Schafställe aus der nördlich von Scheeßel gelegenen bremischen Regionen und der Hofschafstall des Meierhofes (“Kunstgewerbehaus”) stehen. Der Umweg beträgt etwa 3 km.
11 Die kürzere Tour geht über die Wümme-Brücke bei Varel und nach 50 m links ab über Wirtschaftswege nach Westeresch. Hier steht hinten auf dem Hof Behrens der schönste Schafstall des “Verdener Typus”. Es ist ein Gebäude, das eher einer Scheune ähnelt, weil es hohe Wände und keine inneren Ständer hat. Solche Ställe sind nicht von den Längsseiten – wie die meisten Scheunen der Region – sondern von den Giebeln aufgeschlossen. Zum Besichtigen des Stalles betreten Sie die Hofflächen bitte von der Rückseite her. (Zunächst rechts, nach 50 m links in die Schulstraße, wieder links in den Neubauernweg und hier nach 150 m links “Am Brink”, dort wieder links, sobald der befestigte Weg endet). Wir verlassen die Hofflächen über den gleichen Weg und folgen der Neubauernstraße in Richtung Süden.

Ein ganz anderer Gebäudetyp: Hofschafstall mit hohen Wänden und Dachluke aus Westeresch.

12 Ein gleicher Verdener Schafstalltyp steht in Hetzwege (hinter der Ortstafel). Der Stall ist offen und darf betreten werden. Die so gänzlich unterschiedliche Bauweise der beiden letzten Schafställe verweist darauf, dass wir hier die seit dem Mittelalter bestehende Grenze zwischen den Stiften und späteren Herzogtümern Bremen und Verden überschritten haben, die als Landkreisgrenze nur wenig verändert bis zur Kreisreform von 1977 fortbestanden hat.

Nur für den Kenner zu identifizieren: Ein hochwandiger Schafstall mit leicht veränderter Dachform in Hetzwege.

13 Die verkürzte Tour geht jetzt über Wittkopsbostel – Sothel – Hamersen nach Sittensen zurück. Der Stall in Wittkopsbostel ist äußerlich vom bremischen Typus, eine Untersuchung des Innengerüstes zeigt aber, dass er aus einem alten hochwandigen Stall durch Anfügung der Abseiten gebildet wurde, der Stall also eine Übergangsform darstellt, die die Lage des Dorfes Wittkopsbostel in einem strittigen Teil des Grenzgebiet beleuchtet. Von Wittkopsbostel geht es nach Sothel.
14 Die längere Tour führt über Hesedorf und Hatzte ebenfalls nach Sothel. Die beiden zusätzlichen Ställe dieser Tour sind von besonderem optichen Reiz. In Hesedorf liegt in Ortsmitte auf dem Dorfplatz ein Schafstall einer bisher noch nicht beschriebenen Bauart: Er ist eine Mischung aus dem bremischen und dem verdischen Typus, da er eine einseitige innere Ständerreihe mit Kübbung und eine anderseitige hohe, balkentragende Außenwand aufweist. Ich sehe in dieser Bauweise keine Zufälligkeit, vielmehr ist sie für mich Ausdruck der mehrfach wechselnden Zugehörigkeit des Dorfes zu den beiden Ländern Bremen und Verden.

Mit Wissen und Können nachgebaut: Ein asymetrischer Schafstall mit echtem Roggenstrohdach in Hesedorf bei Gyhum.

Der Stall ist besonders schön anzusehen, weil er ein neues Dach aus Roggenstroh erhalten hat. Das Getreide ist von der Dorfgemeinschaft noch selbst angebaut und aufbereitet worden. Auch hier ist eine Innenbesichtigung und eine Picknickpause möglich. Den Schlüssel gibt es beim Nachbarn.
15 + 16 Noch reizvoller anzusehen ist der kleine Stall in Hatzte, der auf einer niedrigen Anhöhe liegt und uns mit dem umgebenden Fuhrenkamp einen Eindruck von der Schönheit unserer Dörfer in der Vergangenheit herüberträgt. Von Hatzte geht es auf Wirtschaftswegen (alternativ auch auf einem, allerdings sehr schlechten, Weg entlang eines großen Torfabbaugebietes) nach Sothel.


Der Schönste der alten Ställe: Kleiner Schafstall auf einer Anhöhe unter Fuhren in Hatzte.

17 In Sothel steht ein weiterer Schafstall des asymmetrischen Typs. Das Dorf lag ebenso wie Wittkopsbostel in dem in seiner Zugehörigkeit strittigen Grenzgebiet zwischen den Stiften.

Alte Benutzungsspuren: Asymetrischer Schafstall aus Sothel mit den Namenszügen von Wanderburschen am inneren Fachwerk.

Von Sothel fahren wir nach Hamersen.

18 + 19 Am Ortsrand von Hamersen befinden sich nahe beieinander zwei im Innern sehr altertümliche Schafställe als Reste des ehemaligen Schafstallviertels des Dorfes. Einer ist zu einer Abstellkammer und Werkstatt umgenutzt und hat noch sein altes Strohdach, der andere ist äußerlich stark verändert und dient als Melkstand.

Wahrscheinlich der älteste Stall: Schafstall in Hamersen mit Innengefüge ganz aus Eichenholz und niedriger Deckenhöhe.

Er steht aber meist offen, so daß ein Blick ins Innere geworfen werden kann. Dabei imponieren als altertümliche Merkmale wieder die niedrige Deckenhöhe und die Form der Kopfbändern (so sind die schrägen Hölzer zwischen den senkrechten Ständern und den waagerechten Balken und Rähmen benannt).

20 Am andren Ende desDorfes kommen wir noch an einer großen Feldscheune mit altem Strohdach vorbei, deren Fächer jetzt mit Ziegeln ausgemauert sind. Die Nagelreste auf den Riegeln lassen erkennen, dass auch sie einmal mit Brettern verkleidet war, wie die Scheunen an der Alten Dorfstraße in Sittensen. Auf dem Fahrradweg entlang der Kreisstraße führt die Tour nach Sittensen zum Ausgangspunkt an der Wassermühle zurück.
Alle Ställe unserer Tour sind klein. Sie konnten zwischen 40 und 100 Heidschnucken beherbergen. Auf der Geest der Nordheide war eine Mischwirtschaft üblich, bei der die Heidschnuckenhaltung eine wichtige aber keine so dominierende Rolle spielte, wie in den südlich gelegenen Regionen der Zentralheide. Dort erreichten die Herden Kopfzahlen von 300 oder 400 Stück.
Fast nichts ist von dieser „Heidebauernzeit“ geblieben. Die eintönige, fast baumlos weite Steppenlandschaft der Heide gibt es nicht mehr. Die Landschaft hat sich in eine fruchtbare, grüne oder vielfach bewaldete Kulturlandschaft verwandelt, die den Blick begrenzt, aber auch Schatten spendet und Abwechslung in den Bildern bietet. Unser Tagesausflug sollte helfen, Spuren der alten Wirtschaftsweise der Heidschnuckenhaltung und der durch sie hervorgebrachten Landschaft in der „Natur“ und in den gebauten Zeugen der Vergangenheit zu finden.

Dr. Wolfgang Dörfler, Interessengemeinschaft Bauernhaus


Informationen und Anmeldungen:
Heimatverein Sittensen, Frau Jaschinski,
Telefon: 04383 – 93 00 49
EJaschinski@sg.sittensen.de
Titelfotos: Letzter Schäfer vom Abbendorf (um 1950), ehemaliges Schafstallviertel von Frelsdorf im Landkreis Cuxhaven (Foto um 1900 von Hans Müller-Brauel)






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