L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    3 0


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 30 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:



Von der Hansestadt zum Industriestandort





Herzlich willkommen zu einem Streifzug durch die Buxtehuder Wirtschaft in Geschichte und Gegenwart.

Von entscheidender Bedeutung für Buxtehudes wirtschaftliche Entwicklung war die Lage der Stadt an der bis zu ihr hin schiffbaren Este. Nur von Buxtehude und Stade aus konnte im Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein die Niederelbe überquert werden. Im Rahmen des hansischen Fernverkehrs auf der Linie Bremen-Hamburg-Lübeck gewann die junge 1285 gegründete Stadt rasch an Bedeutung und wird bereits 1363 als Hansestadt genannt.

1. Der heutige Buxtehuder Hafen ist der Überrest der mittelalterlichen Reede, eines großen vor der Stadt gelegenen Hafenbeckens, in dem die Schiffe ankern konnten, bevor sie im Fleth, dem innerstädtischen Hafenkanal be- und entladen wurden. Aufgrund der Schiffahrtsverbindung zur Elbe nahm Buxtehude früh am Prozeß der Industrialisierung teil, und das Hafengebiet entwickelte sich zu einem Industriestandort (vgl. die Stadtansicht auf der Titelseite oben). Der größte Betrieb war mit 60 – 80 Arbeitern die bis 1912 bestehende Zementfabrik. Sie war aus einer 1828 gegründeten Kalkbrennerei hervorgegangen und stellte seit 1850/51 als erste Fabrik in Deutschland Portland-Zement her. Im Zuge der “Estekorrektion” war 1849 in der Mitte des Hafenbeckens eine Insel aufgeschüttet worden. Auf ihr errichtete der englische Fabrikant William Dawson 1853 eine Steingutfabrik, die von 1854 bis 1861 in Betrieb war. Seit 1897 befindet sich die Malerschule in dem ehemaligen Fabrikgebäude. Weitere Betriebe in der Umgebung des Hafens waren: eine Dampfsägemühle, eine Ölmühle, eine Schiffszimmerwerft und eine Farbenfabrik. Heute befinden sich am Hafen die Firma Gründahl, die in ihrem ehemaligen Mühlengebäude ein Landhandelsgeschäft betreibt, und auf der Westseite des Hafens ebenfalls in einem ehemaligen Mühlengebäude ein Möbelmarkt. Im Buxtehuder Hafen, wo 1912 noch 557 angekommene Segelschiffe und 404 Dampfer gezählt wurden, legen heute nur noch Ausflugsschiffe und Sportboote an.

Fleth, um 1910.

2. Das Buxtehuder Fleth war zur Zeit der Stadtgründung eine hochmoderne Hafenanlage und ist neben der St.-Petri-Kirche das bedeutendste Baudenkmal der Stadt. Es gilt als der älteste – innerhalb einer Stadt – künstlich angelegte Hafen Nordeuropas. An die Tradition von Schiffbau und Schiffahrt erinnert der restaurierte und seit 1991 im Fleth vor Anker liegende Ewer “Margareta”. Am südlichen Ende des Fleths wurde die Wasserkraft der aufgestauten Este seit 1289 für den Betrieb landesherrlicher Mühlen genutzt. Im 19. Jahrhundert wurde das bis heute bestehende Gebäude errichtet und die Mühle mit Turbinenantrieb ausgestattet. Erst 1975 hat die Mühle ihre Arbeit eingestellt. 1979 erfolgte der Umbau zu einem Hotel- und Geschäftsgebäude.
Bereits im 18. Jahrhundert entstanden im Zuge der Industrialisierung auch im Umkreis des Fleths erste Fabrikbetriebe: zwei Seifenfabriken, drei Gerbereien sowie später eine von dem Mühlenbesitzer Hastedt betriebene Nudelfabrik und eine Maschinenfabrik. Heute sind die produzierenden Gewerbe aus der Innenstadt verschwunden.

3. Im Altstadtbereich befinden sich heute fast ausschließlich Ladengeschäfte, Restaurants, Cafés, Dienstleistungsunternehmen, Arzt- und Anwaltspraxen. In der Breiten Straße steht das Rathaus, bis heute das politisch-administrative Zentrum der Stadt. Zugleich ist die Stadtverwaltung mit rund 500 Beschäftigten größter öffentlicher Arbeitgeber und damit selbst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Viehmarkt vor dem Rathaus, um 1900.

Seit 1919 hat das Kaufhaus Stackmann seinen Sitz in der Langen Straße. Es hat 430 Beschäftigte und ist eines der bedeutendsten Familienunternehmen Norddeutschlands. Mit seiner historischen Altstadt und einer sich bis nach Altkloster erstreckenden Einkaufsmeile ist Buxtehude ein bevorzugter Marktort im gesamten Niederelbegebiet.

4. In südöstlicher Richtung vom heutigen Busbahnhof erstreckte sich einst auf einer Fläche von ca. 90.000 m² die Buxtehuder Lederfabrik. 1832 begann Johann Christian Wachenfeld mit dem Bau der Fabrik auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Bleiche. 15 – 20 Arbeiter waren hier 1846 tätig. In besten Zeiten hatte die Fabrik rund 150 Beschäftigte und war der größte Arbeitgeber der Stadt. 1959 wurde der Betrieb stillgelegt. Kunststoff verdrängte das in Buxtehude hergestellte Sohlleder. 1979 wurde das Gelände an eine Hamburger Wohnungsbaufirma verkauft und zur Bebauung freigegeben.

Lederfabrik, um 1910.

5. 1881 erhielt Buxtehude den lange gewünschten Eisenbahnanschluß. Mit der Eröffnung der Bahnlinie wurde die Umgebung des Bahnhofs ein verkehrsgünstig gelegener Wirtschaftsstandort. Auf dem ehemaligen Galgenberg südlich des Bahnhofs wurde 1890 eine Bierbrauerei gegründet. Diese wurde 1918 vom Mühlenbesitzer Hastedt erworben und in eine Nudelfabrik umgewandelt. 1936 übernahmen die Gebrüder Birkel den Betrieb. Ein – wie sich später herausstellte, zu Unrecht ausgelöster – “Frischei-Skandal” führt 1988 zur Schließung. 1996 wurden die alten Fabrikanlagen abgerissen, um neue Gebäude für Handels- oder Dienstleistungsunternehmen zu errichten.

Bahnhof und Bierbrauerei, 1896.

Außer der Nudelfabrik waren in der Nähe des Bahnhofs eine Leimfabrik, eine Holzhandlung, eine Maschinenfabrik und zwei Hotels ansässig. Von ihnen besteht einzig die ehemalige Maschinenfabrik Sauer an der Stader Straße als Heizungs-, Sanitär- und Metallbaufirma bis heute.

6. Schon im Mittelalter wurde in Altkloster die Wasserkraft der Este wirtschaftlich genutzt. Bereits in der Klosterstiftungsurkunde werden zwei Mühlen erwähnt. Ab 1622 wurde hier nicht nur Korn gemahlen, sondern auch Papier hergestellt. 1816 erwarb der Hamburger Kaufmann Johann Hinrich Winter die Papiermühle. Er vertraute 1822 die Leitung seinem Sohn Johann Asmus an, der den handwerklichen Betrieb zur damals größten Papierfabrik im Königreich Hannover ausbaute. 1860 beschäftigte das Werk rund 300 Personen. Nachdem ein Großbrand 1917 die Produktionsstätten fast völlig zerstört hatte, ging die Fabrik 1925 in Konkurs. 1954 verlegte die Firma Klintworth ihre Obstverwertung von der Harburger Straße nach Altkloster. Der Betrieb wuchs zur größten Obstmosterei in Norddeutschland an.

Ehemaliges Wohnhaus von J. A. Winter, später Direktorenwohnung, zuletzt Bürohaus Granini, 1922.

1968 übernahm die Deutsche Granini das Buxtehuder Werk. Durch eine Fusionierung mit dem Eckes-Konzern kam 1994 das Aus. Um die Auslastung eines anderen konzerneigenen Standortes sicherzustellen, wurde das Buxtehuder Werk geschlossen.

7. Das Industriegebiet Ost (vgl. die untere Abbildung auf der Titelseite, Foto: W. Stephan, 1996) hat seinen Ursprung im Brillenburgsweg. Bereits 1938 erwarb der Maschinenfabrikant Rudolf Kröhnke beiderseits des Weges Grundstücke, um seine Fabrikationsanlagen hierher zu verlegen. Rudolf Kröhnke hatte 1927 als Handwerksmeister im Maschinenbau, Klempnerhandwerk und Elektrofach in der Innenstadt begonnen. Im Maschinenbaubereich stellte er mit bis zu 90 Arbeitskräften Feldbahn-Lokomotiven, Pumpen, Winden und Zubehörteile her. Die Firma ist heute Vertragshändler der Deutz-Fahr-Agrartechnik und vertritt Iveco Magirus. Erst als nach 1945 dieses Gebiet als Industrie- und Gewerbefläche ausgewiesen wurde, begann die Industrialisierung im größerem Stil. Eine der ersten Gründungen war die Maschinenfabrik Este 1954. Sie ging bald auf in der Claudius Peters AG, welche heute zu dem britischen weltweit operierenden Maschinen- und Anlagenbau-Konzern Babcock gehört. Buxtehude ist der Europastandort der Holding. Die Verwaltung hat ihren Sitz am Brillenburgsweg, in einem umgebauten Fabrikgebäude der Firma Kröhnke. Dieser Bau erhielt 1989 den ersten Preis des Bundesbauministers im Wettbewerb um gelungene Industriearchitektur.

8. Ende 1986 erwarb die Stadt Buxtehude südlich an das Industriegebiet ost angrenzend eine Fläche von 17 ha, um dieses Gelände für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben zu erschließen. Heute sind im Gewerbegebiet Lüneburger Schanze in rund 25 Betrieben ca. 350 Personen beschäftigt. Eine neue Straße, die “Lüneburger Schanze”, verbindet als Industrieverkehrsachse das Gewerbegebiet mit dem Industriegebiet Ost, wo entlang des Alten Postweges namhafte Betriebe in den Bereichen Spirituosenherstellung und –abfüllung, Metall- und Anlagenbau, Chemie, Kunststoffproduktion, Körperpflegemittel sowie der Baustoffindustrie angesiedelt sind. Von den rund 11.000 Arbeitsplätzen, die Buxtehude derzeit bietet, befindet sich rund ein Viertel im Industriegebiet Ost und dem Gewerbegebiet Lüneburger Schanze. Insgesamt stehen noch rund 35 ha Bruttofläche für gewerbliche Ansiedlung zur Verfügung.

Firmenwegweiser Gewerbegebiet Lüneburger Schanze und Industriegebiet Ost, 1996.

Außer dem Industriegebiet Ost und dem Gewerbegebiet Lüneburger Schanze gibt es das kleinere Gewerbegebiet West sowie weitere Industrie- und Gewerbestandorte am Rande des Kernstadtbereichs und in einzelnen Ortschaften.

9. Am östlichen Ende des Industriegebietes Ost befindet sich das Technologiezentrum Buxtehude (TZB). Mit erheblicher Beteiligung des Landes Niedersachsen errichtet, wurde die stadteigene GmbH am 14.02.1986 eröffnet. Das TZB ist ein wesentlicher Baustein im Konzept der städtischen Wirtschaftsförderung. Es leistet Starthilfe für junge Unternehmer und Existenzgründer, die zu günstigen Konditionen Räume, technisches Gerät, Telefonanlage und Sekretariat in Anspruch nehmen können. Den Unternehmensgründern soll über mehrere Jahre die Möglichkeit zur Entwicklung gegeben werden, damit sie sich dann im Buxtehuder Wirtschaftsraum ansiedeln können. Derzeit sind neun Betriebe mit 52 Beschäftigten im TZB tätig, die auf so unterschiedlichen Gebieten wie Medizin, Werbung, Elektronik oder Computer-Software arbeiten.

10. Nach Nordosten wird das Industriegebiet Ost von der Harburger Straße begrenzt. An der verkehrsreichen Zubringerstraße bestimmen Großmärkte für den Bau- und Heimwerkerbedarf das Bild. Zur Zeit entstehen auf einer Fläche von 32.000 m² ein weiterer Bau- und Gartenmarkt, ein Bettenlager und ein Getränkemarkt mit insgesamt 250 Parkplätzen. Es werden 60 – 70 Arbeitsplätze geschaffen. Kurz vor der Stadt liegt als “Ausreißer” der einzige Industriebetrieb nördlich der Harburger Straße, das Branntweinreinigungswerk Klindworth GmbH.

NSB Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft im ehemaligen Schulgebäude Harburger Straße, 1996.

Im Gebäude der Grund- bzw. der früheren Hauptschule Harburger Straße von 1871 hat die NSB Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft Platz gefunden. Sie ist mit rund 1.000 Beschäftigten – von denen allerdings nur etwa 50 in Buxtehude, die übrigen auf den Weltmeeren arbeiten – der größte Buxtehuder Betrieb und zugleich eine der größten Bereederungsgesellschaften Deutschlands. So wird in der Nähe des Buxtehuder Hafens die maritime Tradition der Stadt in modernster Weise aufrechterhalten.

Bernd Utermöhlen

(Aktuelle Daten nach den Angaben des Amtes für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften)





1 - Hafen
2 - Fleth
3 - Altstadt
4 - ehem. Lederfabrik/Busbahnhof
5 - Bahnhof
6 - ehem. Papierfabrik/ehem. Granini

7 - Industriegebiet Ost
8 - Gewerbegebiet Lüneburger Schanze
9 - Technologiezentrum Buxtehude
10 - Harburger Straße




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