L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    2 8


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 28 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Grasberg: Auf den Spuren des Moorkolo-nisators Jürgen Christian Findorff.










Ohne den Moorkolonisator Jürgen Christian Findorff (1720 – 1792) wäre die Gemeinde Grasberg vielleicht heute noch eine unkultivierte Moorlandschaft, mit Heide und Wollgras bewachsen. Heute ist hiervon auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Auf der Suche nach der Vergangenheit soll Sie diese Radtour in längst vergessene Tage zurückversetzen.

Etwa seit Beginn des 18. Jahrhunderts hatten sich von den Geestranddörfern aus etliche Jungbauern in den Grenzbereichen der Moore angesiedelt, dort eigenmächtig Torfstich betrieben und Moorboden urbar gemacht. Als im Jahre 1718 die kurhannoversche Regierung die Herzogtümer Bremen und Verden nach 67jähriger schwedischer und dreijähriger dänischer Herrschaft übernahm, entwickelte sie Pläne, das Teufelsmoor unter staatlicher Lenkung planmäßig zu kultivieren. Mit der bisher “wilden” Nutzung der Moorflächen sollte endgültig Schluß gemacht werden.

In den ersten Jahren nach 1750 wurden in dafür geeigneten Gebieten drei Dorfanlagen mit Hofstellen von etwa 50 Morgen Größe vermessen: Neu Sankt Jürgen am Abelhüttenberge, Wörpedorf und Eickedorf. Weitere Orte sollten rasch folgen. Die Durchführung der Kolonisation, die Anwerbung von Siedlern und die recht schwierigen Auseinandersetzungen mit den Geestrandbauern, die das Moor und die Niederungswiesen als ihr Eigentum betrachteten, wurden den drei Moorämtern Lilienthal, Ottersberg und Bremervörde übertragen. Besonders tatkräftig wirkte in unserem Gebiet der Amtmann Friedrich Meiners, zuerst in Lilienthal, später in Osterholz-Scharmbeck, der auch manch erbitterten Streit um die neuen Ansiedlungen mit zäher Ausdauer zu schlichten verstand.

Aber die Amtmänner, die das neue “Moorgeschäft”zu allen anderen bisherigen Aufgaben betreiben mußten, waren damit bald überfordert. Zu ihrer Entlastung setzte Kurhannover 1760 den zum Baumeister und Landvermesser ausgebildeten Jürgen Christian Findorff als Moorvogt ein. Der damals 40jährige war den Ämtern nicht unbekannt. Die ersten, uns heute noch erhaltenen Lagepläne von Sankt Jürgen, Wörperdorf und Eickedorf hatte Findorff 1754 gezeichnet.

Bis zu seinem Tod 1792 in Bremervörde legte Jürgen Christian Findorff im Teufelsmoor nach Weisung der hannoverschen Regierung und in enger Zusammenarbeit mit den Moorämtern 60 neue Moordörfer an, die sogenannten “Findorffschen Reihendörfer”. Er plante und überwachte den Bau von Schiffgräben, jene Torfkanäle, auf denen die Moorbauern in ihren Viertel- und Halbhuntschiffen die braunen und schwarzen Soden zur Unterweser brachten, vor allem nach Bremen.

Findorffkirche

1 Ausgangspunkt für die historische Radtour bildet die von Jürgen Christian Findorff in der Zeit von 1784 bis 1789 gebaute Findorffkirche an der Speckmannstraße 38.
Der Bau der Kirche gestaltete sich nicht einfach. Der Baugrund war trotz des Sandhügels ungünstig, da sich unterhalb des Sandbodens noch Torfschichten befanden. Außerdem machten Unwetter und Überschwemmungen den Handwerkern schwer zu schaffen. Heute läßt sich nur noch erahnen, was sich damals abgespielt hat.

Die Findorffkirche.

Der Innenraum der Kirche wurde 1989 wieder so hergerichtet, wie Jürgen Findorff ihn vor gut 200 Jahren erbauen ließ.
Die Kirche ist weit über die Grenzen der Gemeinde durch eine der heute schon selten gewordenen Arp-Schnitger-Orgeln bekannt.

Findorffhof

2 Der Speckmannstraße bis zur Hausnummer 50 folgend biegen Sie dann in die Straße “Am Berg” ein. Hier fahren Sie entlang des Sportplatzes und erreichen so den Findorffhof. Dieser Gebäudekomplex wurde mit Unterstützung der Gemeinde vom Findorff-Heimatverein errichtet und soll an das bäuerliche Leben unserer Vorfahren erinnern. Das Haupthaus ist 1994 einer Brandstiftung zum Opfer gefallen, konnte aber durch Versicherungsleistungen und Spenden wieder aufgebaut werden.

Wagenschauer auf dem Findorffhof.

Viele der alten Gerätschaften, Fotos und ähnliches sind allerdings ein Opfer der Flammen geworden und können nicht mehr ersetzt werden.
Die Radtour führt Sie jetzt auf dem schmalen Pfad am Sportplatz entlang zur Lindenstraße. Von da aus biegen Sie rechts ab in den Wiesendamm und an der Speckmannstraße nach links bis zur Wörpedorfer Straße. Hier biegen Sie wieder links ab und fahren ein Stück die Wörpedorfer Straße entlang.

Wörpedorf

3 1751 wurde Wörpedorf als erste Moorkolonie gegründet. Es wurden 51 Hofstellen ausgewiesen. Jedem Anbauer wurden damals 50 Morgen (12,5 ha) Moor zugebilligt, wovon etwa 9 Morgen zu Saatland, 2 Morgen zur Hofstelle, zum Garten und zum Entwässerungskanal, 15 Morgen zum Torfstich und 24 Morgen zum Wiesenland bestimmt waren. Zur Düngung dieser Flächen wurde die Haltung von 7 Kühen, 30 Schafen und 2 Pferden empfohlen. Durch diese Vorgaben sollte sichergestellt werden, daß die Anbauern ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften konnten.
Beworben um diese Hofstellen haben sich Knechte und Söhne, die aufgrund eines älteren Bruders keine Erbrechte mehr auf den elterlichen Höfen besaßen. Ihre Freiheit und Selbständigkeit mußten sie teuer bezahlen. Auf den sumpfigen Wegen wurde das Bauholz für die Moorkaten herangeschafft. Es mußten Entwässerungsgräben ausgehoben werden, und das feuchte Klima machte vielen zu schaffen. Außerdem gab es oft Grenzstreitigkeiten mit den Bauern aus Tarmstedt, die den Wörpedorfern die Durchfahrt ihrer Holzfuhren für den Bau der Hütten verwehrten. Auch legten sie Wege durchs Weideland, sie zogen schädliche Gräben, rissen Schlag- und Grenzbäume nieder. Eines Nachts wurde auch die Wörpebrücke, die von den Siedlern benutzt wurde, wenn sie sonntags zur Wilstedter Kirche gingen, zerstört. Die meisten Wörpedorfer kamen aus Wilstedt.
Heute erinnert daran nur noch der an der Straße befindliche Schiffgraben, der den Bauern zum Transport des Torfes über die Wörpe, Wümme und Weser nach Bremen diente.

Wörpedorfer Str. 10 (Schlobohm)

Das 1829 erbaute Niedersachsenhaus an der Wörpedorfer Straße 10 steht seit einigen Jahren unter Denkmalschutz. Es spiegelt noch deutlich die damalige Fachwerkbauweise wieder, die aufgrund des Moorgrundes der beste Schutz gegen Versackungen war.
Die Radtour führt jetzt weiter über den Wirtschaftsweg gegenüber der Wörpedorfer Straße 10. Diesem folgen Sie bis zum Ende. Dort biegen Sie rechts ab. Nach kurzer Zeit fahren Sie über eine kleine Brücke und überqueren die Wörpe.

Die Wörpe

4 Der Bereich der Wörpe wurde 1994 naturnah ausgebaut. Hierdurch wird für seltene Tiere und Pflanzen eine Rückzugsmöglichkeit geschaffen. Mit ein bißchen Glück kann man hier Fischreiher und andere seltene Tiere beobachten.

Die Wörpe: Naturnaher Ausbau.

Übrigens: Der Ortsname “Grasberg” wird abgeleitet von einer mit Gras und einzelnen Baumgruppen bewachsenen Erhebung an der Wörpe zwischen Wilstedt und Lilienthal. Schon vor der Besiedlung des Moores wurden hier die an beiden Flußufern gelegenen Grünflächen von den Tarmstedter und Wilstedter Bauern landwirtschaftlich genutzt. Zudem diente der weithin sichtbare und wegen seines frischen Grüns auffällige Hügel den Bewohnern der Geest als Orientierungshilfe, wenn sie Lilienthal oder Bremen per Schiff über die Wörpe und die Wümme erreichen wollten. Wahrscheinlich wurde dieses Gelände schon vor der Besiedlung “Grasberg” genannt.
Nachdem die Wörpe überquert ist, geht es rechts weiter den Wirtschaftsweg entlang. Diesem folgen Sie bis zum Ende. An der Heidberger Straße biegen Sie links ab. Nach einem kurzen Stück biegen Sie wieder links in die “Alte Reihe”, die nach einiger Zeit in die Dannenberger Straße übergeht.

Dannenberg

5 Dannenberg wurde 1782 gegründet und liegt an einer der geologisch tiefsten Stellen des Osterholzer Moorbeckens ein. Das Dorf hat seinen Namen vom "Dannensee" erhalten, der früher an der Südgrenze der Hofstelle Nr. 9 lag. Findorff, der den Ort 1767 vermaß, hatte “Dannenhausen” vorgeschlagen. Durch Verordnung der Königlichen Regierung in Hannover erhielt das Dorf die endgültige Benennung “Dannenberg”.
1785 wurde der Schiffgraben gebaut, der über Heidberg führte und in den Seeberger Schiffgraben einmündet. Dieser schwierige und auch recht weite Wasserweg sagte den Dannenbergern überhaupt nicht zu; sie beantragten eine kürzere Wasserverbindung. Das Amt in Ottersberg wies das “sonderbare Ansinnen” als zu kostspielig zurück, und die Regierung in Hannover stellte den Anbauern anheim, den gewünschten Kanal auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko zu bauen. Zwei Jahre später war der neue Wasserweg fertig. “Das Werk ist vollkommen”, lobte das Amt und begrüßte insbesondere, daß auch Grasdorf und Meinershausen sich dieses neuen Kanals bedienen könnten und “dadurch eine Schiffahrt erhalten, die sie oft vergeblich gewünscht haben”. Worauf es den Dannenbergern besonders ankam: Ihr Schiffgraben mündete direkt in die Wörpe.
In Höhe der Hausnummer 20 biegen Sie rechts in die “Mühlenstraße” ab. Dieser Straße folgen Sie bis zur nächsten Einmündung. Hier biegen Sie nach links in die “Weinkaufsmoorer Straße” ein. An der Einmündung zur “Meinershauser Straße” biegen Sie rechts und nach einem kurzen Stück gleich wieder links in die Rautendorfer Straße ab.

Rautendorf

6 Rautendorf wurde 1762 gegründet. Noch heute ist hier die Findorffsche Siedlungsstruktur gut zu erkennen. Durch die Dorferneuerungsmaßnahmen in diesem Bereich wurden viele private und öffentliche Maßnahmen in den letzten Jahren durch das Land Niedersachsen gefördert.

Schiffschauer Rautendorf.

Besonders hervorzuheben ist hier die Einrichtung des Dorfplatzes in Höhe der Hausnummer 21 (gute Rastmöglichkeit) und die Umsetzung und Restaurierung des Schiffschauers, das als Baudenkmal einem besonderen Schutz unterliegt. Dieses Schiffschauer stammt aus der Zeit, als noch Brenntorf gestochen und mit dem Schiff nach Bremen befördert wurde. Es diente als Unterstand für die Torfschiffe.

Schmalenbeck

7 Nachdem Sie die Mittelsmoorer und die Huxfelder Straße überquert haben, erreichen Sie das Ende der Rautendorfer Straße.

Bremersdamm (im Hintergrund: unkultivierte Moorflächen).

Hier biegen Sie nach links in den Wirtschaftsweg “Bremers Damm” ab. Zur rechten Hand, bereits im Nachbarkreis Verden, erstreckt sich das Hohe Moor mit lichten Moorbirkenwäldchen, die sich mit saftigen Weiden abwechseln. Die Moorbereiche sind wichtige und wertvolle Rückzugsgebiete für Vögel und Kleintiere.

Am Ende des Wirtschaftsweges biegen Sie rechts in die “Schmalenbecker Straße” ab. Auch in Schmalenbeck hat sich der dörfliche Charakter bewahrt. Es geht gemütlich entlang vereinzelter Höfe, Wiesen und Felder. Nach der Überquerung des Achterdamms” biegen Sie nach kurzer Zeit links in die “Eickedorfer Straße” ein.

Eickedorfer Straße.

Die Eickedorfer Straße ist noch in der traditionellen Form mit Moorklinkern gepflastert, wie früher alle Straßen im Teufelsmoor. Entlang der mit Birken gesäumten Straße befindet sich noch heute der Schiffgraben, der die Torfkähne zur Wörpe führte.

An der Speckmannstraße angekommen, biegen Sie rechts in Richtung Ortsmitte ab. Bald kommen Sie wieder zu ihrem Ausgangspunkt, der Findorffkirche, zurück.

Literatur:
Karl Lilienthal: Jürgen-Christian Findorffs Erbe,
Verlag Heinrich Fr. Melloh, Lilienthal
Rolf Metzing, Johann Schriefer, Fritz Westphal:
Grasberg, Verlag H. Saade, Osterholz-Scharmbeck



1 - Findorffkirche
2 - Findorffhof
3 - Wörpedorf
4 - Die Wörpe

5 - Dannenberg
6 - Rautendorf
7 - Schmalenbeck



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