L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    2 2


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 22 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Zu den Wesensmerkmalen einer spätmittelalterlichen Stadt gehören die Befestigung und die Pflicht der Bürger, ihre Gemeinschaft zu verteidigen. Als Mauern und Wälle höher, die Gräben breiter und die Stadtherren mächtiger wurden, wurde die Befestigung zunehmend zur Last.

Schutz war auch Enge.
Stade als Festungsstadt

Stade um 8501. Der Streifzug durch die Entwicklung der Befestigung Stades beginnt auf dem nahezu höchsten Punkt der Altstadt, dem Georgsberg, etwa 12 m über NN. Auf diesem Plateau werden die fränkischen Eroberer am Ende des 8. Jahrhunderts ein erstes festes Haus errichtet haben, in dessen Schutz sich die Hafenmarktsiedlung an der oberen Hökerstraße entwickelt. Die Verbindung zur wohl nur kleinen Marktsiedlung stellt die heutige Sattelmacherstraße her.
Die Schutzfunktion für die Siedlung aber hat das Gebiet im 12. Jahrhundert bereits seit langem verloren. Die 1132 - 37 dort errichtete Stiftskirche St. Georg, nach dem Bremer Dom der größte Bau zwischen Elbe und Weser, wird die eigentliche Stadtkirche und bleibt dies, zumindest bis in das 15. Jahrhundert.

2. Der Entwicklung der Marktsiedlung folgen wir die Hökerstraße hinab und die Burgstraße hinauf auf den Spiegelberg. Hier   im Marschbereich   laßt der spätere Graf Siegfried wohl zwischen 986 und 994 eine erste Erhebung von etwa 5 Metern aufschütten und darauf eine Burg errichten. Durch einen Knüppeldamm wird die Siedlung angeschlossen. Ein Schwingearm wird um den Hügel geführt, der so eine Hafenmole bildet.
Als die Erzbischöfe nach 1236 unangefochten Stadtherren sind, wird er „Palast“ am Bischofshof alleinige Residenz, die Burg auf dem Spiegelberg verfällt.

3. Vom Spiegelberg aus steigen wir den Säbelberg hinunter zum Alten Hafen, dem bis 1259 gebildeten Hafenbicken. Die Zufahrt schützte der quer über den Schwingelauf gelegte Baum, der Hafenmeister bewohnte das daher so genannte Baumhaus. Der gegenüberliegende „Schwedenspeicher“, das 1692 - 1705 errichtete Provianthaus der schwedischen Garnison, deutet schon auf die Geschichte Stades als landesherrliche Festung seit 1645 hin.

Schon vor dem Verfall der Burg läßt Heinrich der Löwe um 1170 beide Siedlungsbereiche mit Wall und Graben umgeben, der Harschenfleth, eine Speichervorstadt - vielleicht auf der Grundlage einer alten Siedlung, wird jedoch nicht in die städtische Befestigung einbezogen, sondern nur von einem kleineren Wall geschützt.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts werden Wall und Graben durch eine Mauer mit Türmen und festen Toren ersetzt. Vom Harschenfleth aus führt der Kehdingertorswall, der alte Wallgang der städtischen befestigung, zum Kehdinger Tor, dem einzigen Torausgang, der bis in das 19. Jahrhundert in unveränderter Lage erhalten geblieben ist. Im 16. Jahrhundert war das Kehdinger Tor ein Torturm mit Zeltdach, davor eine Brücke mit äußerem Turm. Der Mauer, die im Laufe des 16. Jahrhunderts teilweise durch einen hohen Wall ersetzt wurde, vorgelagert ist als zusätzlicher Schutz ein Graben. Dieser Vorgraben vor dem Kehdinger Wall schützt auch den Harschenfleth.

Vom Kehdinger Tor aus gehen wir zunächst an der Kehdinger Mauer, den Kehdinger Mühren, entlang, dann durch die Lange Twiete zur Bungenstraße.

Das Schiffertor am Ende des 16. Jahrhunderts

Das „Schipsiker Tor“ am Ausgang der Bungenstraße führte zu einer mittelalterlichen Siedlung „Schipsik“, die später wüst und seit dem 15. Jahrhundert nicht mehr erwähnt wird. Der Stich von Braun und Hogenberg aus dem Ende des 16. Jahrhunderts zeigt einen Torturm mit einer festen Brücke über den Festungsgraben und den davorgelagerten Zwinger. Nördlich des Schiffertors, vor der heutigen Langen Twiete, ist bereits ein „Rondell“ oder Bollwerk zu sehen, das mit Geschützen bestückt ist. Es wird später zur Wrangels-Bastion ausgebaut. Sichtbar ist auch der Wallgang hinter der Kehdinger Mauer, der von der bürgerlichen Wache zu besetzen war.

Das Schiffertor wird für den Ausbau der Befestigung für den neuen Stadtherrn, die schwedische Krone, seit 1645 zweimal verlegt, zunächst an den Ausgang der Bäckerstraße, zwischen die beiden Schwingearme. Das alte Tor wird durch eine neue, irreguläre Bastion verbaut, die Schiffer-Bastion - später Torstensson-Bastion, in hannoverscher Zeit Georg-Bastion. Der Zwinger wird abgebrochen.

Eine erneute Verlegung des Schiffertors südlich vor das Pottwärder sieht der 1682 - 85 entwickelte Festungsbauplan des Festungsbaudirektors und Generalquartiermeisters Erik Dahlberg vor, den König Karl XI Anfang 1686 genehmigt. Bereits 1684 beginnt man mit dem Bau des neuen Schiffertor-Ravelins, in dessen rückwärtigen, offenen Abschnitt, die „Kehle“, das Tor gelegt wird.

Östlich des neuen Schiffertors, an der Mulde des Backeltrog, befindet sich bis in das 17. Jahrhundert der Marstall des Rates. Vorbei am 1913 errichteten ehemaligen Eichamt gehen wir die Wallstraße entlang bis zur Inselstraße. Deren alter Name „Vossmor“ abgeleitet vom lateinischen „fossa mortua“, „toter Graben“, zeigt, daß sich hier ein alter Festungsgraben befand, der im 14. Jahrhundert für die damalige Erweiterung des Befestigungsrings zugeschüttet wird. Er wird sich wohl von der Wallstaße über die Inselstraße an der Stockhausstraße zum Backeltrog gezogen haben.

Wir verlassen die Inselstraße unterhalb des Pferdemarkts und biegen in die Beguinenstraße ein Zwischen dem heutigen Straßenzug und der Wallstraße, südlich der Gründelstraße, lag der Beginenhof, nach dem Stich von Braun/Hogenberg direkt am Wallgang hinter de4 mit drei Türmen verstärkten Mauer zwischen dem Backeltrog und dem Großen Tor.


4. Die Beguinenstraße östlich des Beguinenhofes führt auf die Holzstraße und damit fast direkt auf das große, einen Torturm mit einer langgestreckten Brücke über den Befestigungsgraben. Der erste Teil dieser Brücke konnte als Zugbrücke hochgezogen werden.

Das „Große Tor“ am Ende des 16. Jahrhunderts.

Bereits in den ersten Jahren des schwedischen Festungsausbaus wird die alte runde Hohentors-Bastion erweitert, das Große Tor vermauert, zugeschüttet und als Pulvermagazin genutzt. Nördlich davon wird das neue Hohe Tor mit dem Hohentors-Ravelin angelegt, der nach 1670 noch erweitert wird.

Mit der Eroberung durch Schweden erhält der Sand eine neue Funktion in der zivilen wie Militärverwaltung. Die ehemalige Klosterkirche von St. Marien wir Staats- und damit auch Garnisonskirche. Die Regierungskanzlei richtet sich in den Klostergebäuden ein. In der Nähe des Sandes, bei der Reepeerban, wird der Werkhof der Artillerie eingerichtet, der hier auch in Hannoverscher Zeit bleibt.

Die dänische Bombardierung der Stadt zerstört den südlichen Teil mitz den Regierungsgebäuden. Die privaten Häuser werden z.T. Nicht wieder errichtet, so daß 1731 der Plan entwickelt wird, hier am Sand die benötigten Kasernen - die „Baracken“ - zu bauen. Nach 1736 werden um den Sand herum Kasernen errichtet, die ab 1938 mit Truppen belegt werden. Der Ausschnitt aus dem Festungsplan von 1740 zeigt die Anlage. In der Mitte des Platzes ist bereits der Brunnen der 1737 für die Versorgung der Soldaten gebauten hölzernen Wasserleitung zu erkennen.

Ausschnitt aus dem Stadtplan von 1740.
Nach 1900 werden im Südosten des Sandes weitere Kasernen errichtet. Nur die Artilleriekaserne im Norden des Sandes ist bis heute erhalten.

5. Über die Archivstraße, den Bischofshof und die Seminarstraße kommen wir zum Salztor, das ebenfalls nach der schwedischen Besetzung, allerdings erst 1682, vom Ausgang der Salzstraße nach Süden verlegt wird. Bereits 1648 war vor dem Salztor der Salztors-Ravelin angelegt worden. Von den gesamten schwedischen Festungswerken im Osten ist durch die Anlage des Neuen Hafens 1880 und des Floßhafens kaum noch etwas zu sehen

Der Salztorswall führt zu der in der Höhe des Walls wohl ursprünglichsten Bastion, der Güldenstern-Bastion. Sie wurde 1647 durch den Ausbau des dort vorhandenen „Windmühlen-Bollwerks“ angelegt, nach 1700 noch einmal reguliert. Erst 1712 erhielt sie ihren heutigen Namen. Nicht nur der fünfeckige Grundriß der Bastionen, sondern auch höhe und Breite der Wälle kann hier studiert werden. Für die nur noch in ihrem Grundriß erhaltene Königsmarck-Bastion ist eine Aufstellung der Höhen und Breiten vorhanden. Der Wall sollte 5,40 Meter hoch sein, unten 18 Meter, auf der Krone 9 Meter breit. Auf dem Wall wurde eine etwa 4 Meter breite Brustwehr in Höhe von 1,80 Meter errichtet. Der Graben sollte 3 Meter tief und 25 Meter breit sein.


6. Von der Güldenstern-Bastion führt ein Weg durch das Glacis vor dem Wall über den Festungsgraben auf einen der beiden erhaltenen Ravelins, den 1669 angelegten Fuchsloch-Ravelin, 1823 nach dem Hannoverschen Vizekönig Adolf Friedrich umbenannten Adolf-Ravelin. Er ist trotz Umgestaltung zur nicht mehr benutzten Freilichtbühne - im Nationalsozialismus sollte er „Thingplatz“ - sein in seiner Grundform erhalten geblieben. Westlich vom Adolf-Ravelin führt eine Fußgängerbrücke über den Festungsgraben zurück auf den Wall und den Wallgang, den heutigen Pratjeweg. Die davor liegende Hohentorsbastion wurde für den Eisenbahnbau abgetragen, die Hohentorsbrücke neu gebaut.

7. Wir überqueren die Bahnhofstraße zur Straße Am Burggraben. Hier wurden seit 1881 die vorhandenen Festungsanlagen - Gründel-Bastion und Hohentors-Ravelin - zur Gewinnung von Bauland eingeebnet, der Festungsgraben begradigt. Die Straße führt über eine Holzbrücke auf den zweiten erhaltenen Ravelin, den erst 1692 - 94 auf den Resten der „Bürger-Bleiche“ angelegten Bleicher-Ravelin. Bereits 1846 wurde hier eine Gastwirtschaft errichtet, 1910 kann die Stadt die „Insel“ erwerben und verpachtet sie an den Stader Geschichts- und Heimatverein zur Errichtung eines Freilichtmuseums.

Über die zweite Holzbrücke, die Wohltmann-Brücke, verlassen wir die Insel und erreichen die Königsmarck-Bastion, die durch Bebauung am Ostrand - zunächst 1903/04 das Heimatmuseum, nach 1910 nach Norden hin Wohnbebauung - beschnitten worden ist. Von den Wällen ist nichts mehr zu sehen. Westlich von der Königsmarck-Bastion ist noch der Rest eines Außenwerks der schwedischen Festung zu sehen, die sog. Erleninsel.

Unter der Straßenbrücke am Schiffertor hindurch erreichen wir die noch im wesentlichen erhaltenen Werke der Georg-Bastion und der Wrangel-Bastion. Trotz der Bebauung sind noch die Wälle und der steile Abfall zum Graben hin deutlich sichtbar.

8. Die in ihrem Grundriß noch erhaltene Kehdingertor-Bastion ist bebaut und wird von der Parkstraße durchschnitten. Hier biegen wir in die Schiffertors-Contrescarpe ein. Vom Weg aus ist die steile Böschung auf der Außenseite des Festungsgrabens noch erkennbar. Vor der neuen Stadthalle überschreiten wir den Festungsgraben durch einen neu angelegten Walldurchgang, überqueren die Schiffertorsstraße und erreichen über die Kalkmühlenstraße und die Steile Straße wieder den Pferdemarkt mit dem 1697 - 99 errichteten „Zeughaus“, einem ehemaligen Waffenarsenal der Stader Garnison, und damit den Endpunkt unserer Wanderung durch die Festungs- und Befestigungsgeschichte Stades.


Jürgen Bohmbach



1 - Pferdemarkt („Georgsberg“)
2 - Marktsiedlung an der Hökerstraße
3 - Spiegelberg
4 - Beginenhof und Wall am Großen Tor
5 - Sand
6 - Güldenstern-Bastion
7 - Hohes Tor und Bleicher-Ravelin
8- - Wrangel- und Georg-Bastion


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