L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    2 1


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 21 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:


Baustile betrachtet in der Stadt Verden

Ein Stadtrundgang wirft immer wieder Fragen noch dem Alter der verschiedenen Bauten auf. In der Regel läßt es sich durch den Baustil bestimmen. Sakralbauten, Wehrbauten und Gebäude wohlhabender Schichten wurden aus dauerhaftem Material errichtet und blieben daher viele Jahrhunderte erhalten. Demgegenüber haben die Wohnstätten der weniger Begüterten kaum zur Stilbildung beigetragen.


Die ältesten Bauten in Verden reichen bis in die Romanik (11. bis 13. Jh.) zurück. Hauptmerkmale sind der Rundbogen, die körperhaft gegliederten, starken Mauern und der ernste, wuchtige Innenraum. Danach breitet sich - ausgehend von Frankreich - die Gotik (13. bis 16. Jh.) mit kühnen Konstruktionen aus. Leicht scheinen die Pfeiler in die Höhe zu streben. Sie tragen die Spitzbögen.
Die Renaissance („Wiedergeburt“) ist ein Baustil, der in Italien entstand und im 16. und 17. Jh. die Gotik - bei uns in der Sonderform „Weserrenaissance“ - abgelöst hat. Sie mündet im 17. und 18. Jh. in den Barock, der durch bewegte Linien und Prachtentfaltung geprägt ist.

Danach triff mit dem Klassizismus (2. Hälfte des 18. Jh. bis 19. Jh.) eine krasse Wende im Baustil ein. Der Klassizismus orientiert sich an den Formen der Antike und der italienischen Renaissance. Nun nehmen auch die Bürgerhäuser zum Teil Formen und Dekor früherer Adelspalais an. In der Mitte des 19. Jh. setzt mit der Nachahmung alter Baustile der Historismus ein.

Gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Umbrüche in Verbindung mit technischen Neuerungen (Stahl und Beton) prägen seit Anfang des 20. Jh. mit funktionsgerechtem, rationalem und geometrischem Bauen ohne Dekoration eine Entwicklung zur Moderne, die in den internationalen Stil (z. B. Bauhaus) mündet.


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Der ständige Wandel sorgte schon von jeher für Neuerungen, Änderungen oder Erweiterungen bestehender Bauten. So sind bei den historischen Verdener Kirchen neben dem ursprünglichen Baustil ebenfalls Stile späterer Epochen vertreten.


1 Die St.-Johannis-Kirche in Verden ist nicht nur die älteste Backsteinkirche im norddeutschen Raum, sondern auch die älteste Kirche in der Staat (um 1150) und in ihrem Kern romanisch. Baulich fast unverändert blieb der Chor mit seinem massiven romanischen Tonnengewölbe - einmalig im nördlichen Teil Deutschlands. Besondere Bedeutung kommt auch dem romanischen Fenster auf der Nordseite mit seiner einzigartigen Außengestaltung zu.


Es ist heute nur auf einem Bild neben der Tür zu sehen, weil die Sakristeidecke die Sicht hierauf verdeckt. Romanisch ist auch der Turm bis hinauf zum Rundbogenfries, wohingegen der durch Brand zerstörte Helm 1697 durch eine barocke Haube ersetzt wurde. Die Erweiterung der Kirche durch die beiden Seitenschiffe (1280/1330) sowie die zweite Einwölbung des Kirchenschiffes, das bis dahin ebenfalls ein Tonnengewölbe besaß, mit einem Kreuzrippengewölbe (etwa 1430) sind gotisch. Ein besonders schönes Beispiel für die gotische Formengestaltung ist der Sakramentsschrein an der Giebelwand des Chores.
Romanik: Fenster in der St.-Johannis-Kirche, aus dem Buch "Kunstdenkmäler der Provinz Hannover", Heft 9 (1908).

Von der reichen Innenausstattung sind besonders das Stuckrelief „Das Jüngste Gericht“ (um 1595) zu nennen. Es ist wie die Kanzel und das Chorgestühl sowie die Ausmalung des Chorgewölbes der Renaissance zuzuordnen. Die übrige Wandausmalung im Kirchenschiff ist aus gotischer Zeit. Das barocke Taufbecken mit aufgemalter Marmorimitation (1763) erhielt die St.-Johannis-Kirche als 1814 die Nikolaikirche auf dem Sandberg aufgegeben wurde.


2 Das Rathaus wurde 1730 anstelle eines baufälligen Fachwerkgebäudes von Grund auf neu errichtet und erhielt dabei zwei barocke Staffelgiebel mit seitlichen ausgeschmückten Voluten. Das südliche Portal wurde erst 1875 nachträglich eingefügt. Der 1903 gebaute Turm ist keinem ausgeprägten Baustil zuzuordnen.

Barock: Rathaus (Giebel)

3 Die gesamte Große Straße steht mit ihren Gebäuden als Ensemble unter Denkmalschutz. Auf relativ tiefen, schmalen Grundstücken reihen sich hier vornehmlich Giebelhäuser mit dazwischenliegenden Häusungen aneinander. Nur relativ wenige Gebäude zwischen Norderstädtischem Markt und Lugenstein sind als Traufenhäuser gebaut (10 %). Schaut man in die Häusungen hinein, so erkennt man, daß ein großer Teil (40 %) Fachwerkhäuser sind, aber nur bei 15 % ist zur Straße hin Fachwerk sichtbar geblieben.

Klassizismus: Große Straße 41 (Giebel)

Von diesen weisen die Häuser Große Straße 36 und 42 (beide zum Rathaus gehörig) mit der Utlucht (Erkervorbau) (36) bzw. den Balkenfüllhölzern mit Kerbschnitten (42) Merkmale der Renaissance auf.

Renaissance: Dormitorium am Lugenstein.

Die meisten Giebel wurden im 19. Jh im Geschmack der Zeit zur Straße hin vorgesetzt und lassen daher Einflüsse des Klassizismus erkennen. Die Einbauten von Läden im Erdgeschoß sind spätere Veränderungen. Ausgeprägte klassizistische Fassaden haben noch die Häuser Große Straße 3 sowie 41 (um 1840), wo die Fassade in vier Achsen durch ionische Pilaster gegliedert und durch einen Dreiecksgiebel mit typischem Zahnschnitt (Klötzchen) abgeschlossen wird. Das Gebäude Große Straße 82/84 fällt im Gesamtensemble „aus der Reihe“. Es wurde 1932 im Bauhausstil gestaltet.

4 Der Verdener Dom wurde nach zwei Holzbauten und zwei romanischen Vorgängerbauten als gotische Hallenkirche errichtet. Seine Besonderheit ist, daß hier erstmalig die Seitenschiffe nicht nur die gleiche Höhe wie das Mittelschiff haben, sondern auch in gleicher Höhe um den Chor herumlaufen (Hallenumgangschor). Große Maßwerkfenster sorgen dafür, daß der weite Raum von Licht durchflutet wird.

Der östliche Teil des Kirchenschiffes ist in Sandstein, die weiteren Joche bis zum Turm sind in Ziegelstein errichtet worden. Trotz des Materialwechsels und einer Baupause von 150 Jahren ist es während der 200jährigen Bauzeit (1290 bis 1490) nicht zu einem Stilbruch gekommen. Der Turm und der Kreuzgang sowie der Taufstein im Chor sind von der Vorgängerkirche erhalten geblieben und zeigen reine romanische Formen.










Gotik: Dom, Maßwerkfenster


Von der relativ spärlichen Innenausstattung sind besonders der gotische, aus Eichenholz geschnitzte Levitenstuhl (um 1350 und die Bischofs-Hochgräber unter der Orgelempore im Renaissancestil hervorzuheben. Altaraufsatz, Kanzel und Gußeisengitter sind bei der Restaurierung 1830 entstanden und neugotisch, desgleichen der Orgelprospekt im Westen (1850).

Gotik: Dom, Südgiebel

Der Giebel des ehemaligen Dormitoriums am Lugenstein ist ein schönes und typisches Beispiel für die Weserrenaissance. Das Bogenfeld über dem Portal (Zugang zum Kreuzgang) mit den Wappentieren Löwe und Einhorn weist Züge des Spätbarocks auf.


5 Die St.-Andreas-Kirche ist in ihren romanischen Formen am reinsten erhalten geblieben. In ihr kann man sehr gut die Entwicklung der Gewölbeformen in der Romanik verfolgen: Eine halbe Kuppel über der Apsis, ein seitlich angeschnittenes Kuppelgewölbe mit aufgemalten romanischen Ornamentbändern über dem Altarraum und zwei Kreuzgratgewölbe über dem Kirchenschiff. Im Altarraum sind während der Renaissancezeit drei Fenster vergrößert worden. Die übrigen Fenster sind noch romanisch. Die romanische Kanzel aus Sandstein von der Stiftskirche Bücken wurde erst 1985 hierher versetzt. Herausragend ist die gravierte Messinggrabplatte des Bischofs Yso (gest. 1231), die älteste ihrer Art. Das reich geschnitzte Chorgestühl im Altarraum ist Renaissance, der schlichte Taufstein (1649) sowie die Gittertür mit der marmorierten Fassung rechts in der Apsis frühbarock und die beiden Messingleuchter im Kirchenschiff (1734 und 1744) sind barock.

6 Die im Mittelalter gehobene soziale Struktur der Süderstadt um den Dom herum läßt sich noch heute an der Größe der Grundstücke und an den Gebäuden ablesen. In der Strukturstraße gibt das Fachwerkhaus Nr. 7 (1577) mit seinem prächtig geschnitzten und mit Fächerrosetten (Palmetten) geschmückten Giebel ein Beispiel für den Ideenreichtum der auf das Fachwerk übertragenen Formen der Renaissance.

Ihm gegenüber (Strukturstroße 16) liegt etwas zurück ein palaisartiger Bau des Klassizismus (um 1840), der mit acht Pilastern gegliedert ist.

7 Am Anita-Augspurg-Platz das Haus Nr. 14 (hinter dem Dom) ist ebenfalls ein gutes Beispiel fÜr den Klassizismus, hier jedoch als Fachwerkbau mit einer gut erhaltenen Haustür. Am Hause Obere Straße 59 sind die Giebel mit Gurtbändern in schlichtem Weserrenaissancestil erhalten geblieben. Das Portal zur Oberen Straße ist im 18. Jh. mit einem barocken Doppelwappen geschmückt worden.

8 In der Nähe jenseits des Andreaswalles ist am Hause Georgstraße 9 ein gut gestaltetes Türportal einschließlich Aufgang mit Geländer im dekorativen Jugendstil (1902) zu bewundern.











Jugendstil: Portal, Georgstr. 9.



9 Die katholische St.-Josef-Kirche am Andreaswall ist ein Beispiel für den Historismus. Sie wurde 1894 im Stil der Neuromanik im Aufbau und mit den Elementen einer romanischen Basilika mit hochgezogenem Mittelschiff, flacher Holzkassettendecke sowie Obergardenfenstern über den niedrigeren Seitenschiffen, errichtet. Auffallend bei Bauten dieser Stilgruppe ist das glatte, exakte Baumaterial, insbesondere die Ziegel, im Gegensatz zu den Handstrichsteinen der romanischen Bauten (z.B. St.-Andreas-Kirche).

Den Rückweg zum Ausgangspunkt kann man von hieraus beliebig durch die Altstadt oder über den Wall wählen und dabei weitere Studien treiben.

Edmund von Lührte

Öffnungszeiten außerhalb kirchlicher Handlungen:
St.-Johannis-Kirche: Schlüssel im Altenheim, Ritterstraße 20.
Dom: 9.00 bis 17.00 Uhr. St.-Andreas-Kirche: Schlüssel beim Küster, Andreasstraße 13 (Seitenzugang). St.-Josef-Kirche: tagsüber geöffnet.






1 - St.-Johannis-Kirche
2 - Rathaus
3 - Große Straße
4 - Dom
5 - St.-Andreas-Kirche

6 - Süderstadt
7 - Anita-Augspurg-Platz
8 - Georgstraße 9
9 - St.-Josef-Kirche

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