Wege in die
Vorzeit: Sievern und Flögeln
Im
Landkreis Cuxhaven sind weit mehr als zehntausend Denkmale und
Fundstellen bekannt, die die Anwesenheit des Menschen und seiner
Ansiedlungen seit der Altsteinzeit bezeugen. Von ihnen hat sich
bis heute eine bemerkenswerte Zahl erhalten. Neben den Wurten in
den Marschengebieten handelt es sich dabei um Wallanlagen aus
verschiedenen Zeiten, zumeist aber um Grabanlagen Großsteingräber
und Grabhügel der Jungsteinzeit des 3./2. Jahrtausends v.
Chr. und der Bronze- und Eisenzeit des 2. und 1. Jahrtausends v.
Chr. Diese Denkmale bieten die Möglichkeit an authentischem
Ort die Vorgeschichte unseres Raumes zu erfahren. Die beiden
Vorgeschichtspfade bei Flögeln und bei Sievern erschließen
eindrucksvolle Monumente aus fast allen vor- und
frühgeschichtlichen Zeitabschitten.-
Vorgeschichtspfad
Sievern
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Der Vorgeschichtspfad Sievern
erschließt ein für die Vor und Frühgeschichte
Norddeutschlands bedeutendes Ensemble an sichtbaren Denkmalen,
die den Zeitraum vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis ins Hohe
Mittelalter repräsentieren. Eine solche Dichte von
bedeutenden Denkmalen wird man in Norddeutschland kaum noch
einmal finden, zumal die befestigten Anlagen Heidenschanze
und Heidenstadt in Norddeutschland einzigartig sind.
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 Goldbrakteat,
gefunden in Sievern. -
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Auf dem gekennzeichneten
Rundweg von rund 4 km Länge erwandert der Besucher diesen
Querschnitt durch die Vor- und Frühgeschichte
Norddeutschlands in ca. 1 1/2 bis 2 Stunden und kann die mehr als
4000-jährige Besiedlung des Elbe-Weser-Dreiecks an
unersetzbaren Denkmalen erfahren.
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1.
Die Pipinsburg (s.o.) gehört zu den
herausragenden Denkmalen im Landkreis Cuxhaven, zumal sie im
Gelände noch gut erhalten ist. Die Burg liegt am Nordufer
der Sievener Aue, auf der Westspitze einer schmalen Geestzunge.
Noch heute umschließt ein bis zu 6 m hoher Ringwall eine
Fläche von rund 60 m im Durchmesser. Das Vorgelände des
Geestspornes ist zusätzlich durch Wall und Graben
abgesichert, so daß man hier von einer Vorburg sprechen
kann.
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Keramikfunde von der Burganlage
selbst und der Fund einer goldenen Buckelspange mit 3
Silbermünzen aus der Zeit Ottos III. (983-1002) datieren die
erste Erbauung einer Burganlage in die Zeit um 1000/frühes
11. Jahrhundert. Vieles spricht dafür, daß die
Pipinsburg 1343/44 von den Herren von Bederkesa gegen
die Wurster nochmals befestigt worden ist. Die Burganlage erhielt
ab etwa 1600 den Namen Pipinsburg, der mit der
frühmittelalterlichen Gestalt des Pipin freilich nicht in
Verbindung gebracht werden kann.
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Die Wanderung führt -
vorbei an den im Gelände mit den Ziffern 2 bis 4
gekennzeichneten Grabhügeln der älteren und jüngeren
Bronzezeit (15. - 7. Jahrhundert v. Chr.) - zu den Ringwällen
Heidenschanze und Heidenstadt.
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5.
Die Ringwallanlage Heidenschanze stammt aus der Zeit
zwischen 50 v. Chr. und dem 1 . Jahrhundert n. Chr.Sie wird durch
einen Innenwall gebildet, der eine Fläche von rund 1 ha
umschließt. Der im Nordwesten durch einen driften Wall
verstärkte Außenring umfaßt insgesamt etwa 10
ha. Das System der Befestigungen wurde 1906 durch Carl
Schuchhardt und in einer größeren Grabung 1958 durch
das Niedersächsische Institut für historische
Küstenforschung (Wilhelmshaven) untersucht. Die Lage der
Heidenschanze am Schnittpunkt eines Land- und eines
Wasserweges, die in nicht geringer Zahl nachgewiesenen Siedlungen
auf den Geestgebieten und in der westlich vorgelagerten Marsch
legen den Schluß nahe, daß die Heidenschanze
als Stapelplatz oder befestigter Markt genutzt worden ist. Ob der
Bau dieser Anlage ebenso wie der der Heidenstadt im
Zusammenhang mit den römischen Flottenoperationen um Christi
Geburt zu sehen ist, kann zur Zeit nicht beantwortet werden.
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6.
Die Heidenstadt ist ebenso wie die Heidenschanze
eine Ringwallanlage, die allerdings eine Größe von
ehemals 220 m x 180 m im Durchmesser aufweist. Der rund 8 m
breite Wall besaß ehemals nach außen hin eine
Versteifung oder vorgesetzte Palisade, außerhalb verliefen
zwei kleine Gräben. Es war wiederum Carl Schuchhardt, der
erste Ausgrabungen im Bereich dieser Anlage durchführte,
freilich nur Wallstruktur und Tor untersuchte. Hielt Schuchhardt
auch die Heidenstadt für eine sächsische
Volksburg, kann heute die Gesamtanlage in ihrer frühesten
Phase bereits in die zweite Hälfte des 1 . Jh. v. Chr. Geb.
und in das 1 . Jh. n. Chr. datiert werden, ist also zur selben
Zeit angelegt und besiedelt gewesen die Heidenschanze.
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Vorbei an Hügelgräbern
und Grabhügeln aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit - im
Gelände mit den Ziffern 7 und 8 gekennzeichnet - gelangen
Sie zum Bülzenbett.
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9.
Das Bülzenbett ist eine der monumentalen
Grabanlagen, die der ältesten bäuerlichen Kultur im
norddeutschen Flachland, der Trichterbecherkultur, zugeschrieben
werden kann (2. Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr.) Die
erhaltene Grabkammer besteht aus neun Tragsteinen (ehemals zehn)
und drei Decksteinen. Der mittlere Deckstein ist gesprengt und
teilweise in den Innenraum gestürzt.
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Einzelne Scherben, die heute im
Museum Burg Bederkesa des Landkreises Cuxhaven aufbewahrt werden,
zeigen, daß die Grabanlage nicht nur den Erbauern, den
Leuten der Trichterbecherkultur, als Bestattungsplatz gedient
hat. Es findet sich im keramischen Fundstoff ebenso der Hinweis
darauf, daß eine der nachfolgenden jungsteinzeitlichen
Kulturen, die Leute der Glockenbecherkultur, dieses Grab
weiterbenutzt haben.
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 Das
Bülzenbett bei Sievern -
Vorgeschichtspfad
Flögeln
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Fast genau im geographischen
Mittelpunkt des Landkreises Cuxhaven wurde im Frühjahr 1973
gemeinsam vom Landkreis Wesermünde und dem Forstamt
Bederkesa zwischen Flögeln und Fickmühlen im Wald der
erste Vorgeschichtspfad eingerichtet. Ausgangspunkt
des knapp 2 km langen Rundweges, der an 30 vorgeschichtlichen und
mittelalterlichen Bodendenkmalen vorbeiführt, ist der
Parkplatz an der Straße zwischen Fickmühlen und
Flögeln. Der Parkplatz kann aber auch über einen Fußweg
von Bederkesa aus erreicht werden.
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1.
Das Großsteingrab liegt unter einem Hügel, der heute
noch 4 m hoch erhalten ist und einen größten
Durchmesser von 29 m aufweist. Diese Anlage war bis 1882
unbekannt, als ein Leher Altertumssammler beim Eingraben eines
senkrechten Schachtes in den Grabhügel auf die Kammer stieß.
Beim Umgraben des Inneren fand er ein Beil, eine
Speerspitze aus Feuerstein, wahrscheinlich eine Axt,
und vor allem Keramikscherben, die aufgrund ihrer Verzierung und
ihrer Form den Erbauern der Kammer zuzuordnen sind, die aufgrund
der typischen Gefäßformen Leute der
Trichterbecherkultur genannt werden. Somit datiert das Grab
in das 3. Jahrtausend v. Chr.
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 Blick
in das Innere der Grabkammer des Großsteingrabes. -
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Die Grabkammer mißt innen
5,80 m Länge und besitzt eine Breite von rund 2 m. Sie ist
aus zehn Trag- und fünf Decksteinen errichtet, den Zugang
bildet ein kurzer Gang aus zwei Trägern und zwei
Decksteinen. Dies ist eine der typischen Formen solcher
Grabkammern im Elbe-Weser-Dreieck.
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Einen Schlüssel für
das Großsteingrab erhält man gegen ein Pfand im Museum
Burg Bederkesa oder in der Kurverwaltung Bederkesa
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 Archäologische
Ausgrabung um die Jahrhundertwende -
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2.
Dieses Großsteingrab war lange bekannt und diente
wahrscheinlich um 1860 als Steinbruch, als
nachgewiesenermaßen auch mindestens ein anderes
Großsteingrab in der Umgebung zerstört wurde. Trotzdem
zeigt dieses Grab deutlich die Bauweise eines Ganggrabes des 3.
Jahrtausends v. Chr. Die Kammer besitzt innen eine Länge von
8,60 m und ist bis zu 1.70 m breit. Sie wurde erbaut aus vierzehn
Tragsteinen und 6 Decksteinen, von denen noch vier erhalten, zwei
weitere gesprengt sind. Der 2 m lange und 0,7 m breite Gang
besteht aus vier Trägern und zwei Decksteinen.
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Ebenso wie das Großsteingrab
unter dem Hügel wurde auch diese Anlage 1882 und 1898
ausgegraben. Auch hier kam eine Fülle von Funden zutage, die
die Gleichzeitigkeit beider Gräber nahelegen. Es fanden sich
in einer Steinpackung mit Steinplatte über tausend
Keramikscherben, rund siebenhundert Feuersteingeräte und
-abschläge sowie dreißig querschneidige Pfeilspitzen
und eine halbe mit Rillen verzierte Axt.
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Der weitere Weg führt Sie
zu Grabhügeln und Hügelgräbern (im Gelände
haben sie die Ziffern 3 bis 7), die zwischen dem späten 2.
Jahrtausend und dem 7. Jahrhundert v. Chr. errichtet sind.
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 Großsteingrab
bei Flögeln. -
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Wer
den Vorgeschichtspfad erwandert hat und ausreichend beweglich
ist, sollte nicht versäumen, das Steinkistengrab bei Flögeln
zu besuchen. Noch um die Jahrhundertwende lag es in einer
Heidelandschaft unter einem mächtigen Grabhügel
verborgen und bildete den Mittelpunkt eines großen
Gräberfeldes, das zu weiten Teilen heute zerstört ist.
Als in den Nachkriegsjahren der Zerstörungsprozeß auch
dieses Monument einbezog, wurde 1956 mit der Ausgrabung des
Hügels begonnen. Im Zuge der Untersuchungen fand sich eine
Brandbestattung der jüngeren Bronzezeit im Hügelmantel.
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Es zeigte sich die Verfärbung
der Bestattung. Der Bestattete war etwa 1,80 m groß, lag
auf der linken Seite mit dem Kopf am Südostende des Grabes
mit angehockten Beinen. Zwar war die Bestattung selbst ohne
Beigaben ausgestattet, doch fanden sich im Hügelaufbau aus
einer die Steinkiste bedeckenden Rollsteinpackung und darüber
aufgeworfenem Sand einige Scherben der ausgehenden Jungsteinzeit
des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. Vergleichbare Gräber
kennt man in größerer Zahl in Schleswig-Holstein und
Dänemark, im Landkreis Cuxhaven hingegen ist diese Anlage
einzigartig.
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 Die
Steinkiste von Flögeln. -
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Mit dem Steinkistengrab bei
Flögeln ist der Endpunkt der Wanderung durch annähernd
4 Jahrtausende Vor- und Frühgeschichte im nordwestlichen
Elbe-Weser-Dreieck erreicht. Ein für Norddeutschland
bedeutsames Ensemble von Denkmalen aus den verschiedensten
Zeitabschnitten wurde erwandert. Sicherlich bleiben viele Fragen
auch für den Fachmann offen, die nur durch zusätzliche
Ausgrabungen, die erheblichen Aufwand erfordern, geklärt
werden können. Die unterschiedliche Erhaltung der Denkmale
zeigt aber auch deutlich: Selbst Denkmale im Wald und abseits der
modernen Nutzung sind in ihrer Substanz nicht so ungefährdet,
wie es den Anschein haben könnte. Eine große Zahl von
Monumenten wurde in der Vorzeit als Denkmal errichtet
- das sollte auch uns zu denken geben.
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Matthias D. Schön
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