L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    2


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 2 „Auf den Spuren der Udonen und Benediktiner“ aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Wo sich einst Grafen und Mönche wohlfühlten, kann man noch heute auf ihren Spuren wandeln. Ein Spaziergang durch die Geschichte des heute 1025jährigen Ortes Harsefeld wurde möglich durch die umfangreichen archäologischen Ausgrabungen der letzten 13 Jahre. Einst weltliches und danach geistliches Machtzentrum, verfiel dieses Imperium und mit ihm die Bauten, in denen ihre Herrscher (das Grafengeschlecht der Udonen und die Erzäbte des Klosters der Benediktiner) einst lebten

Wir laden ein zum Spaziergang durch eine lange entschwundene Zeit:
Auf den Spuren der Udonen und Benediktiner

1. Kommen wir von der lauten, belebten Herrenstraße - der Name ist schon Hinweis, daß hier einst die Herren von Harsefeld ihren Wohnsitz hatten - auf den Burgplatz, so betreten wir diesen historischen Boden über eine angedeutete Brücke, die einen einstigen Wallgraben überspannt.

In diesem Bereich ergruben die Archäologen im Umfeld der ehemaligen Klosterkirche St. Marien und Bartholomäi die Fundamente von 2 großen Gebäuden (Findlingssockel), die vermutlich zum Mittelpunkt einer mittelalterlichen, sehr ausgedehnten Burganlage der Harsefelder Grafen gehörten. Der Bau einer Burg und einer Kapelle wird in der Chronik von Thietmar von Merseburg auf 969 n. Chr. datiert. Vorgängerbauten könnten auch schon im 9. Jahrhundert entstanden sein.

Die Fundamente eines Sakralbaus, der als Grablege und vermutlich als Burgkirche diente und nach den Funden von bestattungen als letzte Ruhestätte der Grafen von Harsefeld (die später die Stader Grafen wurden) angelegt worden war, entdeckte man noch in der allerletzten Grabungsphase 1994. Eine Altarplatte, die möglicherweise zur Burgkirche gehörte, war einer der letzten bedeutenden Funde.
Altarplatte, möglicherweise aus der früheren Burgkirche.

Aber auch Fragmente von Gebäuden der späteren Klosterzeit wurden im Burgareal gefunden, Kellerfundamente mit einer Treppe, Zisternen, eine davon aus dem 14. Jahrhundert, sind erhalten; Glockengußstellen aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts bezeugen, daß nach Niederlegung der Burg dieser Bereich vom Kloster genutzt wurde.

Blick auf die Burggrabung, links die Überreste der Kapelle.

2. · 3. Gehen wir am Turm der Kirche vorbei einige Stufen hinunter, befinden wir uns im ehemaligen Kreuzgang des Bedediktinerklosters St. Marien und Bartholomäi.
Die Klosteranlage konnte fast vollständig in ihren Grundmauern ergraben werden. Noch vorhanden ist die Ruine der Kapelle St. Johannis/St. Nikolai. Auf den Fundamenten der Klosterabtei man um 1742 das Amtshofgebäude als Verwaltungssitz; die ehemalige Klosterkirche, die im 15. Jahrhundert als spätgotische Hallenkirche errichtet wurde, erhielt ihr neugotisches Aussehen und den hohen Turm nach der grundlegenden Restaurierung im Jahre 1861.


Die Harsefelder Kirche St.Marien und Bartholomäi.

Bei dem Rundgang durch die Reste der ehemaligen Klosterklausur läßt sich nachvollziehen, wie die Klosteranlage einmal ausgesehen hat. 1002 als Weltgeistlichenstift aus dem Besitz der Grafen von Harsefeld-Stade errichtet - es war die Sühne für einen Mord - erfuhr es seine Umwandlung zum Kloster bis zur Exemption 1102, womit es fortan Rom direkt unterstellt war.


Die freigelegten Überreste des Harsefelder Klosters.

4. Sowie die Kirche die Klosterklausur auf der Südseite begrenzt, so bildet das Amtshofgebäude den Abschluß nach Norden. Der Klosterkeller, ehemals Weinkeller der Äbte, ist heute ein Kommunikationszentrum. Im Erdgeschoß und im 1. Stock ist die umfangreiche Friedrich-Huth-Bibliothek untergebracht. Auch die bekannten Amtshofkonzerte haben hier ihren festen Platz. In den Mauerresten der Klausur kann der Besucher die einstige Anordnung der Räume des Klosters noch sehr gut erkennen. Eine römische Heißluftheizung, deren Reste im Kellerbereich entdeckt wurden, war vermutlich für die Beheizung des Refektoriums, des Dormitoriums und des Kapitelsaales genutzt worden. Im Rechteck des Innenhofes legten die Archäologen einige Brunnen frei, wie sich auch das Brunnenhaus dort befand. Im Kreuzganz wurden mehrere Bestattungen gefunden, vermutlich von Mönchen sowie Laienbrüdern des Konvents. Da Kirche, Amtshofgebäude und das Museum ein sehr lebendiges heutiges Leben beherbergen, sind Vergangenheit und Gegenwart in dem musealen Ambiente der Zeugen einer wichtigen monastischen Ära eine glückhafte Symbiose eingegangen, die einen archäologischen Spaziergang in Muße herausfordert: Die bedeutende Harsefelder Vergangenheit wir hier anschaulich und lebendig.

Der historische Amtshof, heute Kommunikations- und Kulturzentrum

Bronzetaufe in der Harsefelder Kirche, gegossen 1454 von Ghert Klinghe.

Zeugen dieser langen Zeit unter geistlicher Herrschaft sind 3 Grabplatten einstiger Äbte der Erzabtei Harsefeld und 3 Sandsteinfiguren des 16. Jahrhunderts. Sie befinden sich in der Kirche ebenso wie das Bronzetaufbecken, das der Erzabt Johannes de Lhu 1454 von dem berühmten Bremer Glockengießer Ghert Klinghe erschaffen ließ.

5. · 6. Nach fast vollständiger Zerstörung von Kirche und Kloster durch den Ritter Pentz aus Mecklenburg im Jahre 1546 und ihrem Wiederaufbau erfolgte 1648 nach dem Frieden von Münster und Osnabrück die Säkularisierung unter schwedischer Herrschaft. Das monastische Zeitalter hatte fast 550 Jahre gedauert. Im Museum für Kloster- und Heimatgeschichte, das auf dem Klosterareal in einem Gebäude eingerichtet ist, dessen Grundmauern ebenfalls zu einem Wirtschaftsgebäude des Klosters gehören, besichtigen wir die Exponate aus der Klostergrabung, die einen guten Einblick in das ehemalige Leben hinter Klostermauern ermöglichen.


Das Museum für Kloster- und Heimatgeschichte.
Blick in die Dauerausstellung im Museum für Kloster- und Heimatgeschichte.

7. · 8. Nicht nur das historische Zentrum Harsefelds lohnt sich anzusehen, der Weg zum neuen Rathaus, fertiggestellt im Jahre 1993 geht auch vorbei am „Künstlerhaus zum Felde“, einem historischen Gebäude, in dem sich eine Jugendkunstschule, eine Musikschule, Arbeitsräume der VHS sowie Ateliers befinden. Nicht weit davon kommen wir zur Eissporthalle und zum beheizten Schwimmbad mit Campingplatz. Auf diesem Weg betreten wir wieder historischen Boden, wandern an den Fischteichen entlang, die schon den Mönchen des Klosters ihre Fische für die Fastenzeit boten.

Das neue Harsefelder Rathaus, erbaut 1993.

Das „Künstlerhaus zum Felde“, Ort vieler kultureller Aktivitäten.


Der Flecken Harsefeld, Zentrum der Samtgemeinde, umgibt sich mit seinen Dörfern in einer waldreichen hügeligen Geestlandschaft. Hier können wir uns, wie einst in historischer Zeit die Grafen und Mönche, sehr wohlfühlen.

Margritt Bomhardt



1 - Burggrabenring
2 - Kirche St. Marien und Barholomäi
3 - Klosterplatz
4 - Amtshof
5 - Museum für Kloster- und Heimatgeschichte
6 - Klosterpark
7 - Künstlerhaus zum Felde
8 - Rathaus


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