L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    1 7


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 17 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:


Die Wümmeniederung bei Fischerhude



Fast in der nordwestlichsten Ecke des Landkreises Verden an der Landesgrenze zur Hansestadt Bremen befindet sich die Fischerhuder Wümmeniederung.
Sie ist Teil des Flußniederungssystems der Wümme, die aus dem Landkreis Harburg kommend die Landkreise Rotenburg und Verden sowie das Land Bremen durchquert, ehe sie sich mit der Hamme zur Lesum vereinigt und schließlich in die Weser mündet.

Eine Landschaft mit bundesweiter Bedeutung für den Naturschutz.

Wir möchten Sie einladen, diese noch wenig beeinträchtigte Landschaft kennenzulernen und Ihnen zugleich ihre Bedeutung für den Natur- und Artenschutz nahebringen
Denken Sie jedoch immer daran, daß es sich hierbei um einen auf Störungen äußerst sensibel reagierenden Ökosystemtyp handelt und schon ein Spaziergang am falschen Ort und zur falschen Zeit die Nachkommenschaft einer vom Aussterben bedrohten Tierart gefährden kann.
Falls Sie weitere Informationen wünschen, wenden Sie sich bitte an die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Verden (Tel. 0 42 31/98 44 22).

Um das Besondere der Fischerhuder Wümmeniederung erkennen zu können und um Verständnis für die hier ablaufenden natürlichen Vorgänge zu bekommen, empfiehlt es ,sich, kurz einen Blick in die Geschichte dieser Landschaft zu werfen:
Ihre Entstehung ist im wesentlichen auf die Eiszeit zurückzuführen. Noch dem Abtauen der Eismassen räumten die abfließenden riesigen Schmelzwasserströme den heutigen Niederungsbereich aus und sorgten dafür, daß hier sehr tiefgelegene Bereiche entstanden, die z.B. westlich des Ebbensieker Weges   im sog. Nassen Dreieck   heute nicht höher als 2 bis 3 m über dem Meeresspiegel liegen.


Überschwemmte Wiesen in der Wümmeniederung.

Gleichzeitig wurden die vorhandenen eiszeitlichen Talsande durch einsetzende Winde umgelagert und zu Dünen geformt, auf denen z.B. die Ortschaft Fischerhude entstand oder sich der Wald nordöstlich des Hexenberges ansiedeln konnte.
Der anschließende Meeresspiegelanstieg, der Rückstau von Hochwässern der Weser in Verbindung mit der tiefen Lage des Geländes führten zur Vermoorung und zur Entstehung eines Flußdeltas, eines im Binnenland einzigartigen Landschaftsraumes, der sich ursprünglich nur noch mit dem Spreewald südöstlich von Berlin vergleichen ließ.
Eine Vielzahl von miteinander verbundenen Gewässerarmen, die zudem durch Hochwässer und Eisgang ständig ihre Lage veränderten und von Erlenwäldern, Seggenriedern und Röhrichten begleitet wurden, prägten damals das Aussehen dieser Landschaft, die im Vergleich zu heute durch eine enorme Artenvielfalt gekennzeichnet war.
Ortsnamen wie Fischerhude, Ottersberg und Otterstedt geben auch heute noch Zeugnis von den damals hier heimischen Tierarten.

Durch die allmähliche Inanspruchnahme der Landschaft durch den Menschen zunächst Fischfang und Heuernte - kam es in mehreren zeitlich aufeinanderfolgenden Etappen zur systematischen Regulierung des Gewässersystems, die mit dem Ausbau des Wümme-Südarmes 1976 ein Ende fand.
Zuvor waren aus Naturschutzsicht glücklicherweise schon in den Zwanziger Jahren, als anstelle von Maschinen- noch Handarbeit üblich war, der Wümme-Nord- und -Mittelarm entstanden, die heute als Restbestände des ehemaligen weitläufigen Flußsystems angesehen werden müssen.
Doch trotz dieser gravierenden wasserbaulichen Veränderungen und der damit einhergehenden landwirtschaftlichen Nutzungsintensivierung gehört die Fischerhuder Wümmeniederung auch heute noch zu den bedeutendsten Feuchtgebietslandschaften Deutschlands. So sorgen die immer noch vergleichsweise hohen Grundwasserstände dafür, daß im tiefergelegenen westlichen Bereich noch großflächig ein Mosaik von Feuchtwiesen verschiedenster Ausprägung, von Röhrichten und Seggenriedern anzutreffen ist, welches zusammen mit den bremischen Borgfelder Wümmewiesen als größter zusammenhängender Naßwie5enkomplex von Niedersachsen/Bremen landesweit eine herausragende Bedeutung besitzt.
Vor allem im Frühjahr, aber auch im Sommer sind diese Bereiche durch das leuchtende Gelb der Sumpfdotterblume und des Wassergreiskrautes optisch besonders auffällig.

Die hohe Grundfeuchtigkeit des Bodens, die hierauf eingestellte Pflanzenartenzusammensetzung und die vergleichsweise späten Mähtermine sind zudem Ursachen dafür, daß sich hier jährlich sehr selten gewordene Brutvogelarten einfinden. Uferschnepfe, Bekassine, Kiebitz und Großer Brachvogel - die Brutdichten sind die höchsten in Niedersachsen - sind für die Wiesenvögel sowie Sumpfohreule, Rohrweihe, Wiesenweihe und Wachtelkönig für die ungenutzten Flächen zu nennen. Aufgrund dieser Brutnachweise ist die Fischerhuder Wümmeniederung als Vogelbrutgebiet von nationaler Bedeutung klassifiziert.
Die regelmäßig auftretenden großflächigen winterlichen Überschwemmungen machen die Fischerhuder Wümmeniederung zudem zu einem europaweit bedeutsamen Rastgebiet nordischer Zugvögel, die hier einen wichtigen Trittstein auf dem Zugweg von Nordeuropa bzw. der südlichen Nordsee in den Mittelmeerraum vorfinden.
Aufgrund dieser Brut- und Rastvorkommen besitzt die Wümmeniederung den EG-Status "lmportant Bird Area" gemäß der EG-Vogelschutzrichtlinie.
Als Besonderheit muß ebenfalls noch das Vorkommen des Fischotters hervorgehoben werden, der in weiten Teilen Mitteleuropas mittlerweile ausgerottet und in der Bundesrepublik Deutschland vom Aussterben bedroht ist.

1992 wurde ein ca. 700 na großer Teil der Fischerhuder Wümmeniederung in das Förderprogramm zur "Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft mit gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung" aufgenommen.
Als Beitrag zur Erhaltung des Naturerbes der Bundesrepublik Deutschland sollen damit Gebiete mit herausragender Bedeutung für den Naturschutz, insbesondere für den Arten- und Biotopschutz dauerhaft gesichert und noch Maßgabe naturschutzfachlicher Ziele entwickelt werden.
Am Projekt und an der Planung sind der Landkreis Verden als Projektträger, das Land Niedersachsen und die Bundesrepublik Deutschland beteiligt.

Die Fischerhuder Wümmeniederung ist damit eines von z. Z. ca. 30 Naturschutzgroßprojekten, die wegen ihrer Bedeutung erhebliche Fördermittel aus dem Landesumweltministerium erhalten.
Die sehr umfangreiche Bestandsaufnahme und die hieraus resultierende Entwicklungsplanung wurde vor kurzem abgeschlossen.


Wümme-Nordarm.


Typische weitläufige Wiesenvoqelreviere.

Zur Zeit wird durch einen möglichst lückenlosen Ankauf der Flächen durch den Landkreis Verden die Voraussetzung für eine systematische Wiedervernässung bzw. Wiederherstellung eines möglichst naturnahen Wasserhaushaltes geschaffen.

Die damit verbundene flächige Anhebung der Grundwasserstände, die Wiederherstellung einer naturnahen Abflußdynamik, die Entwicklung natürlicher bzw. naturnaher Fließgewässer und die Ausdehnung der Überschwemmungen dienen dazu, die Lebensraumbedingungen der o.g. und gemäß naturschutzfachlicher Zielsetzung zu fördernden Tier- und Pflanzenarten so zu optimieren, daß sie ihre heutigen Bestände nicht nur erhalten werden, sondern erheblich ausdehnen können.




Wümme Mittelarm bei Hochwasser.

Grundsätzlich beabsichtigt ist, den Anteil natürlicher Landschaftselemente, z.B. unverbaute und unregulierte Flußabschnitte, gewässerbegleitende Weidengebüsche, Röhrichte und Rieder deutlich zu erhöhen und in den weiterhin bewirtschafteten Bereichen die Nutzungsintensität wesentlich herabzusetzen.
Am Ende der Projektlaufzeit im Jahre 2001 soll dann der Grundstock für das angestrebte Naturschutzleitbild (eine extensiv genutzte Kulturlandschaft mit ausgedehnten Naturlandschaftsteilen) geschaffen worden sein, die man sich vielleicht so vorstellen kann:

Die Wümmearme befinden sich in einem weitgehend natürlichen Zustand. Sie sind bereits bei leichten Hochwässern bordvoll und treten über die Ufer. Durch eine Anzahl neuer Flußarme, Gräben und Querverbindungen ist das Binnendelta ein stückweit wiederhergestellt. Innerhalb definierter Zonen sucht sich der Fluß entsprechend der natürlichen Dynamik sein Bett selbst; dort treten bereits kleine Hochwässer über die Ufer. Ansonsten hat die Landschaft den Charakter einer überwiegend offenen, naturnahen, von Grünland geprägten Kulturlandschaft, die von extensiv bewirtschafteten Naß- und Feuchtwiesen geprägt ist. Der kleinere Teil des Grünlandes wird beweidet, Teilflächen sind von Röhrichten und Riedem bestanden und das Landschaftsbild ist von großflächiger Offenheit bestimmt. Einige früher verschwundene Pflanzen- und Tierarten z. B. Kampfläufer, Kranich und Fischotter sind zurückgekehrt.

BITTE NICHT STÖREN !!!


Bei Wanderungen bitte die Wege nicht verlassen und Hunde an der Leine führen. Während der Brutzeiten vermeiden Sie bitte möglichst Wanderungen in größeren Gruppen.
Besondere Wanderwege sollten wegen der unterschiedlichen Brutzeiten in den verschiedenen Bereichen der Wümmeniederung bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Verden Tel.: 04231/198 44 22 - erfragt werden.


GESTERN - (1897 - vor dem Ausbau): eine Vielzahl von kleineren Gewässern und Gräben.


HEUTE(Nach dem Ausbau): Reduzierung des Gewässersystems auf Nord-, Mittel- und Südarm.


MORGEN (nach Renaturierung): Wiederherstellung eines Teiles des alten Gewässersystems.



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