L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    1 6


Landschaftsverband Stade: Hier folgen Text, Bilder und (am Ende) ein Tourenplan des Faltblattes Nr. 16 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:


Historisches Zentrum der Pferdezucht und des Pferdesports Verden (Aller)









Es kommt schon einmal vor, daß ein Ortsunkundiger den Namen der norddeutschen Kreisstadt mit „PF“ statt mit „V“ schreibt. So eng ist die Verbindung Verdens zum Pferd nun doch nicht.

Gleichwohl trägt Verden den Beinamen „Reiterstadt" keineswegs zu Unrecht, wie sich an zahlreichen Ereignissen und Veranstaltungen immer wieder Jahr für Jahr zeigt. Dieses Faltblatt möchte Sie zu den markantesten Punkten der Pferde- und Reiterstadt führen und dabei etwas über die Geschichte erzählen.


1 Jeder Rundgang sollte an dem der Stadt gegenüberliegenden Allerufer beginnen. Falls Sie mit dem PKW anreisen, bietet sich der Parkplatz an der Reeperbahn an ("P2 - Zentrum" im Parkleitsystem). Über die Südbrücke erreichen Sie das gegenüberliegende Allerufer. Dort erschließt sich die Altstadt in ihrer ganzen Länge mit den Türmen der Johanniskirche, des Rathauses, des Doms und der Andreaskirche. Davor erstreckt sich weites Grasland zwischen den beiden Armen der Aller. In den Sommermonaten sind hier weidende Pferde zu beobachten. Hier finden Sie den ersten Hinweis auf die besondere Verbindung Verdens zum Pferd, es ist die naturräumliche Lage der Stadt in dem fruchtbaren Marschgebiet der Aller und Weser. Dieses Land ist wie geschaffen für die Pferdezucht, die hier eine jahrhundertelange Tradition hat. Auf diesen Wiesen fanden im 19. Jahrhundert auch Pferderennen statt. Die Bahn wurde abgesteckt, ein paar Zelte oder Buden wurden aufgeschlagen, eine Militärkapelle spielte auf, und eine große Menge fand sich zum Renntag ein, der damals krönender Abschluß der Tierschau war.

2 Wir nehmen den Weg über die schmale Südbrücke zurück in die Altstadt, in das Fischerviertel mit seinen kleinen Häusern und engen Gassen. In der Strukturstraße stehen wir vor dem reich verzierten Ackerbürgerhaus von 1577, einem der schönsten Fachwerkhäuser Verdens. Hier befindet sich eine Bibliothek mit etwa 13.000 Bänden, teilweise uralt und - wie könnte es anders sein - nur über Pferd und Reiterei.
Für nahezu jede Frage, die sich im Umgang m Pferden auftun kann, gibt es dort ein Buch; von den "Enthüllten Geheimnissen der Pferdehändler und Roßtäuscher' bis zur Anleitung zur Beurteilung des Pferdeheus'. Wer besonderes Interesse hat, ode gar eine wissenschaftliche Arbeit schreiben will oder muß, kann sich telefonisch einen Termin geben lassen und diese Bibliothek nutzen.


Ackerbürgerhaus, Strukturstraße 7 Pferdekundliche Bibliothek

3 Die Bibliothek gehört zum Deutsche Pferdemuseum, welches wir nach wenige Schritten die Strukturstraße hinauf erreichen(Mittlerweile ist das Museum an den Holzmarkt, ganz in der Nähe des Bahnhofs, siehe Karte unten, umgezogen). Das Museum befand sich in einem großzügig angelegte Beamten- und Offizierswohnhaus aus dem 18. Jahrhundert. Davor jedoch ragte das lebensgroße Monument des Tempelhüter empor. Er war ein bedeutender Zuchthengst im bekanntesten deutschen Gestüt Trakehnen in Ostpreußen. 1932 wurde die Originalskulptur vor dem dortigen Landstallmeisterschloß aufgestellt. Der Verdener Tempelhüter ist der einzige vorbildgetreue Abguß des seit 1945 in Moskau stehenden Originals.

Ehemaliges Deutsches Pferdemuseum mit Skulptur „Tempelhüter“.

Das Pferdemuseum ist einzigartig in Deutschland. Sie erfahren dort etwas von der engen und historisch hochbedeutsamen Beziehung des Menschen zum Pferd, die sich in einer eigenen Kultur niederschlug und in vielen Dingen -vom Gemälde bis zum kunstvoll gearbeiteten Steigbügel - sichtbar wird. Die Ausstellung zeigt darüber hinaus anhand historischer Objekte, Modelle und Dioramen die Geschichte der Pferdezucht und des Pferdesports. Hierhin gehören auch die großen Verdener Reitturniere der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Verden stand damals nach Berlin und Aachen an dritthöchster Stelle im Turnierkalender und entwickelte sich zur Reiterstadt. Wir werden beim weiteren Stadtrundgang darauf zurückkommen. Zunächst noch die Öffnungszeiten des Deutschen Pferdemuseums: Dienstag bis Sonntag von 9.00 bis 16.00 Uhr.
Nach einem Abstecher in den Dom gehen wir durch die Fußgängerzone bis zum Rathaus und von dort zurück zum Parkplatz an der Reeperbahn. In der Fußgängerzone begegnen wir zwei "munteren" Bronzefohlen, kein Denkmal, eher ein Symbol für die Reiterstadt und beliebte Spielkameraden für die Kinder.

Reitschule am Lönsweg.

4 Die nächste Station unseres Rundgangs ist die "alte Niedersachsenhalle', die heutige Hannoversche Reit- und Fahrschule. Deren Architektur - monumental in die Breite ausladend und mit wuchtigem Mittelbau - gemahnt an die Zeit des "Dritten Reichs''. In der Tat, zunächst entstand 1936 die dahinterliegende Viehhalle, dann 1938 der davorgelagerte Empfangs- und Gaststättenkomplex. Ursprünglich sollte das Gebäude als Stadthalle dienen. 1949 organisierte hier Hans Joachim Köhler die erste hannoversche Elite-Auktion. Damit beschritt er neue Wege der Pferdevermarktung, die den von der Mechanisierung durch Auto und Traktor bedrohten Züchtern ihr Auskommen sicherten. Das Neuartige daran war, daß die Pferde nicht einfach vom Züchter angeliefert werden konnten, sondern von einer Kommission nach strengen Qualitätsmaßstäben ausgesucht wurden und anschließend zum vorbereitenden Training in das Auktionszentrum kamen. Illustre Gäste wie die Gebrüder Schockemöhle oder Josef Neckermann hielten hier nach erfolgversprechenden Sportpferden Ausschau. Heute bietet die Reit- und Fahrschule des Verbandes Hannoverscher Warmblutzüchter ein umfangreiches Lehrgangsprogramm für alle Ebenen reiterlicher Qualifikation.

5 Auf dem Weg zum nächsten Ziel entdecken wir am Lönsweg eine Besonderheit: Zwischen Baumreihen und Bürgersteig führt ein mit Verkehrszeichen beschilderter Reitweg in den Stadtwald, der hauptsächlich den Schülerinnen und Schülern der Reit- und Fahrschule dient.
In der (neuen) Niedersachsenhalle befindet sich die Pferdeausbildungs- und -absatzzentrale des Verbandes Hannoverscher Warmblutzüchter. Bis zu 160 "Hannoveraner` können in den Ställen untergebracht werden. Jährlich finden hier acht Pferdeauktionen sowie weitere tierzüchterische Veranstaltungen und ein großes Hallenreitturnier statt. Herausragende Ereignisse sind die Eliteauktionen in jedem April und Oktober. Ein besonderer Genuß für jeden Pferdeliebhaber sind dabei die Gala-Abende vor dem Auktionstag, ein in Verden "erfundenes", nunmehr anderswo oft kopiertes Pferdeschauprogramm. Drei Wochen vor den Eliteauktionen werden die jungen Spring- und Dressurtalente trainiert und getestet, bevor sie vor den Kaufinteressenten aus aller Welt versteigert werden. Während dieser Zeit können Sie sich bei freiem Eintritt den Trainingsbetrieb ansehen. Besonders ist der Besuch der Auktionen zu empfehlen, auch wenn Sie nicht mitbieten wollen, oder leider das Sparbuch nicht genug hergeben würde.

Auktion in der Niedersachsenhalle.

Erleben Sie die knisternde Atmosphäre in der großen Halle wenn beim letzten sechsstelligen Gebot der Hammer des Auktionators in der Luft schwingt, dann regungslos in der Höhe bleibt; versetzen Sie sich in die Loge des Bieters, der dann sicherlich einen Stoßseufzer murmelt: "Nun schlagen Sie doch endlich zu! "
Zwischen den Stallgebäuden und der Rennbahn finden Sie ein weiteres Pferdedenkmal, die hannoversche Stute Dieta von Diskont mit einem Fohlen von Garibaldi, geschaffen von dem Bildhauer Ulrich Conrad aus Worpswede. Dieta steht als Dank der hannoverschen Züchter für alle Stuten, denn im allgemeinen sind es die für die Zucht bestimmenden Hengste, denen ein Denkmal gesetzt wird.

6 Am Denkmal beginnt unser Rundgang auf der Rennbahn, nicht wie die schnellen Galopper, sondern im gemütlichen Wanderschritt. Die Flachbahn hat eine Länge von 1.500 m, ein "Rechtskurs", wie die meisten Galopprennbahnen in der Bundesrepublik. Die Diagonale mit den Hindernissen ist den Jagdreitern vorbehalten. In Fachkreisen gilt die Verdener Anlage als eine der schönsten Naturrennbahnen. Das Stadion entstand ab 1927 auf dem Gelände einer Schutthalde, die Rennbahn folgte 1932/33. Die Tribünen wurden 1934 und 1937 errichtet. Die Verdener Großturniere erlebten ihre Blütezeit in den Jahren der NS-Diktatur, das darf hier nicht unterschlagen werden. jedoch die Nationalsozialisten hatten sie nicht aufgebaut, sie nutzten vielmehr wieder geschickt das für ihre Zwecke um, was andere bereits angelegt hatten. Die Anderen, das waren der seit etwa 1890 bestehende Rennverein und reitsportinteressierte Offiziere der Verdener Garnison, allen voran Heinz Hamann. Dieser begeisterte Pferdefreund und glänzende Organisator veranstaltete bereits 1930 im noch unfertigen Stadion ein erstes zehntägiges Turnier. In der Folgezeit verbreitete sich immer dann großstädtisches Flair im damals etwa 12.000 Einwohner beherbergenden Verden, wenn sich die Reiter zum Turnier versammelten, die Sonderzüge anrollten und Zehntausende die Ränge des Stadions und das übrige Gelände umsäumten.

Stadion und Rennbahn während einer Pferdesportveranstaltung.

Sandsteinrelief „Gaudemus“

Ein Tip am Schluß unseres Rundgangs: Es gibt viele Gelegenheiten, Pferd und Sport in Verden „live“ zu erleben. Lassen Sie sich von der TouristInformation, Ostertorstr. 7a, 27283 Verden (Aller), Tel.: 042 3 1/12 - 317, Termine und Programme geben. Das Leitmotiv heißt „Gaudemus Equis - wir haben Freude am Pferd!“ Wir finden es auf einem Sandsteinrelief von 1815, ursprünglich Zierde eines Verdener Bürgerhauses. Heute ist das Relief im Deutschen Pferdemuseum zu sehen.

Dietrich Fröba








1 - Stadtansicht (2. Bild von oben)
2 - Pferdekundliche Bibliothek
3 - ehemaliges Pferdemuseum
4 - Reit- und Fahrschule

5 - Auktionszentrum .....Niedersachsenhalle
6 - Sadion und Rennbahn
7 - Neues Pferdemuseum

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