Otterndorf:
Literarischer Stadtrundgang

Hadeln
ist eine wahre, Goldene Aue! Dieser euphorische Ausspruch
stammt aus der Feder des Schriftstellers Karl Julius Weber
(1767-1832), als er im ersten Drittel des 19. Jahr-hunderts von
Ritzebüttel kommend unsere kleine Bauernrepublik
bereiste. Vermutlich hat dieser lachende Philosoph
unsere Heimat im späten Frühjahr besucht, zu einem
Zeitpunkt, da sich dem Betrachter die bis zum Horizont reichenden
blühenden Rapsfelder darbieten.
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Eingebettet in diese Goldene Aue liegt
unsere kleine Landstadt Otterndorf. Malerisch schön die
verträumten Winkel, zu denen wir Sie in den nächsten
ca. 60. Minuten führen möchten. Sie reizten nicht nur
Maler zum Verweilen, auch zahlreiche Schriftsteller zeichneten in
mancherlei Büchern und Schriften literarisch Bilder von
unserer Stadt.
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Der bereits zitierte Karl Julius Weber
war ein weitgereister Schriftsteller. Über seine
Deutschlandfahrten gab er 1826-1828 unter dem Titel Deutschland
oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen ein
vierbändiges Werk heraus. Im vierten und letzten Band
erzählt Weber vom Lande Hadeln und Otterndorf. Besonders
beeindruckt war er anscheinend von den Eßgewohnheiten der
einheimischen Bevölkerung: In der Schweiz ißt
man viermal des Tages, hier fünfmal, und zwar Speck und
Mehlklöße. An anderer Stelle lobt er die
hübschen sauberen Häuser und von den
Einwohnern sagt er, daß sie offene, freundliche
Gesichter haben.
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Weber war Zeitgenosse des
Homer-Übersetzers und Dichters Johann Heinrich Voß.
Offensichtlich waren die Otterndorfer schon damals stolz darauf,
daß ein Johann Heinrich Voß einmal in ihrer Stadt
gelebt und gewirkt hatte, denn er wird im Reisebericht Webers als
einzige Person mit Namen genannt. Johann Heinrich Voß, die
bisher bekannteste literarische Persönlichkeit in unseren
Mauern oder sollte ich besser zwischen unseren Wällen
sagen? Er wird uns im Geiste auf unserem Stadtrundgang begleiten.
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Ausgangs- und Endpunkt unserer Exkursion ist der Große
Specken. Ein Platz, auf dem einst reges Treiben herrschte. Hier
lag der Hafen der Stadt. Flöten, so nannte man die Kähne
mit flachem Boden, brachten Feldfrüchte aus dem Sietland und
versorgten die Stadthaushalte mit dem Brennmaterial, Holz und
Torf. Seegängige Ewer luden die Landeserzeugnisse,
hauptsächlich Getreide und Rapsöl, um sie nach Hamburg
zu transportieren. Für Flößer mit ihrem Langholz
war hier ebenso Endstation wie für die Fischer, die hier
ihre Ladung löschten. Transportweg war die Medem. Hier am
Großer Specken mag Voß häufig gestanden haben,
um das lebhafte Treiben im Hafen zu beobachten und blicken wir
auf das Wasser, so meinen seine Worte aus Die Ode an den
Wind: Zur Elbe rauscht, von Eis befreit, die
torfgefärbte Mäme (Medem) zu hören.
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Voß begleitet uns, wenn wir diesen
geschichtsträchtigen Platz in nördlicher Richtung
verlassen. ...Doch dicker fauler Nebelduft vergiftet uns
die Frühlingsluft und hängt in blanken Perlen an meines
Ufers Erlen. Nun, Nebel, wie er in Voßens Ode
beschrieben wird, brauchen Sie im Sommer kaum zu fürchten.
Die Einheimischen allerdings können diese Zeilen des
Dichters besonders im Frühjahr gut nachempfinden, wenn sich
der Nebel manchmal tagelang bleiern über unsere Stadt legt.
Damals wie heute sind Erlen, seien es Bäume oder Büsche,
Hauptbewuchs des Medemufers.
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Nach einem Blick auf das 1770 nach den Plänen
des Baumeisters von Bonn errichtete Amtshaus wandern wir weiter
und erblicken hinter dem Rest des ehemaligen Schloßgrabens
etwas versteckt unter hohen Bäumen das Torhaus.
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Es trägt in eisernen Buchstaben an der Frontseite die
Inschrift: A (daraufgesetzt ein C), es folgen HZESEVW das
heißt: August (und Catharina) Herzog zu Sachsen, Engern und
Westfalen. So nannten sich die Herzöge von Sachsen-Lauenburg,
die im Jahre 1641 diese Wehranlage zum Schutze ihres Schlosses
erbauen ließen. Später diente dieser Turm,
wie er im Volksmund auch genannt wurde, Gerichtsbediensteten als
Wohnung. Eigentümer war nun der preußische Staat, der
das Gebäude kostenlos der Stadt Otterndorf zwecks Einrichtung
eines Heimatmuseums überließ. Der Lehrer Richard
Tiensch sowie der frühere Otterndorfer Bürgermeister
Alfred Oest haben unter Zurückstellung anderer Interessen
wertvolles, volkskundliches Material und später
archäologische Stücke in diesem Haus zusammengetragen.
1964 zog man in das Kranichhaus um.
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Wir kehren nun zum Großen Specken zurück und erreichen
nach Überqueren der B 73 das Eckhaus an der
Johann-Heinrich-Voß-Straße mit seinem alten, hübschen
Barockgiebel. Der Putz sollte entfernt werden, dann wird die
herrliche Backsteinfront wieder sichtbar. Vorbei an alten
Lagerhäusern macht uns genau gegenüber des Kirchturmes
ein Schild an einer Giebelwand neugierig. Es weist darauf hin,
daß in diesem Haus der Dichter und Übersetzer Johann
Heinrich Voß 4 Jahre lang, von 1778-1782, als Rektor der
hiesigen Lateinschule gewohnt hat. Leider erinnert zur Zeit im
Hause selbst nichts an diesen wohl prominentesten Otterndorfer
Rektor. Nach Abschluß umfangreicher Sanierungsarbeiten will
man hier aber wieder eine Voß-Stube einrichten.
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Johann
Heinrich Voß hier ist Gelegenheit, ihn vorzustellen:
Geboren am 20.02.1751 in Sommerstorf bei Waren (Mecklenburg),
gestorben am 29.03.1826 zu Heidelberg. Ein Zeitgenosse Goethes,
der Voß übrigens sehr schätzte (Er hat sein
Volk durch Tat und Schrift veredelt, insonderheit dem verachteten
Landmann ein regeres Gefühl seiner Würde
beigebracht.). Studium in Göttingen. Dort Mitglied des
Hainbundes und Mitherausgeber des Göttinger
Musenalmanach. Heirat mit Ernestine geb. Boie, 5 Söhne. -
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Während seiner Otterndorfer
Rektorenzeit vollendete er die erste Fassung der Übersetzung
Homers Odysee. Schon im Jahre 1781 kann er in der
Stelle des Hadelner Landes seine Übersetzung ab-schließen,
wobei ihm der Kunstgriff gelingt, das antike Versmaß in die
deutsche Sprache zu übertragen. Es ist an vielen
Stellen der Odysee nicht die Bläue der Ägäis, die
aus der Voßschen Übersetzung leuchtet, oder die
sommerlich verdorrte mediterrane Landschaft. Es sind das
Marschenland und die Niederelbe um Otterndorf, denen Voß in
seiner sprachschöpferischen Übersetzung ihren Einzug in
die Odysee eröffnet: weithinfließend,
hochaufwogend, fischdurchwimmelt. Auf den
Marschenwiesen steht das schwerwandelnde Hornvieh.
Die weitumschauende Gegend mit ihrer
lebensschenkenden Erde läßt sich
wahrscheinlich heute noch so fotografieren, wie Voß sie
damals gesehen hat.
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Hier entstanden seine Idyllen Die
Kirschenpflückerin und Der siebzigste
Geburtstag; die Oden und Gedichte: Die Ode an den
Wind, Das Milchmädchen, Rundgesang
sowie die Epigramme Verschiedener Stolz, Lilie
und Rose. Nach dem Englischen, Sprachanmerkung,
Auf einen Witzling und Der fette Prediger.
Vielen späteren Werken kann man entnehmen, daß in
ihnen die Otterndorfer Zeit noch wirkt.
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Von seinem Haus ging Voß Blick auch zur Lateinschule,
wo er die Kinder auf dem Schulplatz spielen sehen konnte.
Otterndorf war damals keineswegs nur eine unbedarfte Landstadt.
Das Leben im Lande Hadeln war im späten 18. Jahrhundert
gekennzeichnet durch ein Gemisch aus beachtlichem kulturellen
Niveau und großzügigem Lebenszuschnitt einerseits und
einem exklusiven Provinzialismus und Stolz auf der ihre zumal
auch Kirchen- und Schulfragen bestehende Eigenständigkeit.
Es herrschte ein allgemeiner Wohlstand, der mitunter in
ungesundem Überfluß und übertriebenem Aufwand
ausartete.
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Die Lateinschule hat eine alte Tradition.
Der geschichtliche Anfang dieses Lehrinstituts liegt im Dunkeln.
In einer Urkunde wird am 16. Mai 1445 Hinrich Wulfhard, rector
scholarum eiusdem ecclesie, als Zeuge genannt. Der in diesem Jahr
restaurierte Bau stammt aus dem Jahr 1614.
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Vorbei an den alten Speichern erreichen wir den Süderwall,
eine beliebte Promenade, unter deren Bäumen Voß schon
wandelte. Bürger errichteten in unmittelbarer Nähe des
Walles ein Gartenhäuschen. Eines davon hat die Stadt
Otterndorf in klassizistischem Stil herrichten lassen und stellt
es im Bewußtsein seiner reichen kulturellen Vergangenheit
im Sommerhalbjahr ausgewählten Stadtschreibern zur
Verfügung. Da können wir übrigens ein kleines
Jubiläum feiern. In diesem Jahr weilt mit Dr. Tom Crepon aus
Lübeck der 10. Stadtschreiber unter uns.
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Unsere Stadtschreiber:
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Manfred Hausin, Celle (1985)
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Manfred Böckl, Lappersdorf/Bayern
(1986)
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Dr. Giovanni Nadiani aus Reda/Ravenna (1987)
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Renate Axt, Darmstadt (1988
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Ludwig Fels, Wien (1989)
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Bernhard Lassahn, Hamburg (1990)
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Norbert Ney, Hamburg (1991)
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Helga Lippelt, Düsseldorf (1992)
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Herbert Friedmann, Darmstadt (1993)
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Dr. Tom Crepon, Lübeck (1994)
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Wir verlassen den Wall und erreichen über schmale Stiege und
Gassen das Kranichhaus mit seinem dominierenden Barock-Giebel.
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Die auf dem Grundstück errichtete
Gebäudegruppe besteht aus Vorderhaus, Mittelbau und den
schon gezeigten Speicher. Heute ist im Kranichhaus ein Museum und
das Kreisarchiv untergebracht. In dem Museum hat seit 1976 auch
die Voß-Stube ihren Platz gefunden. Diese einst von dem
Marschendichter Allmers begonnene und von dem Landeshistoriker
Dr. G. von der Osten so erfolgreich fortgesetzte Sammlung erfährt
auch noch in jüngster Zeit Zugang wertvoller
Voß-Erinnerungen.
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Hier
befindet sich eine Büchersammlung, die meisten Werke Voßens
umfassend. Natürlich fehlen nicht die Voß- und
Homer-Büste und nicht das Bildnis der Ernestine. Die
Butterdose (Luise) und eine Teebüchse wurden von Voßens
Erben dem Museum überlassen.
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Gleich in der Nähe befindet sich das Rathaus. Den Bau des
Rathauses veranlaßte ein herzöglicher Befehl von 1582:
Ein Keller soll angelegt und darüber ein Haus gebaut
werden, das sich zum Rathaus eignet. Zurzeit werden
umfangreiche Restaurierungsarbeiten im Inneren des Hauses
durchgeführt und stehen kurz vor ihrem Abschluß. Dabei
ist man überraschend auf wertvolle Deckengemälde
gestoßen. Unser nächstes Ziel ist das Hadler
Haus in der Marktstraße, das heutige
Verwaltungsgebäude der Samtgemeinde Hadeln. Durch einen
Torbogen erreichen wir den Innenhof, wenden uns nach links, wo
uns in der Stadtscheune das Museum für moderne Kunst
studio a mit seiner für ganz Deutschland
bemerkenswerten Sammlung konkreter Kunst erwartet. Durch den
Vordereingang (bzw. durch den Torbogen der Stadtscheune) treten
wir hinaus auf die Sackstraße, wenden uns nach rechts und
erreichen den Norderwall. Hier halten wir uns links und erreichen
im Schatten der Lindenbäume die Schleusenstraße.
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 Zu
Voßens Zeiten war der Blick zur Elbe noch nicht verbaut und
man konnte von hier die hohen Masten der Segelschiffe
vorbeiziehen sehen. Davor liegt der Deich, den die Menschen hier
im ewigen Kampf gegen das Meer ständig pflegen und erhöhen
müssen. Des Windes Gewalt, des Wassers Gestalt sich
ändern tut drum seid auf der Hut. Gott schütze
die Marsch. Am Schloßgraben entlang
gehend, erreichen wir in wenigen Minuten den Großen
Specken, den Ausgangspunkt unseres kleinen Rundganges.
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Heiko Völker

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