L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T     1 1


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des Faltblattes Nr. 11 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Eine Rundwanderung in Scheeßel führt uns zu markanten Punkten, die als Spuren der Vergangenheit einen Bezug zur geschichtlichen Entwicklung dieses Orts noch heute herstellen.

Sechs Eichenblätter zieren das Wappen Scheeßels, sie sollen die sechs Höfe symbolisieren, die vor mehr als 1.000 Jahren die Keimzelle der inzwischen auf 11.000 Einwohner gewachsene Gemeinde bildeten.


WANDERN UND ENTDECKEN



1. Wir beginnen unsere Wanderung auf dem Meyerhof, der zweifellos zu den ältesten Höfen des Ortes zählt. Hierbei handelt es sich um einen ehemaligen Vollhof, der im Mittelalter vom Verwalter des Grundherrn, dem Meyer, bewirtschaftet wurde. Dieser hatte einerseits die Aufgabe, die Natural- und Geldabgaben von den Nebenhöfen einzuziehen, unterlag aber andererseits auch selbst der Pflicht, Abgaben für die Nutzung des Meyerhofes zu leisten. Heute dient diese malerisch schöne Hofanlage mit ihren sieben Fachwerkgebäuden als Kultur- und Begegnungsstätte und ist außerdem Teil des Heimatmuseums Scheeßel.


2. Um 1200 war Scheeßel Sitz eines Archidiakonats des Bistums Verden. Der Archidiakon als Vertreter des Bischofs in verwaltender und richterlicher Funktion bestrafte bei geringen Verstößen gegen die Rechtsordnung, indem Verurteilte an das Halseisen des Schandpfahles gekettet wurden. Auf dem Kirchenvorplatz umschreiten wir die 500jährige Gerichtslinde, die als Naturdenkmal unter Schutz steht.

Seit alters her war Scheeßel Kreuzungspunkt wichtiger Handelsstraßen, auf denen aber auch Heerscharen daherzogen und den Ort durch ihre kriegerischen Auseinandersetzungen stark in Mitleidenschaft zogen. Im 30jährigen Krieg wurden der Kirchturm, das Pfarrhaus und mehrere Gehöfte niedergebrannt.

Links: St. Lukas-Kirche, Scheeßel.
Rechts: Kanzelaltar im Inneren der St. Lukas-Kirche mit barocken Ornamenten.



Die heutige St. Lukas-Kirche wurde 1755 – 1757 im Bauernbarockstil errichtet. Der mächtige Kanzelaltar mit seinen barocken Ornamenten prägt das Innere der Kirche. In dem aus Felssteinen erbauten monumentalen Kirchturm befinden sich Glocken aus dem Jahre 1646 und 1652.

3. Wir biegen in die Kirchstraße ein und erreichen nach wenigen Schritten in der Mühlenstraße die alte Amtsvogtei. Dieses in einem Park gelegene Fachwerkgebäude wurde 1816 gebaut und als Dienstsitz der Amtsvögte genutzt. Als die Funktion der Amtsvögte, richterliche Untersuchungen in Zivil- und Strafsachen sowie Verhängung von Geldbußen bei geringeren Vergehen vorzunehmen, aufgehoben wurde, gingen 1882 Gebäude sowie Grund und Boden in Privatbesitz über.

1977 wurde die ehemalige Amtsvogtei samt Park von der Gemeinde Scheeßel erworben. Das denkmalgeschützte Gebäude konnte restauriert werden und ist Sitz der Gemeindewerke, die einige Räume auch für eine öffentliche Nutzung vorgesehen haben.


Die Amtsvogtei.

4. Geht man durch den Amtsvogteipark in Richtung Bundesstraße, so findet man dort ein bronzezeitliches Hügelgrab mit einem mehrperiodischen Aufbau und Bestattungen vom Ende der jüngeren Steinzeit und der Bronzezeit (1700-700 v. Chr.).

5. Die Scheeßeler Mühle wurde von einem Verdener Bischof angelegt und ist zu den ältesten unserer Gegend zu rechnen. Ursprünglich soll sie an der Beeke unterhalb der Kirche gestanden haben, von wo sie 1503 an den heutigen Platz an der Wümme verlegt wurde. Die Mühle befindet sich seit 1607 nachweislich im Besitz der Familie Müller-Scheeßel.


Das Malzhaus bei der Scheeßeler Mühle.

Gegenüber dem im Stil der Jahrhundertwende errichteten Herrenhaus des Anwesens befindet sich das Malzhaus, ein denkmalgeschütztes und restaurierter Fachwerkbau, erbaut um 1700, in dem einst das Getreide für die Kornbrennerei lagerte und das heute als Wohnhaus genutzt wird. Erwähnenswert ist auch die mächtige ca. 300jährige Eiche, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht.

Wir überqueren die Wümme in Richtung Jeersdorf, wo sich uns ein herrlicher Blick über die Schilfniederung bietet, und gehen durch die Straße ‚In’n Dörp’, eine von Gehöftanlagen gesäumte Eichenallee, die als eine der schönsten des Landkreises Rotenburg gilt, in Richtung Scheeßel, wo wir erneut die Wümme überqueren und am Ortseingang das Heimatmuseum, eine Hofanlage mit sechs Fachwerkgebäuden, erreichen.

(Für weitere Entdeckungen der Umgebung von Scheeßel ist eine Wanderkarte mit Wegebeschreibungen beim Verkehrsamt oder beim Heimatverein erhältlich).


TRADITION UND BRAUCHTUM


6. Das mächtige reetgedeckte niederdeutsche Hallenhaus wurde schon 1913 aus der Ortsmitte Scheeßels zum heutigen Standort versetzt, um als Museum künftigen Generationen Zeugnis zu geben vom kargen Leben unserer Vorfahren. Nach seiner Konstruktion wird das Heimathaus auch als Zweiständerhaus bezeichnet. Seine Eigenart besteht darin, dass die Dachlast nicht von den Außenwänden, sondern von einem inneren Gerüst getragen wird, das gleichzeitig auch die Last der auf den Boden gestapelten Ernte aufnimmt.

Der Funktion nach ist es als ein sog. Einhaus anzusprechen, das als Hauptaufgabe die Vereinigung bäuerlichen Lebens und Wirtschaftens, nämlich das Wohnen, das Viehaufstallen, das Erntebergen und die Ausführung der wichtigen Binnenarbeiten ermöglichte. In der hallenartigen Raumweite des Hauses, in dem Bauer, Gesinde und Vieh unter einem Dach lebten, bildete das offene Herdfeuer auf dem Flett den Mittelpunkt. Gleichzeitig traf man sich hier nicht nur zum Klönsnack, sondern am Herdfeuer wurden auch wichtige Abmachungen, wie das Aushandeln von Mitgift und Altenteil sowie Verdingung von Gesinde durch Berühren des Kesselhakens besiegelt.

Auf dem Dachboden wurden Erntestapel gelagert, auf die der Herdrauch vom Flett nutzbringend einwirkte, er trocknete das Getreide; beizte das Korn, vertrieb Ungeziefer und konservierte das Holz. Gleichzeitig wurden die im ‚Wiemen’ aufgehängten Würste und Schinken geräuchert. Mit Fleiß und Können wurde für die Selbstversorgung mit Nahrung und Kleidung gearbeitet.

Früher trug man die Scheeßeler Tracht, die heute von den Scheeßeler Trachtengruppen gepflegt wird und nur noch bei den Vorführungen der Scheeßeler Bunten, einem Vier-Paar-Tanz, oder in der Schauvitrine auf dem Heimathausboden zu sehen ist.

Die Nebengebäude des Heimathausgeländes wurden auf verschienen Höfen der näheren Umgebung Scheeßels abgetragen und hier wieder aufgebaut. Wagenscheune, Speicher, Backhaus, Schaf- und Schweinestall legen zusammen mit dem niederdeutschen Hallenhaus Zeugnis ab vom kargen Leben der bäuerlichen Bevölkerung im 19. Jahrhundert.


Heimathausgelände mit Honigspeicher und Schafstall.

7. Wir benutzen einen Fußpfad, überqueren die Beeke kurz vor ihrer Mündung in die Wümme und stehen auf dem unteren Wiesenteil des Meyerhofes, gehen am Schafstall vorbei und können im Häuslingshaus Gerätschaften fast vergessener Berufe betrachten. Häuslingen wurden Unterkunft, Garten und Ländereien zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Als Gegenleistung musste die gesamte Familie auf dem Hof arbeiten und sich den Anweisungen des Bauern fügen.


Scheeßeler Handblaudruck.

Ein ehemaliger Kornspeicher wurde mit einer umfangreichen Sammlung wertvoller alter Druckstöcke und anderer Gerätschaften einer noch bis 1950 in Scheeßel ansässigen Werkstatt als Blaudruckerei ausgebaut. Hier werden nach altüberliefertem Verfahren Stoffe für den Eigenbedarf des Heimatvereins und der Trachtengruppe bedruckt und gefärbt.

Sehenswert ist auch die mit z.T. mehr als 300 Jahren alten Bauernwebstühlen für die Herstellung von Stoffen eingerichtete Weberei, die in einem ehemaligen Landarbeiterhaus untergebracht ist. Hier wird in Kursen das Spinnen, das Weben und das Klöppeln gelehrt.


Meyerhofgelände mit Kunstgewerbehaus.

Während auf dem Heimathausgelände ein großes Kachelbild an den aus Scheeßel gebürtigen niederdeutschen Maler Prof. Ernst Müller-Scheeßel (1863-1936) erinnert, finden wir hier ein Zimmer, das seinem Wirken gewidmet ist. Er, der sein Atelier in der Böttcherstraße in Bremen hatte, war 1905 Mitbegründer des Scheeßeler Heimatvereins, nachdem schon 1904 das erste große Niedersächsische Trachtenfest in Scheeßel stattgefunden hatte.


Für den Zusammenschluß der Scheeßeler Tischler entwarf Ernst Müller-Scheeßel Zimmereinrichtungen, die ab 1908 im Kunstgewerbehaus auf dem Meyerhof gezeigt und verkauft wurden. Das Kunstgewerbehaus Scheeßel, vermutlich handelt es sich um einen ehemaligen Hofschafstall, wurde 1976 vom Heimatverein wiedereröffnet und zeigt seitdem wechselnde Ausstellungen.




1/7 - Meyerhofgelände
2 - St. Lukas-Kirche
3 - Amtsvogtei


SEITENANFANG

4 - Hügelgrab
5 - Scheeßeler Mühle
6 - Heimathausgelände


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Auskunft:

Gemeinde: 27383 Scheeßel, Untervogtplatz 1
Verkehrsamt: Tel.: 04263/302-30
Heimatverein „Niedersachsen“ e.V. Scheeßel, Zevener Str. 8, 27383 Scheeßel, Tel.: 04263/8551

Meyerhof- und Heimathausgelände: Geöffnet Sonn- und Feiertags 10.00 - 12.00 Uhr und 14.00 - 18.00 Uhr (Mai bis September)
Kunstgewerbehaus: MI + SA 15.00 - 18.00 Uhr, SO 11.00 - 13.00 Uhr und 15.00 - 18.00 Uhr
Sonderführung nach Voranmeldung