Lilienthal: Von den Ursprüngen bis
zur Klostergründung
Die
heutige Großgemeinde Lilienthal setzt sich aus 37 ehemals
selbständigen Ortsteilen auf einer Fläche von 72 km²
zusammen. Die Einwohnerzahl stieg von 5.000 im Jahre 1939 auf
17.000 im Jahre 1994. So ist es denn auch nicht verwunderlich,
dass vieles aus der rund 1.300jährigen Geschichte der
Gemeinde im doppelten Sinne zu erfahren ist. Für
alle Interessierten hat der Heimatverein Lilienthal zwei Routen
entwickelt, die zu den wichtigsten Orten der Entstehungsgeschichte
führen: Tour A mit dem Rad und Tour B zu Fuß.
Nehmen Sie also Kontakt auf mit der Vergangenheit!
HISTORISCHER
STREIFZUG PER RAD UND ZU FUSS DURCH DIE GESCHICHTE LILIENTHALS
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Tour A (Radwanderung):
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 Die
Klosterkirche mit Äbtissinnenbrunnen und dem Symbol des
vereinten Europa Jan und Lilie über Landkarte. -
1.
Den Ausgangspunkt des historischen Streifzugs bildet die
ehemalige Klosterkirche des Zisterzienser-Nonnenordens, errichtet
zwischen 1248 und 1262. Bis auf ein kleines Gewölbe im
Weinkeller unter dem neuen Rathaus wurden die anderen
Klostergebäude um 1692 abgerissen. Der benachbarte heutige
Amtsgarten ist also eigentlich der alte Klostergarten, in dem
auch die Zehntscheunen zur Unterbringung der Abgaben standen. Der
berühmte Lilienthaler Oberamtmann und Astronom Dr. Johann
Hieronymus Schroeter errichtete hier zwischen 1782 und 1816 seine
Sternwarte, die seinerzeit größte des europäischen
Kontinents. Sein Grab am Westgiebel der Kirche und ein
Gedenkstein vor dem Heimatmuseum Lilienthal erinnern an diese
glanzvolle Zeit, genau wie viele sehenswerte Ausstellungsstücke
aus der Geschichte im Museum.
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 Die
kulturelle Begegnungsstätte Murkens Hof aus dem Blick vom
Altländer Torbogen.
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2.
In östlicher Richtung, vor dem neuen Rathaus aus dem Jahr
1978, liegt die kulturelle Begegnungsstätte Murkens Hof. Die
Ursprünge des Fachwerkgebäudes, das auf dem Gelände
des ehemaligen Äbtissinnenhauses steht, gehen ins Jahr 1730
zurück. In der seinerzeit berühmten Gaststätte
Murken die Besitzerfolge nennt der davor befindliche
Altländer Torbogen sind heute die Gemeindebücherei
und die Volkshochschule untergebracht. Außerdem befinden
sich dort Vortragsräume zur allgemeinen Nutzung. Die Fahrt
führt jetzt weiter hinter Murkens Hof entlang der linken
Wörpe-Seite auf dem Mühlendeich zur Gaststätte
Kutscher Behrens in Falkenberg. (Vgl. das Titelfoto des
Faltblattes: Partie an der Wörpe auf dem Mühlendeich).
Die Wörpe, deren Ufer zwischen 1750 und 1795 besiedelt
wurden, bildete für 250 Jahre die Hauptverkehrsader
Lilienthals, zumal der Straßenverkehr seinerzeit gänzlich
unbedeutend war. Eine kleine Brücke hinter der Gaststätte
führt in den bremischen Ortsteil Verenmoor, der auf dem
letzten originalen Stück des Lilienthaler Hauptdeichs, der
Antiqua Sidewendike, gelegen ist. Dieser Deich wurde
um das Jahr 700 in einer Höhe von nur etwa 150 cm angelegt.
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3.
Etwa 300 m flußaufwärts erreichen wir auf der rechten
Wörpe Seite die Stelle, an der im Jahre 1260 der Hauptarm
des Flusses, der ursprünglich zur Höge führte,
abgegraben und als neuer Kanal zum Kloster und zur Wassermühle
geleitet wurde. Der Verlauf des ehemaligen Flußbettes und
die parallel dazu geführten Grabungsarbeiten bieten ein auch
heute noch eindrucksvolles Bild der damaligen Arbeitsleistung.
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4.
Nun geht es zurück zu Kutscher Behrens und noch
500 m weiter die Falkenberger Landstraße entlang, bis
rechterhand die Straße Auf dem Kamp abzweigt.
In der hier gelegenen ehemaligen Falkenberger Schule von 1910
befindet sich heute das Lilienthaler Schulmuseum. Eine Führung,
die nach Anmeldung möglich ist, vermittelt einen Eindruck
des Schulunterrichts in einer Klasse der 20er Jahre. Sehenswert
ist auch die umfangreiche Sammlung von Lehrmaterial aus
verschiedenen Zeiten.
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5.
Wir folgen der Straße Auf dem Kamp, fahren in
gerader Richtung weiter durch das neue Lilienthaler Gewerbegebiet
und erreichen auf einem noch nicht ausgebauten Sandweg die Höge.
Diese Strecke verläuft ebenfalls auf einer ehemaligen
Deichkrone, die um 800 zum Schutz gegen das Hochwasser der Alten
Wörpe angelegt wurde. Die Höge mit ihrem einzigartigen
Fachwerkhaus aus dem Jahre
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 Das
alte Fachwerkhaus auf der Höge, dem Ort der ersten
Lilienthaler Klostergründung.
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1795 befindet sich heute im Besitz der
Gemeinde Lilienthal und ist auch die Heimat der Freilichtbühne
Lilienthal. Ursprünglich wurde das Gelände von Kaiser
Karl dem Großen um 810 als eine Ringwallburg zum Schutz
gegen Überfälle angelegt. Der Name des nahegelegenen
Ortsteils Frankenburg zeugt noch heute vom damaligen
Geschehen. Die zum Teil natürliche, zum Teil aufgeschüttete
Erhöhung bildete das alte Northusen. Hier
gründete im Jahre 1232 der bremische Erzbischof Gerhard II
das erste Kloster Lilienthal, das er mit 8 Nonnen des
Zisterzienser-Ordens aus Walberberg bei Bonn besiedelte. Wegen
ständigen Hochwassers hatte es dort jedoch nur 3 Jahre, bis
1235 Bestand und wurde nach einem vorübergehenden Aufenthalt
in Woldah und Lesum 1248 an die Stelle verlegt, die Ausgangspunkt
unserer Tour war. Die älteste Straße Lilienthals, die
Klosterweide, bildet seit 1250 den Verbindungsweg zwischen den
beiden Gründungsorten.
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6.
Von der Höge über den Speckendamm nach Frankenburg und
von dort auf den parallel zur K 8 verlaufenden Radweg geht es
anschließend links zur Kirche St. Jürgen. Dieser
Ortsteil Lilienthals wurde 1180 von holländischen Siedlern
in völlig unwegsamem Gelände als Wallerbrooke
angelegt. Heute ist er in 11 Ortschaften unterteilt, von denen
wir Oberende, Wührden, Vierhöfen, Mittelbauer und
Vierhausen durchfahren bevor wir an der Abzweigung
Kirchweg/Höftdeich nach links zur Kirche St. Georg im
Lande der Gräser gelangen.
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 Die
romantische Dorfkirche St. Jürgen aus dem Jahre 1180.
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Einsam auf einer hohen Wurt gelegen und mit
einer starken Kirchenmauer umgeben, wurde dieses Gotteshaus
ursprünglich aus Sandstein durch Erzbischof Ansgar im Jahre
865 als Wallfahrtskirche und Schutzburg errichtet. 1180 und um
1450 erfolgten Neu- und Umbauten, die zusammen mit Pfarrhaus und
Küsterschulhaus das einzigartige heutige Ensemble bilden.
Die Kirche mit ihrer interessanten Inneneinrichtung ist immer
geöffnet, und auch der alte Kirchhof ist sehenswert. Vor den
drei Gebäuden verläuft Richtung Ritterhude (auf Karte
nicht eingezeichnet) noch ein letztes Stück der alten
Moorkampstraße, Teil eines Verbindungsweges zwischen Bremen
und Hamburg aus der Zeit um das Jahr 850.
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7.
Über den Kirchweg, der links weiter in Richtung Höftdeich
führt, gelangen wir nun in die unendliche schöne Weite
des eigentlichen St. Jürgenslandes mit den malerischen
Sielen und kleinen Fleeten, den vielen Brücken und Wiesen
mit herrlichen Blumen und Büschen.
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 Blick
in die einzigartige Landschaft des St. Jürgenslandes.
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Unsere Fahrt führt direkt zum
Wümmedeich, hinter dem der Fluß eine große 180
Grad-Kurve bildet - ein Eldorado für Fotografen. In
Fahrtrichtung links stoßen wir auf die Gaststätte
Höftdeich-Wümmeblick, wo bei herrlichem
Panorama eine Rast abgehalten werden kann.
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8.
Wir folgen nun dem Weg unterhalb des Deiches und gelangen zum
alten Schöpfwerk Höftdeich, das 1884
erbaut, mit Dampfmaschinen betrieben wurde. Zwischen 1942 und
1951 fand die Umstellung auf elektrischen Betrieb statt. Die
Saugleistung zur Entwässerung des St. Jürgenslandes
beläuft sich auf 12,9 m³ Wasser pro Sekunde. Dabei wird
das Wasser aus dem großen auf das Schöpfwerk
zuführenden Fleet in die Wümme gepumpt.
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9.
Nächste Station ist das Gehrdener Sielfleet. An
dieser Stelle endet die Straße Höftdeich und führt
als Truperdeich weiter wümmeaufwärts. Das durch ein
Siel im Deich zurückgestaute Wasser stellt die eigentliche
Mündung der Alten Wörpe dar, die, wie schon ausgeführt,
1260 beim Gasthof Kutscher Behrens abgegraben und zum Kloster
umgeleitet wurde. Nur wenige Meter weiter liegt der historische,
in seinen Ursprüngen aus dem Jahre 700 stammende Hof
Gehrden.
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10.
Wir biegen unmittelbar hinter dem Hof nach links auf den
Wirtschaftsweg Richtung Trupe ab, das wir nach etwa 3 km
erreichen. Der erste Hof auf der rechten Seite, heute Hof Ahrens,
ist die sogenannte Wittenborg, die mit 1300 Jahren eine der
ältesten Hofstellen Lilienthals darstellt. Das etwas weiter
linkerhand liegende Haus mit der Nummer 10 beherbergt das
Niedersächsische Kutschenmuseum, in dem rund 40 aus der
Umgebung stammende Fahrzeuge zu besichtigen sind. In den
Sommermonaten ist das Museum sonntags von 11.00-12.00 Uhr
geöffnet, ansonsten ist ein Besuch nach Voranmeldung
möglich.
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11.
Nach weiteren 200 m zeigt sich das altehrwürdige weiße
Gebäude der Truper Kapelle, die im Jahre 1180 erbaut wurde
und ursprünglich als Dorfkirche für Trupe und
Feldhausen diente. Direkt daneben befindet sich das malerische
Pfarrhaus Trupe 3. Dessen Giebelinschrift zeugt vom großen
Brand in Lilienthal am 21. April 1813 und den harten Zeiten unter
französischer Herrschaft. Auf dem alten Kirchhof, der 1880
aufgehoben wurde, sind interessante Grabsteine zu sehen,
insbesondere der der Familie Haltermann aus Seebergen.
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12.
Nach links abzweigend, gelangen wir über den
Jan-Reiners-Weg zum alten Lilienthaler Kleinbahnhof.
Im Jahre 1900 errichtet, war er zentrale Haltestelle der
Eisenbahnlinie Bremen-Tarmstedt.
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 Der
Jan-Reiners-Bahnhof an der ehemaligen Strecke Bremen - Tarmstedt. -
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In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
stiegen hier an Wochenenden bis zu 1000 Fahrgäste täglich
aus, um über den Kaffeepad Richtung
Lilienthal-Mitte und Murken zu ziehen. Am 22. Mai 1954 wurde hier
der Eisenbahnbetrieb, der am 4. Oktober 1900 aufgenommen worden
war, eingestellt. Das Bahnhofsgebäude wurde 1992 durch eine
umfassende Renovierung in den Ursprungszustand versetzt und ist
jetzt eines der eindrucksvollsten Fachwerkgebäude der
Gemeinde Lilienthal.
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13.
Dem Kaffeepad folgend, erreichen wir das historische
Amtmann-Schroeter-Haus, Wohn- und Sterbeort des
Oberamtmanns und Astronomen Johann Hieronymus Schroeter.
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 Das
Amtmann-Schroeter-Haus aus dem Jahre 1791. -
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Das Haus, 1791 von Schroeter für seine
Familie errichtet, ist das einzige noch aus der Zeit vor dem
großen Brand von 1813 existierende Wohngebäude.
Nachdem es von einer Stiftung erworben und umfassend restauriert
wurde, dient das Haus heute der Seniorenarbeit. Durch die
gegenüberliegende Straße Im Bruch gelangen
wir, voll der Eindrücke aus der 1300 jährigen
Geschichte Lilienthals, über die Klosterstraße wieder
zum Ausgangspunkt unserer Fahrt, der Klosterkirche.
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Tour B (Fußwanderung):
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Die Fußwanderung folgt bis zur Nummer
4 der Strecke des Radweges, findet jedoch auf der
gegenüberliegenden Seite des Schulmuseums in der Tilsiter
Straße ihre Fortsetzung. An deren Ende gelangen wir
über ein kurzes Stück der Königsberger
Straße zum Jan-Reiners-Weg, in den wir
rechts einbiegen. Das Schulzentrum Schoofmoor mit den großen
Sportplätzen passierend, gehen wir bis zur Falkenberger
Landstraße und biegen dort unmittelbar links in den
Timkenweg ein. Dieser führt in gerader Linie auf den
Mühlendeich, dem wir rechts bis zum Ende des Lilienthaler
Gehölzes folgen. Rechts geht es ab in den Konventshof. Dort
liegt linkerhand die katholische Kirche Guter Hirt
und gegenüber die Schroeter-Schule mit
auffälligem Skrafitto am Giebel. Es stellt die Bahnen der
Planeten des Sonnensystems sowie die Entstehung einer Sonnen- und
einer Mondfinsternis dar, durch das Fernrohr beobachtet vom
Astronomen Schroeter. Der Konventshof mündet in
die Lilienthaler Hauptstraße. Auf der gegenüberliegenden
Seite befindet sich das Amtmann-Schroeter-Haus (vgl.
Station 13 der Radwanderung). Über den links abzweigenden
Kaffeepad erreichen wir den Jan-Reiners-Bahnhof
(Vgl. Station 12 der Radwanderung). Weiter geht es durch die
Bahnhofstraße an der Lilienthaler Post vorbei zur
Hauptstraße, in die wir links einbiegen. Wir folgen der
nach rechts abzweigenden Klosterstraße und passieren links
die Alte Posthalterei von 1857, das erste
Lilienthaler Postamt mit Fahrverbindung nach Bremen. Auf der
gleichen Seite folgt an der Amtsstraße ein herrliches
Jugendstilgebäude aus dem Jahre 1903, heute Sitz der
Lilienthaler Sparkasse. Auf der rechten Seite ist die ehemalige
Klostergaststätte Klosterhof zu bewundern, ehe
unser Rundgang vor der Klosterkirche wieder endet.
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Dieter Gerdes (Text und Fotos)
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