L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   F A L T B L A T T    6


Landschaftsverband Stade: Hier folgt der Text des augenblicklich vergriffenen Faltblattes Nr. 6 aus unserer Reihe „Wege in die Kulturlandschaft zwischen Elbe und Weser“:

Worpswede - der Einzug einer Gruppe junger Maler hat das Moordorf am Weyerberg vor gut 100 Jahren weit über die norddeutschen Grenzen hinaus berühmt gemacht. Weit weniger beachtet aber als die Kunst ist seine alte Geschichte, sind die Spuren, die die Moorkolonisation, neue Siedlungsstrukturen und nicht zuletzt der Anschluß an das Eisenbahnnetz hinterlassen haben. Die Geschichte des Dorfes und die seiner Künstler ist im Laufe der Zeit fest miteinander verwoben. Einiges ist inzwischen überlagert worden und dadurch nicht alles heute noch sichtbar. Die Orte aber und ihre Geschichte sind geblieben. Begleiten Sie mich doch auf einem historischen Spaziergang durch unser Dorf und schauen Sie selbst.

Dorf- und Kunstgeschichte in Tradition, Wandel und Gegenwart.

1 Beginnen wir unseren Streifzug wie einst die Reisenden und Tagesausflügler am Worpsweder Bahnhof. Seit 1911 verband der „Moorexpress“, eine private Kleinbahn, Worpswede mit den Orten Bremervörde und Osterholz. Abgelegene Moorkolonien wurden auf diesem Wege verkehrsmäßig eingebunden, die Torfindustrie sicherte sich den Anschluß an die wichtigsten Verkehrswege und Worpswede erlebte seitdem einen zunehmenden Besucherstrom. Denn seit die junge Malervereinigung durch eine gemeinsame Ausstellung im renomierten Münchener „Glaspalast“ 1895 schlagartig populär wurde, zog es nicht nur weitere Künstler an den Weyerberg. Kunst und Fremdenverkehr standen hier schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in enger Beziehung. Entwurf und Innenausstattung des Bahnhofs wurden dem Maler, Graphiker und Architekten Heinrich Vogeler übertragen, der nicht nur ein Zweckgebäude errichtete, sondern gleichzeitig eine Art Fremdenverkehrskultur schaffen wollte. Mit dem Worpsweder Bahnhof schuf Vogeler eines seiner wichtigsten Gesamtkunstwerke. Gleichzeitig ist er richtungsweisend für eine Verknüpfung von Kunst und Tourismus, die Worpswede heute noch kennzeichnet.



Der Worpsweder Bahnhof.



2 Unser Rundgang führt uns durch die Bahnhofstraße in die Bauernreihe, dem alten Dorfkern Worpswedes. Hier reihten sich vermutlich seit dem 11. Jahrhundert die ersten acht Höfe um den nordwestlichen Rand des Weyerberges, der, umgeben vom Moor, festen Boden und damit die Voraussetzung für den Getreideanbau versprach. Urkundlich sind diese Höfe erstmals 1218 erwähnt, als sie vom Kloster Osterholz zur Abgabe eines „halben Zehnten“ verpflichtet wurden. Zwischen Bauernreihe und Straßentor ist in einen der alten Niedersachsenhöfe nach behutsamer Restaurierung 1988 das Worpsweder Rathaus eingezogen. Davor steht die Nachbildung des hölzernen Glockenturms an historischer Stelle. Vergrößert hat sich das Dorf im Laufe der nächsten Jahrhunderte kaum - zu unwirtlich waren die Lebensbedingungen im Teufelsmoor, das den Weyerberg umgab. Erst als 1751 die Moorkolonisation einsetzte und unter der Leitung des staatlichen Moorkommissares Jürgen Christian Findorff die unwegsame Wildnis entwässert und in Kulturlandschaft verwandelt wurde, kamen immer mehr Siedler. Der „Moorvater“ Findorff wird uns auch noch auf unseren nächsten Stationen begegnen.


Das Worpsweder Rathaus mit Glockenturm im alten Ortskern.

Verlassen wir also die Bauernreihe, biegen rechts in die Findorffstraße ein und schauen uns die 1759 eingeweihte Zionskirche an. Den Bauauftrag erhielt ebenfalls Jürgen Christian Findorff. Bemerkenswert ist die ausdrückliche königliche Auflage, daß keinerlei unnützer Schmuck sie zieren solle. Mit einfachsten Mitteln realisierte Findorff seinen Entwurf, integrierte aber eine barocke Altarkanzel in die ansonsten asketzische Innenausstattung, die noch heute so erhalten ist. Vielleicht haben Sie Zeit, noch einen kleinen Rundgang über den Friedhof zu machen? Mit seinen alten Grabsteinen aus dem 13. Jahrhundert links vor dem Kirchenportal und den Grabstätten von Paula Modersohn-Becker, Hans am Ende und vielen anderen Künstlern im hinteren Teil ist er gleichsam ein Spiegel unserer Dorfgeschichte.




Links: Die Zionskirche auf dem Weyerberg.

Rechts: Findorff-Denkmal.



Unser Weg führt uns die Treppe hinunter, links in die Findorffstraße und am Worpsweder Landhaus wieder links den sandigen Fritz-Mackensen-Weg hinauf. Hier, an den Nordhang des Weyerberges, baute sich der Begründer der Worpsweder Malerkolonie, Fritz Mackensen, seine repräsentative Villa, die an klaren Tagen einen unvergleichlichen Blick über die Hamme-Niederung bis hin nach Bremen und auf den Freihafen ermöglichte. Mit ein wenig Wetter-Glück können wir diese Aussicht vom Fernblick aus nachvollziehen, den wir erreichen, wenn wir den Susenbarg hinaufgestiegen sind.



Der Fernblick.



3 Von dort aus gesehen rechterhand geht es in ein kleines Buchenwäldchen hinein. Hier, mitten auf dem Weyerberg, ließ nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges der Landgraf Hessen-Eschwege ein Jagdschloß errichten, Wildgehege, Entenfang und Fischteich anlegen, das Wohnhaus für den fürstlichen Entenjäger und eine Schloßscheune erbauen. Doch der Bau wurde nie vollendet. Nach dem Tod des Landgrafen gab seine Frau den Plan auf, ließ 1670 das fast fertige Schloß abreißen. Seit 1797 steht das Findorff-Denkmal an dieser Stelle. Unser Wanderweg führt uns zurück zum Fernblick und weiter in südwestliche Richtung über den Weyerberg. „Weyer“ und „Wede“ bedeuten gleichermaßen Wald, „Worps“ meint Hügel. Weyerberg und Worpswede - Waldberg und Hügelwald: Für die ersten Siedler schien zwischen Berg und Dorf kein Unterschied zu existieren. Zugleich verweist der Name auf das Besondere dieser Gegend, nämlich de Waldbewuchs mit festem Boden, der im Gegensatz zum Moor die landwirtschaftliche Bearbeitung ermöglichte. Noch heute ist der Charakter des ca. 54,4 m „hohen“ Berges - dieser gewaltigen Sanddüne, die das zurückweichende Meer vor Jahrtausenden hinterlassen hat - weitgehend erhalten geblieben, lösen Getreide- und Maisfelder sich mit schmalen Waldstreifen ab.

4 Vorbei am Hohen Feld, dem nicht bepflanzten „Gipfel“ des Berges in westliche Richtung, kommen wir zum Niedersachsenstein. Das Denkmal wurde 1915 bei dem damals schon bekannten Bilderhauer Bernhard Hoetger in Auftrag gegeben, der seit 1914 in Worpswede lebte. Es war ursprünglich als „Siegermal“ konzipiert. Doch Hoetger, dem volle künstlerische Freiheit zugestanden wurde, verwarf seinen ersten Entwurf unter dem schrecklichen Eindruck des Krieges zugunsten eines Friedensmales. Die zweite Fassung, die die Form eines Vogels expressionistisch umsetzt, wurde 1922 offiziell eingeweiht. Wenngleich auch heute immer noch nicht eindeutig interpretierbar, ist es inzwischen zu einem Wahrzeichen Worpswedes geworden.



Der Niedersachsenstein auf dem Gipfel des Weyerberges.



5 Wir bleiben noch ein wenig bei Hoetger, verlassen aber den Weyerberg, indem wir zum „Gipfel“/Hohen Feld zurückwandern, am Wasserwerk links den Feldweg bis zur Lindenallee hinunterlaufen. Nun wieder links bis zur Ecke Lindenallee/Bergstraße. Über den großen Parkplatz rechterhand erreichen wir das Hoetger-Ensemble Cafe Worpswede, Große Kunstschau und Logierhaus, das in den Jahren 1925-27 entstanden ist. Neben der Kunstpräsentation greift Hoetger mit diesem Projekt die Aspekte Kunstvermarktung und Kommunikation bzw. den Fremdenverkehr auf und suchte nach multifunktionalen Lösungen. Finanziell getragen wurde das Vorhaben von dem Bremer Kaufmann und Kunst-Mäzen Ludwig Roselius, mit dem Hoetger eng befreundet war. Der expressionistische Baukomplex, in dem Hoetger historische und traditionelle Baumaterialien der Region mit organischen, mythologischen und individuellen Bauformen verbunden hat, entwickelte sich bald zu einer touristischen Attraktion. Mehr als die Hälfte unseres Rundganges liegt nun hinter uns. Wer sich etwas stärken möchte, findet hier im Dorf-Zentrum eine ganze Reihe Cafes und Gaststätten.

6 Unsere Route führt uns hinter den Hoetger-Bauten einen kleinen Waldweg entlang bis zum Barkenhoff. Etwa auf der Hälfte der Wegstrecke treffen wir auf eine weitere architektonische Besonderheit - das 1926 entstandene Rundhaus des Schriftstellers und Fremdenführers Edwin Koenemann, das im Volksmund bald als Käseglocke bezeichnet wurde. Koenemann ließ sich von den Rundhaus-Bauzeichnungen des Berliner Architekten Bruno Taut inspirieren. Umgeben von den lokal- und regionaltypischen Bauten auf dem Weyerberg ein Architekturbeitrag von besonderem Reiz!



Die Käseglocke.



7 Zu den wohl bekanntesten Gebäuden Worpswedes zählt der Barkenhoff. 1895 - 98 von dem Jugendstilkünstler Heinrich Vogeler als Gesamtkunstwerk bis ins letzte Interieur- und Garten- Detail durchgestaltet, entwickelte sich das Wohnhaus der Vogelers schnell zum Künstler-Treffpunkt von nationalem Rang. Nachdem sich seine Ehefrau Martha endgültig von Heinrich Vogeler getrennt hatte, wurde der Barkenhoff zum Kinderheim der Roten Hilfe Deutschlands umfunktioniert und überdauerte den Nationalsozialismus unter dem Namen „Föhrenhof“ als anthroposophische Gartenbau- und Siedlerschule. Obwohl der Barkenhoff den Krieg relativ unbeschadet überstand, verfiel er in den nachfolgenden Jahren zusehens. Eine Worpsweder Initiative rette den Bau 1971 vor dem Abriß. Heute ist er wieder originalgetreu restauriert und wird als Ausstellungsort und Wohn- und Arbeitsstätte für Kunststipendiaten genutzt.

8 Machen wir uns auf den Weg zu unserer letzten Station. Er führt durch die Marcusheide vorbei an der kommunalen Galerie „Altes Rathaus“. Wie der heutige Name schon verrät, hat der Backsteinbau bis vor wenigen Jahren das Rathaus beherbergt. Im 19. Jahrhundert war es das Armenhaus des Dorfes. Etliche seiner Bewohner haben Paula Modersohn-Becker Modell gestanden. Wir überqueren schließlich die Hembergstraße und folgen dem ungepflasterten Wegverlauf des Schluhs. Die beiden alten Niedersachsenhöfe, die heute unter dem Namen Haus im Schluh bekannt sind, ließ Martha Vogeler 1920 und 1936 aus Lüningsee und Grasberg in den damals noch unbebauten „Schluh“ (Sumpf) versetzen. Seit sie 1920 den Barkenhoff verlassen hatte, lebte sie dort mit ihren Töchtern und betrieb eine Handweberei. Heute ist es ein privat bewohntes Heimatmuseum. Während im kleinen Fachwerkhaus die alte Einrichtung des Barkenhoffs und eine beachtliche Sammlung von Gemälden, Grafiken, Porzellanentwürfen und Jugendstilmöbeln von Heinrich Vogeler untergebracht ist, wird im anderen Gebäude die Handweberei noch heute, inzwischen in der vierten Generation von einer Urenkelin Martha Vogelers betrieben. Die „Sammlerin“ Martha trug aber auch unzählige Alltagsgegenstände der Region zusammen, die das „Innenleben“ der alten Bauernhäuser und damit auch die Lebensbedingungen der Moorbauern lebendig werden lassen. Und so schließt sich am Endpunkt unseres Spazierganges der Kreis - zumindest gedanklich - bei den Höfen der Bauernreihe, dem Beginn unserer Wanderung.

Brigitte Jungemann-Garde


Das Haus im Schluh.




1 - Worpsweder Bahnhof
2 - Glockenturm / Rathaus
3 - Findorff-Denkmal
4 - Niedersachsenstein
5 - Hoetger-Ensemble
6 - „Käseglocke“
7 - Barkenhoff
8 - Haus im Schluh


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