- Worpswede - der
Einzug einer Gruppe junger Maler hat das Moordorf am Weyerberg
vor gut 100 Jahren weit über die norddeutschen Grenzen
hinaus berühmt gemacht. Weit weniger beachtet aber als die
Kunst ist seine alte Geschichte, sind die Spuren, die die
Moorkolonisation, neue Siedlungsstrukturen und nicht zuletzt der
Anschluß an das Eisenbahnnetz hinterlassen haben. Die
Geschichte des Dorfes und die seiner Künstler ist im Laufe
der Zeit fest miteinander verwoben. Einiges ist inzwischen
überlagert worden und dadurch nicht alles heute noch
sichtbar. Die Orte aber und ihre Geschichte sind geblieben.
Begleiten Sie mich doch auf einem historischen Spaziergang durch
unser Dorf und schauen Sie selbst.
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Dorf- und
Kunstgeschichte in Tradition, Wandel und Gegenwart.
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Beginnen wir unseren Streifzug wie einst die Reisenden und
Tagesausflügler am Worpsweder Bahnhof. Seit 1911
verband der Moorexpress, eine private Kleinbahn,
Worpswede mit den Orten Bremervörde und Osterholz.
Abgelegene Moorkolonien wurden auf diesem Wege verkehrsmäßig
eingebunden, die Torfindustrie sicherte sich den Anschluß
an die wichtigsten Verkehrswege und Worpswede erlebte seitdem
einen zunehmenden Besucherstrom. Denn seit die junge
Malervereinigung durch eine gemeinsame Ausstellung im renomierten
Münchener Glaspalast 1895 schlagartig populär
wurde, zog es nicht nur weitere Künstler an den Weyerberg.
Kunst und Fremdenverkehr standen hier schon seit dem Ende des 19.
Jahrhunderts in enger Beziehung. Entwurf und Innenausstattung des
Bahnhofs wurden dem Maler, Graphiker und Architekten Heinrich
Vogeler übertragen, der nicht nur ein Zweckgebäude
errichtete, sondern gleichzeitig eine Art Fremdenverkehrskultur
schaffen wollte. Mit dem Worpsweder Bahnhof schuf Vogeler
eines seiner wichtigsten Gesamtkunstwerke. Gleichzeitig ist er
richtungsweisend für eine Verknüpfung von Kunst und
Tourismus, die Worpswede heute noch kennzeichnet.
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 Der
Worpsweder Bahnhof.
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Unser Rundgang führt uns durch
die Bahnhofstraße in die Bauernreihe, dem alten
Dorfkern Worpswedes. Hier reihten sich vermutlich seit dem 11.
Jahrhundert die ersten acht Höfe um den nordwestlichen Rand
des Weyerberges, der, umgeben vom Moor, festen Boden und damit
die Voraussetzung für den Getreideanbau versprach.
Urkundlich sind diese Höfe erstmals 1218 erwähnt, als
sie vom Kloster Osterholz zur Abgabe eines halben Zehnten
verpflichtet wurden. Zwischen Bauernreihe und Straßentor
ist in einen der alten Niedersachsenhöfe nach behutsamer
Restaurierung 1988 das Worpsweder Rathaus eingezogen.
Davor steht die Nachbildung des hölzernen Glockenturms
an historischer Stelle. Vergrößert hat sich das Dorf
im Laufe der nächsten Jahrhunderte kaum - zu unwirtlich
waren die Lebensbedingungen im Teufelsmoor, das den Weyerberg
umgab. Erst als 1751 die Moorkolonisation einsetzte und unter der
Leitung des staatlichen Moorkommissares Jürgen Christian
Findorff die unwegsame Wildnis entwässert und in
Kulturlandschaft verwandelt wurde, kamen immer mehr Siedler. Der
Moorvater Findorff wird uns auch noch auf unseren
nächsten Stationen begegnen.
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 Das
Worpsweder Rathaus mit Glockenturm im alten Ortskern. -
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Verlassen wir also die
Bauernreihe, biegen rechts in die Findorffstraße ein
und schauen uns die 1759 eingeweihte Zionskirche an. Den
Bauauftrag erhielt ebenfalls Jürgen Christian Findorff.
Bemerkenswert ist die ausdrückliche königliche Auflage,
daß keinerlei unnützer Schmuck sie zieren solle. Mit
einfachsten Mitteln realisierte Findorff seinen Entwurf,
integrierte aber eine barocke Altarkanzel in die ansonsten
asketzische Innenausstattung, die noch heute so erhalten ist.
Vielleicht haben Sie Zeit, noch einen kleinen Rundgang über
den Friedhof zu machen? Mit seinen alten Grabsteinen aus dem 13.
Jahrhundert links vor dem Kirchenportal und den Grabstätten
von Paula Modersohn-Becker, Hans am Ende und vielen anderen
Künstlern im hinteren Teil ist er gleichsam ein Spiegel
unserer Dorfgeschichte.
 Links:
Die Zionskirche auf dem Weyerberg.
Rechts:
Findorff-Denkmal.
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Unser Weg führt uns die
Treppe hinunter, links in die Findorffstraße und am
Worpsweder Landhaus wieder links den sandigen Fritz-Mackensen-Weg
hinauf. Hier, an den Nordhang des Weyerberges, baute sich der
Begründer der Worpsweder Malerkolonie, Fritz Mackensen,
seine repräsentative Villa, die an klaren Tagen einen
unvergleichlichen Blick über die Hamme-Niederung bis hin
nach Bremen und auf den Freihafen ermöglichte. Mit ein wenig
Wetter-Glück können wir diese Aussicht vom Fernblick
aus nachvollziehen, den wir erreichen, wenn wir den Susenbarg
hinaufgestiegen sind.
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 Der
Fernblick.
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Von dort aus gesehen rechterhand geht es in ein kleines
Buchenwäldchen hinein. Hier, mitten auf dem Weyerberg, ließ
nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges der Landgraf
Hessen-Eschwege ein Jagdschloß errichten, Wildgehege,
Entenfang und Fischteich anlegen, das Wohnhaus für den
fürstlichen Entenjäger und eine Schloßscheune
erbauen. Doch der Bau wurde nie vollendet. Nach dem Tod des
Landgrafen gab seine Frau den Plan auf, ließ 1670 das fast
fertige Schloß abreißen. Seit 1797 steht das
Findorff-Denkmal an dieser Stelle. Unser Wanderweg führt
uns zurück zum Fernblick und weiter in südwestliche
Richtung über den Weyerberg. Weyer und Wede
bedeuten gleichermaßen Wald, Worps meint Hügel.
Weyerberg und Worpswede - Waldberg und Hügelwald: Für
die ersten Siedler schien zwischen Berg und Dorf kein Unterschied
zu existieren. Zugleich verweist der Name auf das Besondere
dieser Gegend, nämlich de Waldbewuchs mit festem Boden, der
im Gegensatz zum Moor die landwirtschaftliche Bearbeitung
ermöglichte. Noch heute ist der Charakter des ca. 54,4 m
hohen Berges - dieser gewaltigen Sanddüne, die
das zurückweichende Meer vor Jahrtausenden hinterlassen hat
- weitgehend erhalten geblieben, lösen Getreide- und
Maisfelder sich mit schmalen Waldstreifen ab.
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Vorbei am Hohen Feld, dem nicht bepflanzten Gipfel
des Berges in westliche Richtung, kommen wir zum
Niedersachsenstein. Das Denkmal wurde 1915 bei dem damals
schon bekannten Bilderhauer Bernhard Hoetger in Auftrag gegeben,
der seit 1914 in Worpswede lebte. Es war ursprünglich als
Siegermal konzipiert. Doch Hoetger, dem volle
künstlerische Freiheit zugestanden wurde, verwarf seinen
ersten Entwurf unter dem schrecklichen Eindruck des Krieges
zugunsten eines Friedensmales. Die zweite Fassung, die die Form
eines Vogels expressionistisch umsetzt, wurde 1922 offiziell
eingeweiht. Wenngleich auch heute immer noch nicht eindeutig
interpretierbar, ist es inzwischen zu einem Wahrzeichen
Worpswedes geworden.
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 Der
Niedersachsenstein auf dem Gipfel des Weyerberges.
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Wir bleiben noch ein wenig bei Hoetger, verlassen aber den
Weyerberg, indem wir zum Gipfel/Hohen Feld
zurückwandern, am Wasserwerk links den Feldweg bis zur
Lindenallee hinunterlaufen. Nun wieder links bis zur Ecke
Lindenallee/Bergstraße. Über den großen
Parkplatz rechterhand erreichen wir das Hoetger-Ensemble Cafe
Worpswede, Große Kunstschau und Logierhaus, das in den
Jahren 1925-27 entstanden ist. Neben der Kunstpräsentation
greift Hoetger mit diesem Projekt die Aspekte Kunstvermarktung
und Kommunikation bzw. den Fremdenverkehr auf und suchte nach
multifunktionalen Lösungen. Finanziell getragen wurde das
Vorhaben von dem Bremer Kaufmann und Kunst-Mäzen Ludwig
Roselius, mit dem Hoetger eng befreundet war. Der
expressionistische Baukomplex, in dem Hoetger historische und
traditionelle Baumaterialien der Region mit organischen,
mythologischen und individuellen Bauformen verbunden hat,
entwickelte sich bald zu einer touristischen Attraktion. Mehr als
die Hälfte unseres Rundganges liegt nun hinter uns. Wer sich
etwas stärken möchte, findet hier im Dorf-Zentrum eine
ganze Reihe Cafes und Gaststätten.
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Unsere Route führt uns hinter den Hoetger-Bauten einen
kleinen Waldweg entlang bis zum Barkenhoff. Etwa auf der
Hälfte der Wegstrecke treffen wir auf eine weitere
architektonische Besonderheit - das 1926 entstandene Rundhaus des
Schriftstellers und Fremdenführers Edwin Koenemann, das im
Volksmund bald als Käseglocke bezeichnet wurde.
Koenemann ließ sich von den Rundhaus-Bauzeichnungen des
Berliner Architekten Bruno Taut inspirieren. Umgeben von den
lokal- und regionaltypischen Bauten auf dem Weyerberg ein
Architekturbeitrag von besonderem Reiz!
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 Die
Käseglocke.
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Zu den wohl bekanntesten Gebäuden Worpswedes zählt der
Barkenhoff. 1895 - 98 von dem Jugendstilkünstler
Heinrich Vogeler als Gesamtkunstwerk bis ins letzte Interieur-
und Garten- Detail durchgestaltet, entwickelte sich das Wohnhaus
der Vogelers schnell zum Künstler-Treffpunkt von nationalem
Rang. Nachdem sich seine Ehefrau Martha endgültig von
Heinrich Vogeler getrennt hatte, wurde der Barkenhoff zum
Kinderheim der Roten Hilfe Deutschlands umfunktioniert und
überdauerte den Nationalsozialismus unter dem Namen
Föhrenhof als anthroposophische Gartenbau- und
Siedlerschule. Obwohl der Barkenhoff den Krieg relativ
unbeschadet überstand, verfiel er in den nachfolgenden
Jahren zusehens. Eine Worpsweder Initiative rette den Bau 1971
vor dem Abriß. Heute ist er wieder originalgetreu
restauriert und wird als Ausstellungsort und Wohn- und
Arbeitsstätte für Kunststipendiaten genutzt.
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Machen wir uns auf den Weg zu unserer letzten Station. Er führt
durch die Marcusheide vorbei an der kommunalen Galerie
Altes Rathaus. Wie der heutige Name schon verrät,
hat der Backsteinbau bis vor wenigen Jahren das Rathaus
beherbergt. Im 19. Jahrhundert war es das Armenhaus des Dorfes.
Etliche seiner Bewohner haben Paula Modersohn-Becker Modell
gestanden. Wir überqueren schließlich die
Hembergstraße und folgen dem ungepflasterten Wegverlauf des
Schluhs. Die beiden alten Niedersachsenhöfe, die heute unter
dem Namen Haus im Schluh bekannt sind, ließ Martha
Vogeler 1920 und 1936 aus Lüningsee und Grasberg in den
damals noch unbebauten Schluh (Sumpf) versetzen. Seit
sie 1920 den Barkenhoff verlassen hatte, lebte sie dort
mit ihren Töchtern und betrieb eine Handweberei. Heute ist
es ein privat bewohntes Heimatmuseum. Während im kleinen
Fachwerkhaus die alte Einrichtung des Barkenhoffs und eine
beachtliche Sammlung von Gemälden, Grafiken,
Porzellanentwürfen und Jugendstilmöbeln von Heinrich
Vogeler untergebracht ist, wird im anderen Gebäude die
Handweberei noch heute, inzwischen in der vierten Generation von
einer Urenkelin Martha Vogelers betrieben. Die Sammlerin
Martha trug aber auch unzählige Alltagsgegenstände der
Region zusammen, die das Innenleben der alten
Bauernhäuser und damit auch die Lebensbedingungen der
Moorbauern lebendig werden lassen. Und so schließt sich am
Endpunkt unseres Spazierganges der Kreis - zumindest gedanklich -
bei den Höfen der Bauernreihe, dem Beginn unserer
Wanderung.
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Brigitte Jungemann-Garde
 Das
Haus im Schluh.
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