- Zu den
eindrucksvollsten Baudenkmalen aus der Kulturgeschichte des
Elbe-Weser-Raumes gehören die vielen gut erhaltenen
Fachwerkhäuser des Alten Landes zwischen Stade und Hamburg.
Dieses Faltblatt möchte Sie dazu einladen, diese
Schmuckstücke an der Elbe zu erkunden und kennenzulernen.
-
-
Fachwerkbau
im
-
Alten
Land
-
-
Mit
der Bezeichnung Fachwerkbau wird zunächst nur ein
äußerliches Merkmal von traditionellen Häusern
unserer Region benannt, nämlich der Aufbau des Gebäudes
und speziell auch der Außenwände in Fachwerkbauweise.
Gemeint ist damit, sehr vereinfacht, daß ein Rahmenwerk aus
Holz aufgerichtet ist, in dem die einzelnen Fächer mit einem
lehmbeworfenen Holzflechtwerk oder mit Ziegelsteinen ausgefüllt
werden können.
-
-
Die
Grundlage des hölzernen Fachwerks bildet im allgemeinen ein
auf Steinen liegender Schwellbalken, in den senkrechte Balken,
Ständer oder Stiele genannt, eingezapft sind. Waagerecht
sind diese durch Riegel verbunden und gegebenenfalls durch
schräge Streben versteift. Den oberen Abschluß eines
solchen Fachwerks bildet der Rahmenbalken oder das Rähm.
Soll ein Haus daraus entstehen, müssen mindestens zwei
solcher Fachwerke parallel zueinander aufgestellt werden. Im
rechten Winkel werden dann auf die Rahmenbalken Querbalken
gelegt. Sie können die Dachkonstruktion tragen, letztlich
bestehend aus Fachwerkträgern, oder, bei mehrgeschossiger
Bauweise, wiederum die Schwellen für das nächste
Geschoß.
-
-
Fachwerkbauweise
treffen wir in vielen Gegenden Deutschlands an, darüber
hinaus auch in vielen anderen Ländern Europas, von England
bis ins Baltikum und nach Griechenland, um nur wenige Beispiele
zu nennen. Entscheidend für das Alte Land und seine
Nachbarlandschaften ist, daß die traditionellen
Bauernhäuser hier zur großen Familie der
Fachhallenhäuser gehören, die sich vom niederländischen
Drente bis nach Ostpreußen ausdehnt - man sollte also nicht
von Niedersachsenhäusern sprechen -, und daß
innerhalb dieser Familie die Häuser unserer Region in ganz
bestimmten, typischen Formen vorkommen. Diese sind geprägt
z.B. von Wirtschaftsweisen, Wohlstand und Mangel oder örtlichen
Zimmermannstraditionen. So sind die Häuser im Alten Land
anders aufgeteilt als die in Kehdingen und die auf der Stader
Geest, präsentieren sich auch nach außen anders, und
die Zuordnung der einzelnen Gebäude zu einem Hof ist
verschieden.
-
 Dieser
Speicher in Guderhandviertel, erbaut 1587, ist der älteste
erhaltene Fachwerkbau des Alten Landes.
Bei
näherem Hinsehen gibt es auch innerhalb des Alten Landes,
innerhalb Kehdingens und innerhalb der Stader Geest Unterschiede,
ja selbst in einem Dorf ist nicht jedes Haus wie das andere,
selbst wenn es demselben Typus angehört. Unterschiedliche
Erbauungszeiten, unterschiedliche Grundstücke und auch
Wünsche der Erbauer haben Abweichungen hervorgerufen, spätere
Umbauten haben für zusätzliche Verschiedenheiten
gesorgt. Diese lebendige Vielfalt in der Einheit zu erhalten, muß
im übrigen das Ziel aller Denkmalpflege sein. Erst durch sie
hat in früheren Zeiten eine Landschaft, ein Dorf, ein Hof den
speziellen Charakter erhalten, der Identität stiftet.
 Der
Wehrt'sche Hof in Borstel - einer der zwei aus dem 17.
Jahrhundert stammenden Herrensitze des Alten Landes.
Das
niederdeutsche Fachhallenhaus vereint in sich Mensch und Vieh. Das
Innere wird - grob vereinfacht und auf den historischen Zustand
bezogen - gebildet durch zwei Reihen von Ständern zu Seiten
der hallenartigen Diele, die sich mit einem großen Tor zum
Hof öffnet. Die Ständer sind eingezapft in Schwellbalken
oder stehen separat auf einzelnen Steinen; oben sind sie durch das
Rähm zusammengehalten, auf dem die Dachbalken liegen. Zwei
Paare gegenüberliegender Ständer bilden ein Gefach,
viele Gefache die Dielenhalle, daher Fachhallenhaus.
Die Dachbalken mit erheblichem seitlichen Überstand tragen
die Dachsparren. Weiter nach außen gerückt folgt die
Außenwand, ein Fachwerk, das für die Konstruktion des
Hauses kaum Bedeutung hat, denn es trägt nicht das Dach,
sondern schließt das Haus nur nach außen ab. Auf
seinen Rahmenbalken liegen über den Stielen kurze
Sparrenstücke, die den Hauptsparren angeschleppt sind. Die
langen Räume zwischen Diele und Außenwand heißen
Kübbungen, in ihnen stehen das Vieh und die Pferde. Türen
an den Seiten des hinteren Giebels führen auf den Hof.
-
An
einer Schmalseite ist das Kammerfach eingebaut. Im Alten Land
liegt es zur Straße, und dort befindet sich im Grundsatz je
ein Raum, der aber auch in mehrere Kammern unterteilt sein kann,
zu beiden Seiten eines mehr oder weniger breiten Ganges. Dieser
heißt Koffergang nach den dort aufgestellten Truhen mit den
Schätzen des Hauses. Mit einer nur von innen zu
öffnenden Tür - Brauttür, Totentür, Nottür
genannt - ist er mit der Straße verbunden. Hier zog die
Braut mit der Mitgift ein, der Tote nahm Abschied von den
irdischen Gütern, im Feuersfall blieb der Zugang hier am
längsten von herabfallendem Reet frei.
-
-
Zwischen
Kammer und Diele findet sich, quer durch das ganze Haus gehend,
das Flett, der Küchenraum, ehemals mit dem offenen
Herdfeuer, von dem der Rauch ohne Schornstein durch das Dach
entwich. Die Diele diente zum Einbringen der Getreide- und
Heuernte, die auf dem Boden gestapelt wurde, sowie zum
Ausdreschen des Getreides.
-
 Der
Wehrt'sche Hof gehörte 1657 dem Grafen
Königsmarck und wird daher heute auch Königsmarck'-scher
Hof genannt.
-
Besonders
auffällig ist im Alten Land der straßenseitige steile
Giebel. Bis etwa 1800 wurde er stets in mehreren Geschossen
vorkragend getreppt gebaut; im 19. Jahrhundert, in der
Gesamterscheinung unter dem Einfluß des Klassizismus,
entstanden Baute mit starker Vorkragung wie solche mit schwacher
oder keiner Vorkragung. Die Abtreppung mit dem Erscheinungsbild
von Geschossen ist von städtischer Bautradition übernommen,
ihr entsprechen im Inneren meist nur zwei Geschosse, der
niedrige, äußerlich kaum wahrnehmbare Kniestock über
dem Kammerfach und unterhalb der ersten Vorkragung als
Abstellraum, darüber der Kornboden für das
ausgedroschene Getreide. Darüber kann eine weitere dünne
Bodenlage eingezogen sein, muß aber nicht.
-

Oft
ist der Giebel in Buntmauerwerk, also mit Ziegeln in
abwechslungsreichen Mustern ausgemauert - Ausfachungen mit
lehmbeworfenem Flechtwerk gab es im Alten Land seit Jahrhunderten
nicht mehr, die Ausmauerung hat die Stärke von nur einem
halben Stein. Mühle, Donnerbesen u.a.
Ziegelsetzungen gehen im überkommenen Baubestand kaum weiter
zurück als zum Beginn unseres Jahrhunderts. Die Bedeutung der
gekreuzten Pferde- und Schwanenköpfe an der Giebelspitze ist
unbekannt. Eine Verehrung für das Pferd ist zweifellos
vorhanden gewesen, doch blieben alle Deutungsversuche spekulativ,
bei den Schwänen ist nicht einmal gewiß, ob es nicht
vielleicht ursprünglich Pelikane und somit Sinnbilder für
den Opfertod Christi waren. Die Hofgiebel sind durchweg abgewalmt.
-
Aus
Gründen, die nicht eindeutig geklärt sind, scheinen die
ältesten erhaltenen Bauten im Alten Land erst aus dem
beginnenden 17. Jahrhundert zu stammen. Lediglich ein Speicher in
Guderhandviertel ist schon 1587 datiert. In Jork schein es
Hufnerhäuser - der von Harensche Hof, heute Rathaus, und die
Hauptgebäude der sogenannte Bürgerei von
1649 bis ca. 1658 also unberücksichtigt - überhaupt
nicht mehr zu geben. Möglicherweise haben die Schrecken des
30-jährigen Krieges und die lange Notlage danach zum Verlust
älterer Gebäude beigetragen. (In den Vierlanden östlich
von Hamburg sind die ältesten Häuser bis zu einem
Jahrhundert älter!)
-
 Quast'scher
Hof in Borstel-Hinterbrack.
 Quast'scher
Hof in Borstel-Hinterbrack: Brauttür von 1836.
- Wie
sich der Haustyp entwickelt hat, ist ebenfalls unklar. Das
vorgeschichtliche Haus sah, soweit wir wissen, anders aus.
Zwischendurch gab es auch eine Siedlungslücke, bzw.
Völkerverschiebungen. Während der Besiedlung im 13.
Jahrhundert kam der Haustyp nicht etwa aus Holland. Die Holländer
waren Entwicklungshelfer, Wasserbauingenieure und Organisatoren,
die Siedler kamen vor allem aus dem sächsischen Norden und
Süden.
-
-
Die
ältesten überkommenen Häuser dieses Typs vom Ende
des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in unserer Gegend finden
sich, und zwar schon voll entwickelt, in den Vierlanden. Schon
sie sind in ihrem Giebelaufbau und schmuck städtisch
beeinflußt - die Vermutung für diesen Einfluß
zielt auf Hamburg sowie der Zentren des Fachwerkbaus am Harz -
Einbeck, Hildesheim, Goslar, Wernigerode, Quedlinburg. Von dort
kamen durch Handwerkerwanderungen über Celle, Buxtehude,
Stade die neuen Bauformen auch ins Alte Land. Die Bedingung dafür
war Wohlstand, der vor dem 30-jährigen Krieg groß war.
Die Agrarhochkonjunkturen des 18. Jahrhunderts förderten den
Häuserneubau, wirklich unterbrochen nur 1712/13 , als auch
das Alte Land vom großen Nordischen Krieg (1700-1721)
betroffen wurde - zuvor hatte man an diesem verdient! Etwa 10
Jahre nach den Napoleonischen Kriegen setzte erneut Wohlstand
ein. Es entstanden neue Häuser, Umbauten erfolgten,
klassizistisches Gedankengut kam auch aufs Land. Das setzte sich
fort in den Gründerjahren nach 1871. Man baute zwar kaum
noch neue Fachhallenhäuser, jedoch versah man die
vorhandenen mit historischen Fassaden, solche in Anlehnung an
Renaissance und Klassizismus vor allem, mit Lisenengliederung,
Rundbogenfenstern und aufwendigen Säulenportalen dort, wo
sich zuvor die schmale Brauttür befand.
-
-
Die
heutige Situation ist schwierig. Vieh im Stall gibt es wegen des
intensiven Obstbaus nicht mehr, Getreide auch nicht; zur
Obstlagerung taugen Dielen und Kübbungen aber nicht. Das
einst so praktische Haus wurde unpraktisch und unrentabel; zu
teuer sind die Unterhaltungsarbeiten an den riesigen Reetdächern
und an den Fachwerkwänden. Hoch wird auch der
Modernisierungsaufwand. Hier sind, wie es auch geschieht,
wenngleich in zu geringem Umfang, staatliche Hilfen unumgänglich,
dazu auch Kompromisse des Denkmalschutzes, der mäßige
Umbauten, insbesondere auch zur Belichtung des Dachgeschosses für
den Einbau von Wohnungen, gestatten muß.
-
-
Text: Prof. Dr. Gerhard
Kaufmann
-
Fotos: Dietrich Alstorf,
Landkreis Stade
|