L A N D S C H A F T S V E R B A N D     S T A D E :   I N T E R V I E W


Ein Wort vorweg

Im Bereich Bibliotheken des Landschaftsverbandes haben studentische Praktika sowie Praktika für Schüler der Oberstufe inzwischen einen festen Platz. Neben der Einbindung in den ganz normalen Arbeitsalltag bearbeiten die Praktikanten auch immer ein spezielles Praktikumsprojekt, das sich sowohl an der eigenen Neigung, aber auch an den Interessen und Erfordernissen von Praktikumseinrichtung bzw. Hochschule orientiert.

Anna-Milena von Thun, Oberstufenschülerin der Freien Waldorfschule Stade, hat sich während ihres Praktikums mit den Krimis aus Kehdingen und dem Elbe-Weser-Dreieck beschäftigt und sie für die Internetseite des Landschaftsverbandes bearbeitet. Besonderer Höhepunkt war dabei das Interview mit der bekannten Krimiautorin Alexandra Kui, die inzwischen zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht hat, von denen der Roman Blaufeuer bereits vom ZDF verfilmt wurde. Subtil und vielschichtig ausgelotete Charaktere, präzise beobachtete Situationen, so spannungsreich wie konsequent durchkomponierte Stories machen diese Krimis zu einem absoluten Lesevergnügen. Und das vor der grandiosen Landschaft zwischen Elbe und Weser, Wiedererkennungswert garantiert!


Hallo! Ich bin Anna-Milena von Thun, bin 16 Jahre alt und gehe auf die Freie Waldorfschule Stade. Während meines Praktikums im Bereich Bibliotheken des Landschaftsverbandes Stade habe ich mich für das Projekt Krimis aus Kehdingen und dem Elbe-Weser-Dreick entschieden. Dazu durfte ich unter anderem ein Interview mit einer Krimiautorin oder einem Krimiautoren führen. Ich hatte mehrere Krimis von Alexandra Kui gelesen, die ich am liebsten nicht aus der Hand legen wollte. Auf meine Nachfrage war Frau Kui bereit, sich für ein Interview mit mir zu treffen, was mich sehr freute. Also haben wir uns an einem Donnerstagnachmittag im Spätherbst in einem kleinen, gemütlichen Café in Buxtehude getroffen und ich konnte alle meine Fragen loswerden, die Frau Kui interessiert und offen beantwortete. Mir hat das Interview sehr viel Spaß gemacht. An dieser Stelle noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön an Frau Kui!

Alexandra Kui (links) und Anna-Milena von Thun


Aktuelles Interview mit Alexandra Kui


von Thun: Auf ihrer Website steht, dass Sie schon seit der Schulzeit Autorin werden wollten. Wieso genau?

Kui: Wir hatten viele Bücher zu Hause, weil meine Mutter viel gelesen hat. Ich hatte schon immer eine große Fantasie und habe in der Schule meinen Mitschülern selbstausgedachte Geschichten erzählt. Irgendwann brachte meine Mutter mich auf die Idee, sie aufzuschreiben.

von Thun: Und wie sind Sie dabei speziell auf das Genre Krimi gekommen?

Kui: Zum einen mag ich einfach diese düstere Stimmung, die für Krimis typisch ist und die gut in unsere norddeutsche Landschaft passt. Zum anderen finde ich es wirklich interessant, wie Menschen reagieren, wenn sie an Ihre Grenzen stoßen. Wie z.B. ein Mord eine Familie verändern kann. Was für mich hingegen befremdlich ist, sind Geschichten in denen der Täter von Grund auf böse ist, nach dem Motto „Ach, wen kann ich denn heute mal umbringen?“, so etwas würde ich nicht schreiben. Ich selbst muss meinem Täter nah stehen können; bei einem Serienmörder wäre das äußerst schwierig.

von Thun: Woher nehmen Sie sich die Ideen für ihre Krimis?

Kui: Diese Frage wird mir sehr oft gestellt (lacht). Meistens gehe ich einfach durch die Natur und manchmal habe ich einfach eine gute Idee dabei. Wie beim Prolog von Blaufeuer z. B. - ich bin im Watt spazieren gegangen und die Anfangsszene war plötzlich da. Ich bekomme aber auch viel Inspiration durch Gespräche mit anderen Menschen oder einfach durch die Zeitungslektüre. Oft rücken diese Anfangsideen dann in den Hintergrund, spielen also nur noch eine sehr kleine Rolle im Buch, wenn es schlussendlich fertig ist.

von Thun: Sie sagten ja gerade schon, dass Sie durch die Natur gehen um Ideen zu sammeln. Fällt Ihnen das in Norddeutschland leichter oder wieso schreiben Sie norddeutsche Krimis?

Kui: Die schroffe, weite und doch auch oft etwas kalte nordische Landschaft inspiriert mich mehr als z. B. ein Karibik-Strand. Nach Spanien oder Italien würde ich wahrscheinlich nur fahren, um dort Urlaub zu machen, während ich zum Beispiel, als ich auf Island war, sofort eine gute Buch-Idee hatte. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann noch einmal einen Karibik-Krimi von mir? (lacht)

von Thun: Sie sagten schon, dass sich die Landschaft auf Ihr Schreiben auswirkt - wie ist das mit dem Wetter?

Kui: Ich übernehme oft das Wetter für meine Bücher, so wie es gerade ist. Bei regnerischem oder eher düsterem Wetter kann ich gut arbeiten. Bei sommerlichem Sonnenschein fällt mir das schwerer.

von Thun: Kommen wir doch mal zu den Personen in Ihren Büchern, erfinden Sie jeden Charakter selbst oder schauen Sie auch mal welche ab?

Kui: Generell erfinde ich jede Person neu, gelegentlich übernehme ich bestimmte Eigenarten von Menschen in meiner Umgebung, aber niemals so, dass man genau diese Person im Roman wiedererkennen würde. Aber natürlich steckt auch in jeder meiner Figuren ein Stück von mir selbst.

von Thun: Und wenn Sie auf der Straße jemandem begegnen, denken Sie dann manchmal „Der könnte die Vorlage für meinen neuen Hauptcharakter sein.“?

Kui: Eher andersherum, manchmal sehe ich auf der Straße jemanden und denke mir: „Wow, der ist genauso, wie ich mir meine letzte Hauptfigur vorgestellt habe!“

von Thun: Wie kommen Sie denn zu den Namen ihrer Protagonisten? Haben die eine bestimmte Bedeutung oder wählen Sie sie einfach zufällig, sozusagen aus dem Bauch heraus?

Kui: Ich versuche immer Namen zu wählen, die zum jeweiligen Menschen passen. Wenigstens bei den Hauptcharakteren, für Nebencharaktere verwende ich manchmal auch einfach nur Namen, die ich schön finde. Ich habe irgendwann mal eine Datenbank mit Namen angelegt, die ich schon verwendet habe, damit ich sie nicht doppelt vergebe.

von Thun: Wie viele Namen sind da ungefähr drin?

Kui: Das wüsste ich auch gerne, die Liste ist leider nie vollständig gewesen. Vielleicht überarbeite ich sie irgendwann noch mal.

von Thun: Haben Sie selbst Krimi-Vorbilder - also Krimi Autoren, die Sie besonders mögen, an denen Sie sich vielleicht auch ein bisschen orientieren?

Kui: Orientieren nein, aber Vorbilder schon eher: Ich mag besonders skandinavische Kriminalliteratur, da aber auch eher die nicht ganz so bekannten. Ich lese aber auch gern andere Literatur - nur Fantasy mag ich nicht so sehr.

von Thun: Wenn Sie einen Krimi schreiben, denken Sie sich dann auch in die „Bösen“ hinein bzw. können sie nachvollziehen, warum der Täter ein Verbrechen begangen hat?

Kui: Ja. Und das ist mir auch sehr wichtig. Es kann ein seltsames Buch werden, wenn man sich nicht in den Täter hineinversetzt.

von Thun: In wen versetzten Sie sich denn lieber, in „Gut“ oder „Böse“?

Kui: Kommt ganz drauf an. Wenn ich einen schlechten Tag habe, versetzte ich mich lieber in die Bösen (lacht).

von Thun: Haben Sie schon einmal bereut, jemanden zum Mörder werden zu lassen?

Kui: Bereut nicht direkt. Aber es gab schon Täter, um die es mir leidtat. Beispielsweise in Lügensommer und Blaufeuer. Aber meistens fiebere ich doch eher mit den Helden.

von Thun: Sie haben ja vorhin schon gesagt, dass Sie gern in die Natur gehen, um neue Ideen für Bücher zu bekommen. Nehmen Sie sich z. B. einen Block oder Laptop mit und schreiben sich gleich alles auf, was Ihnen einfällt?

Kui: So schlecht ist mein Gedächtnis noch nicht (lacht). Ich konnte schon immer viele Ideen im Kopf behalten, auch für längere Zeit. Ich denk' mir immer: Jetzt fängt das Wochenende an - ich könnte langsam mal was aufschreiben, damit ich es nicht vergesse.

von Thun: Und dann schreiben Sie einfach drauflos oder müssen Sie trotzdem noch lange überlegen?

Kui: Ich mache mir zu allererst einmal Notizen zum Buch. Dann entwerfe ich Personen, Handlungsorte und natürlich ihre Geschichte - das ist dann aber alles noch sehr grob. Meistens ändert sich sowieso noch vieles. Bei meinem Buch Die Welt ist eine Scheibe wollte ich zum Beispiel aus fünf verschiedenen Perspektiven schreiben, also fünf Hauptcharaktere entwerfen, aber ich habe gemerkt, dass die Geschichte glaubwürdiger ist, wenn sie nur aus einer Sicht erzählt wird.

von Thun: Was tun Sie, wenn sie eine Schreibblockade haben?

Kui: Zum Glück bin ich gerade sehr kreativ und habe noch viele Bücher in petto, die ich schreiben möchte. Eine schwerwiegende große Schreibblockade hatte ich noch nie, bei kleineren gehe ich dann einfach ein bisschen in die Natur. Krampfhaftes Schreiben bringt nichts.

von Thun: Sie haben schon erwähnt, dass Sie zurzeit viel Fantasie haben, haben sie vielleicht trotzdem Angst davor, dass Ihnen irgendwann einmal die Ideen ausgehen und Sie nicht mehr wissen, was Sie schreiben sollen?

Kui: Nein, denn ich habe wie gesagt zurzeit noch viele Projekte in Planung..

von Thun: Wie lange schreiben Sie durchschnittlich an einem Buch?

Kui: Das ist schwer zu sagen. Durchschnittlich etwa ein Jahr. Demnächst werde ich ein Buch schreiben, für das ich wohl eher zwei Jahre brauchen werde.

von Thun: Wieso das?

Kui: Weil der Stoff zu umfangreich ist, um ihn in einem Jahr zu bewältigen. Da würde zu viel verloren gehen.

von Thun: Lassen Sie sich manchmal dazu verleiten zwei Bücher gleichzeitig zu schreiben?

Kui: Nein. Ich glaube, das könnte ich auch gar nicht. Wahrscheinlich würde ich irgendwann meine Charaktere durcheinander bringen. Dann würde irgendein Wirrwarr dabei rauskommen. Wenn ich ein Buch schreibe, schreibe ich es bis es beendet ist. Habe ich Ideen für ein weiteres Buch schreib ich sie in Stichpunkten auf, verdränge sie dann aber auch ganz schnell wieder, um mich dem Buch, an dem ich schreibe, widmen zu können.

von Thun: Ich habe erst vor kurzem ihren Krimi Lügensommer gelesen. Der wirklich toll ist. Dabei habe ich mich gefragt, wie Sie auf die Idee speziell für Lügensommer gekommen sind?

Kui: Erst mal: Dankeschön. Das ist eine Frage, die ich nicht ganz klar beantworten kann. Anfangs war schon der Gedanke da, etwas über Geschwister zu schreiben. Die Schwester hübsch, beliebt und der Bruder - mehr so eine Niete. Sie findet ihn peinlich. Doch als es niemand anderes tut, fühlt sie sich verpflichtet, an seiner Seite zu sein. So haben sich dann langsam die Handlung und auch die restlichen Figuren ergeben.

von Thun: Wussten Sie von Anfang an, wer der Täter sein sollte oder hat sich das mehr so im Laufe der Zeit entwickelt?

Kui: Ich wusste von Anfang an, wer es sein sollte, auch das Motiv kannte ich. Ich glaube, es hat wenig Sinn zu schreiben ohne zu wissen, wer der Täter ist.
von Thun: Sie haben vorhin schon gesagt, dass Sie den Täter sehr mochten. Wollten sie nicht zwischendurch doch einen anderen Täter nehmen?

Kui: Nein. Für mich stand fest, wer es ist und warum.

von Thun: Würden sie Lügensommer verfilmen lassen, wenn ja von wem?

Kui: Von niemand Bestimmten, denke ich. Ich würde nur wollen, dass ich meine Figuren irgendwie wiedererkenne. Ich hätte Schwierigkeiten damit, wenn Marit auf einmal als südländische Schönheit durch die nordische Landschaft läuft, weil das dann nichts mehr mit der Romanvorlage zu tun hätte.

von Thun: Hätten Sie für Marit eine konkrete Schauspielerin vor Augen?

Kui: Nein eigentlich nicht. Es müsste nur jemand sein, der gut in die Rolle passt. Ein bayrischer Akzent wäre zum Beispiel ganz schlecht (lacht).

von Thun: Als sie Lügensommer geschrieben haben, hatten Sie einen bestimmten Ort vor Augen?

Kui: Auf jeden Fall Krautsand, für den Badespaß an der Elbe.

von Thun: Meine Mentorin Frau Gold hat sich gefragt, ob Sie vielleicht Apensen im Gedächtnis hatten.

Kui: Stimmt, wegen der Eisfabrik. Ich habe einfach viele Orte gemischt, die Eisfabrik von Apensen liegt jetzt näher an der Elbe, damit Marit nicht so weit vom Strand bis zur Fabrik laufen muss. Das ist auch der Grund, warum ich meinen Orten keine Namen gebe, so habe ich immer noch ein bisschen Spielraum.

von Thun: Was hat der Krimi Lügensommer für eine Bedeutung für Sie?

Kui: Es bedeutet mir insgesamt sehr viel, Bücher schreiben zu können. Mit Lügensommer habe ich mich wieder in die Zeit nach dem Abi zurückversetzt gefühlt, was mir gut gefallen hat.

von Thun: Denken Sie manchmal in bestimmten Lebenssituationen an Lügensommer?

Kui: Jedes Jahr, wenn ich im Sommer an der Elbe bin.

von Thun: Was wollen Sie den Lesern mit Lügensommer zeigen?

Kui: Ich habe kein verstecktes Lehrbuch geschrieben, nein - so ist es nicht. In erster Linie soll es natürlich unterhalten. Aber es ist auch schön, wenn man aus dem Buch lernt, dass man nicht sein ganzes Leben planen kann. Und natürlich auch, dass man manchmal stark sein muss und kämpfen muss, um zu erreichen, woran man glaubt.

von Thun: Gucken Sie denn auch Krimis im Fernsehen?

Kui: Tatort jeden Sonntag. Sofern ich Zeit habe. Und sonst mag ich wieder diese skandinavischen Krimiserien sehr gern.

von Thun: Kennen Sie „Die Brücke“ [Schwedisch-dänische TV-Krimi-Reihe, Anm. d. Red.]?

Kui: Ja, genau der hat mir sehr gut gefallen.
von Thun: Es gibt so viele Krimis, ob Bücher oder auch Filme - was, glauben Sie, macht Krimis so besonders, warum sind sie dermaßen beliebt?

Kui: Ich glaube, viele Menschen mögen es etwas düsterer. Und sie können nach dem Film oder dem Buch sagen: „Das war eine schöne Geschichte, aber von mir ist das weit entfernt.“

von Thun: So nach dem Motto: Das kann mir nicht passieren.

Kui: Genau.

von Thun: Glauben Sie, dass Krimis einen Menschen verändern?

Kui: Ich weiß nicht genau, vielleicht für kurze Zeit: Wenn man gerade einen Krimi gelesen hat und dann durch eine dunkle Gasse nach Hause geht, kriegt man schon eine leichte Gänsehaut. Ein bisschen Nervenkitzel macht Spaß.

von Thun: Verändert Sie das Schreiben von Krimis?

Kui: Ein bisschen, ja, vielleicht. Auf jeden Fall habe ich mich weiterentwickelt. Als Kind konnte ich nur zwischen schwarz und weiß trennen, also entweder böse oder gut. Heute interessieren mich vor allem die vielen verschiedenen Grautöne. Also das: „Wieso hat der Täter so gehandelt, was hat ihn dazu bewegt?“

von Thun: Schreiben Sie gerade an einem Buch?

Kui: Ja, aber da darf ich leider noch nicht viel drüber verraten, sonst gibt´s Zoff mit dem Verlag (lacht). Aber so viel kann ich sagen, dass es diesmal kein Krimi ist, es sich aber trotzdem um das Thema Angst dreht.

von Thun: Und zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wollten Sie niemals weg aus Norddeutschland ?

Kui: Ich wollte tatsächlich mal weg. Ich bin nach Kalifornien übergesiedelt und wollte eigentlich dort bleiben. Hab' aber sehr schnell Heimweh bekommen und bin wieder nach Deutschland zurückgeflogen.

von Thun: Frau Kui, ich bedanke mich sehr herzlich für das Interview.

Von Aussen




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